almis personal blog

Spielen

Ich stecke immer noch tief in der Gedankenwelt von Karl Ove Knausgård. Jetzt werden sich alle denken, oida wie lange noch dieser Knausgård, aber “leider” ist jeder Roman mehrere hundert Seiten dick. Derzeit lese ich Kämpfen, und da haut Knausgård einfach mal ein 400 Seiten Essay über Hitlers Mein Kampf raus. Ich gebe aber zu, das habe ich (vorläufig) überblättert, weil mich mehr interessiert, wie Knausgård Ehekrise weitergeht.

Fertiggelesen habe ich davor Spielen. Es ist das Buch, in dem Knausgård über seine Kindheit schreibt, die auch die schwierige Beziehung zu seinem Vater beleuchtet, auf Seite 336 schreibt er: “Ich hatte eine solche Angst vor ihm, dass ich selbst unter Aufbereitung all meiner Willenskraft nicht in der Lage bin, sie heute wieder heraufzubeschwören.” Warum diese Angst? Seine Mutter ist eine liebevolle und pragmatische Frau, die immer ein offenes Ohr für die Kinder und an der Karl Ove sehr hängt. Der Vater ist das krasse Gegenteil. Wann immer der Volksschulehrer von der Arbeit nachhause kommt, versucht Karl Ove unsicht- und unhörbar zu werden. Er kann nicht mehr frei atmen, er hat immer Angst, etwas falsch zu machen. Und natürlich macht ein Kind von fünf sechs, später zehn, elf Jahren eine Menge “falsch”, nach den komplett abwegigen Ansichten seines Vaters. Was diesen dann dazu bringt, psychisch und physische Gewalt gegen seinen Sohn auszuüben. Er packt Karl Ove bei den Ohren, er wirft ihn aus Wut gegen die Wand, nennt ihn einen Nichtsnutz.

Unter diesem Vorzeichen wundert man sich nicht über die spätere ja, ich würde es Alkoholkrankheit Knausgårds nennen. Es war ein Versuch, seine vielen Verletzungen in dieser Kindheit zu überwinden oder zumindest stark zu verdrängen. Aber er hat aber auch schöne Erinnerungen an seine Kinderzeit und da gilt oft, Happiness isn’t a story, harhar. Er streift mit anderen Kindern durch den Wald, sie spielen Fußball, erkunden die örtliche Müllhalde und essen zu viele Süßigkeiten. Interessanter finde ich, wie Knausgård beispielsweise über seine Großeltern schreibt, wie er sich selbst zu ihnen in Beziehung setzt und überlegt, welche Menschen sie waren, bevor sie Großeltern wurden. Er beobachtet bei einem Besuch: ” (wie) Großmutter und Großvater dort in ihrem Sonntagskleidern saßen, unangefochen von der Umgebung und allem, was in ihr geschah (…)” und weiter “(…) da sah ich sofort, dass sie nicht hierher gehörten” (S.54)

Oft geht es auch darum, was für ein Mensch er selbst war, ist und sein wird und es wundert ihn, dass das Kindheits-Ich genauso wie das zukünftige Greisen-Ich immer “Karl Ove” heißen würde, obwohl es sich dabei um ganz verschiedene Personen handelt. To be continued. Die Ehekrise wird noch arg!

Lesung Baden

Gestern war eine Lesung in Baden und zwar von Halbe Leben der Autorin Susanne Gregor. S. hat mich gefragt, ob ich mit ihr hingehen will und ich wollte sehr gerne.

Vorher ein kleiner Spaziergang durch Baden, hier die Schwechat. Sieht ur hübsch aus, riecht wie in Venedig harhar.

Abendstimmung in Baden

Die Lesung wurde von der Bücherei in Baden anlässlich der Woche Österreich liest veranstaltet und fand im Theater am Steg statt, einem Badner Veranstaltungszentrum, das recht gut besucht war. Dort kann man auch eine Kleinigkeit essen oder trinken.

Der Roman Halbe Leben handelt von der 24 Stunden-Pflegerin, Paulina, aus der Slowakei, einer alleinerziehenden Mutter zweier Kinder, die zwei Wochen im Monat in Oberösterreich arbeitet und sich um eine demente ältere Frau kümmert. Er beleuchtet vor allem das Verhältnis von Paulina zu der (ähnlich alten) Tochter der Patientin, Klara, und die Herausforderungen, die zwischen Arbeitsverhältnis und “Familienanschluss” entstehen.

Gregor hat über ihr Buch (das ich noch nicht gelesen habe) erzählt und zwei Textstellen vorgelesen. Vor allem die Zweite war echt arg, weil sie gezeigt hat, wie schwierig es ist, in diesem Beruf noch ein eigenes Leben zu haben. Die Pflegerinnen fahren ins Ausland, um sich um andere Familien zu kümmern, und können genau das für die eigenen Kinder nicht in diesem Ausmaß tun. Gregor meinte aber, es ginge ihr nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, Realitäten abzubilden und für gewisse Problemstellungen zu sensiblisieren.

Besonders interessant fand ich zwei Dinge, die sie gesagt hat. Zum einen, dass der Titel “Halbe Leben” vom Verlag ausgesucht worden war – ich finde diesen Titel sehr gut. Gregor hätte einen anderen gehabt, meinte aber, der Verlag wisse oft, was “zieht”. Zum anderen sagte sie, sie schreibe dann ein Buch, wenn sie das Gefühl hat, sie muss etwas erklären, was so vielschichtig ist, das man nicht so leicht in einem Gespräch tun kann.

Da habe ich mich sehr wiedergefunden, denn auch wenn mir das so nicht bewusst war, ist das für mich auch zumindest eines der Motive, zu schreiben. Das war bei Geboren in Bozen so, weil ich da oft das Gefühl hatte, eine so frühe Frühgeburt ist ein nicht so einfach fassbares Thema und viel mehr als “das Kind muss halt noch ein bisschen wachsen und zunehmen”. Und das ist bei dem Text, den ich derzeit schreibe (gestern 80.000 Wörter yeah!) auch so.

Nachher hat mich S. noch zum Bahnhof begleitet und wir haben uns über Literatur unterhalten. Sie meinte (zurecht) es gäbe sehr wenige unterhaltsame Bücher mit Anspruch, also Humor wäre eine Marktlücke. Dann sagte sie, ich solle wieder etwas schreiben. Ich sagte dann, das tue ich bereits und sie so: Ist es witzig? Und ich: Nicht wirklich. Harhar. Schade!

Träumen

Jetzt hab ich das zweite Karl Ove Knausgård Buch auch fertig, nämlich Träumen, dass das fünfte Buch in der autobiografischen Reihe ist. Ich finde es aber recht egal, in welcher Reihefolge man die Bücher liest, da in jedem ohnehin alles irgendwie durcheinandergeht und auf anderes referenziert wird. Man weiß als Leserin über Knausgårds“Daddy Issues” Bescheid, auch wenn man Sterben, das sich damit thematisch am meisten auseinandersetzt, noch nicht gelesen hat, weil man vielleicht (wie ich) noch nicht bereit, genauer darüber zu lesen.

Träumen hat mir um einiges besser gefallen als Lieben, weil es als Roman fokussierter ist, ich finde, es hat weniger “Leerläufe”. Es sind seine Jahre in Bergen, die Knausgård hier beleuchtet, in denen er versucht Schriftsteller zu werden. Als er die Akademie für Schreibkunst besucht, die unter anderem von Jon Fosse geleitet wird, der damals noch nicht der berühmte Jon Fosse ist. Die Zeit, in der er später Kunstgeschichte studiert, weil er nicht mehr schreiben kann, mit dem Schreiben kämpft, obwohl er nichts anderes tun will.

Er beschreibt es in Träumen so: “Ich wollte schreiben, es war das Einzige, was ich wollte und ich konnte all jene nicht verstehen, die es nicht wollten, wie konnten sie sich mit einem gewöhnlichen Job zufrieden geben ganz gleich, wie dieser Job aussehen mochte.” (S.524) Und gleichzeitig aber: “Das Schreiben war für mich gleichbedeutend mit Niederlage und Demütigung und damit, mir selbst zu begegnen und zu erkennen, dass ich nicht gut genug war.” (S. 504)

Es sind auch Jahre, in denen er permanent viel zu viel trinkt. Ich frage mich jedesmal, wie kann ein einzelner Mensch überhaupt so viel vertragen. Einmal zerschneidet er sich dabei willentlich das Gesicht, das kommt auch noch ein zweites Mal, in Lieben vor. Wenn man sich Fotos von Knausgard ansieht, dann sieht man zwar keine Narben, aber ich finde, man sieht es dem Gesicht trotzdem an, dass hier irgendwas “eingekerbt” oder “eingeschrieben” wurde. Das direkte Motiv für das Trinken ist seine Unsicherheit, vor allem in Gesellschaft, das kann ich ja wiederum gut nachvollziehen, harhar. Aber das Trinken hilft ja nicht, nicht wirklich. Träume enthält aber auch die Jahre, in denen er seine erste Frau Tonje kennenlernt, heiratet und ja, die beiden sich wieder trennen.

Träumen ist ein gutes Buch für Menschen, die selbst schreiben, selbst mit dem Schreiben hadern, in denen man sich wiedererkennen kann als jemand, der schreiben muss, auch wenn er oder sie noch nicht weiß was, und wie man es anstellen soll.

Zum Tag

Das Kind hat seine theoretische Fahrprüfung bestanden. Hurra.

Danach fragte er mich, ob wir gemeinsam Bio anschauen können und zwar die Proteinsynthese. Und ich: Bitte, es hat einen Grund, dass ich nichts naturwissenschaftliches studiert habe. Harhar, na wirklich. Heute habe ich den Eindruck, dass ich Mathematik, wo ich wirklich schlecht war, noch eher verstehe als so etwas wie Physik und Chemie – oder eben auch Bio, wenn es so kompliziert wird mit Genetik und so.

Jedenfalls habe ich mich eingelesen und jetzt kapiere ich zumindest schon, wie die “Codesonne” funktioniert. Und wie man DNA in mRNA “übersetzt”. Nicht, dass ich wüsste wozu ich das können muss, harhar, aber ich kann es zumindest ungefähr nachvollziehen.

Außerdem hab ich mir die Verkündigung des Literaturnobelpreises live angesehen. Ich tue jetzt als Literaturwissenschaftlerin nicht so als hätte ich schon von dem heurigen Preisträger Laszlo Krasznahorkai gehört, denn das habe ich nicht und folglich kann ich zu ihm nichts sagen.

Gestern habe ich aber btw. gehört, dass Karl Ove Knausgård, dessen Buch Träume ich gerade lese, auch zum erweiteren Favoritenkreis zählen würde. Und mein erster Gedanke: Oh Scheiße, dann kann ich mir die restlichen Bücher nicht mehr ausborgen. Die sind dann sicher für Monate in der Bücherei ausgeliehen. Sorry Karl Ove für diese egozentrische Denkweise, aber bis nächstes Jahr bin ich dann fertig damit, harhar.

Wobei ich nicht unbedingt glaube, dass Knausgård eine Chance hätte. Er ist auf eine Art unangepasst, die der Nobelpreis-Jury, denke ich, als das “falsche” unangepasst erscheint.

Soweit mein Donnerstag.

Lieben

“Ein Leben ist einfach zu verstehen, es wird von wenigen Faktoren bestimmt. In meinem waren es zwei. Mein Vater und dass ich nirgendwo zu Hause gewesen war.” (Seite 720)

So schildert Karl Ove Knausgård seine “Lebensthemen”, die ihm zu dem machten, der er war und vielleicht immer noch ist. Lieben, das zweite Buch seines autobiografischen Projekts, schildert vor allem die Beziehung zu seiner zweiten Frau Linda und das Leben mit den drei (bis dahin geborenen) Kindern Vanja, Heidi und John. Drei unter vier Jahren oder so. Man darf sich auf keinen Fall eine annähernd klassische Romanstruktur vorstellen, es gibt keinen Spannungsbogen und keine Conclusio. Dafür beschreibt Knausgård alles detailliert, auch die Verkäuferin in der Bäckerei.

Ich bin da zwiegespalten. Einerseits habe ich so viele Passagen herausgeschrieben, weil sie so toll und oft poetisch formuliert waren, weil Karl Ove Knausgård ein wahnsinnig aufmerksamer Beobachter ist, der alles in wirklich wunderbare Beschreibungen kleidet. Andererseits war es oft auch zu viel Information über Menschen, die in Knausgårds Leben halt kaum eine tragende Rolle spielen, wie die besagte Bäckereiverkäuferin, wie irgendwelche Passanten, mit denen er ins Gespräch kommt oder sie auch nur ansieht, wie Menschen, die mit ihm im Zug fahren etcetera. Es ist manchmal etwas anstrengend, da immer “mitzugehen”, weil alles so ungewichtet nebeneinandersteht.

Besonders interessiert war ich an seiner Paarbeziehung und dem Elternsein, das natürlich auch viel Raum einnimmt. Und hier verstehe ich Knausgårds Entscheidungen teilweise gar nicht (was aber natürlich auch interessant ist). Denn natürlich liebt er Linda, aber schon sehr bald wird klar, dass es nicht so richtig funktioniert und zwar aus ganz vielen verschiedenen Gründen; unter anderem, weil Linda gerade einen Suizidversuch hinter sich hat und das viele Herausforderungen birgt (verständlicherweise). Während andere Menschen die Partnerschaft dann vielleicht überdacht hätten, beschließen die beiden, ach bekommen wir doch mal ein Kind. Und als es mit dem Kind anstrengend ist und das die Beziehung zusätzlich belastet, denken sie nicht etwa ok, lass uns das Leben erstmal irgendwie mal auf die Reihe kriegen, sondern sie beschließen, na dann bekommen wir halt noch ein Kind. Und dann noch eines. Ich muss sagen, eine für mich doch eher unorthodoxe Vorgangsweise, harhar.

Er beschreibt Linda – die es übrigens tatsächlich mit diesem Namen gibt und die dieses Buch abgesegnet hat einmal so: “Linda war am ersten Tag und ein paar Stunden des zweiten freundlich, wandte sich dann jedoch ab, strahlte diese Feindseligkeit aus, die mich in den Wahnsinn treiben konnte, nicht, wenn sie ausschließlich mich traf, ich war es gewohnt (…) sondern wenn sie andere traf.” (S. 367) Und über die Zeit mit seiner erstgeborenen Tochter: “Der Herbst ging in den Winter über, das Leben mit Kinderbrei und Kinderkleidung, Kindertränen und Kindererbrochem, zwischen sinnlos vorüberziehenden Vormittagen und leeren Nachmittagen belastet mich auf die Dauer, aber ich konnte nicht klagen, konnte nichts sagen.” (S. 469)

Und: “Es gab die Erwartung von etwas anderem, als würde noch etwas kommen” (S, 265), aber es kommt halt nicht anderes. Das ist der Ton, auf den man sich bei Lieben dauernhaft einstellen muss. Es ist interessant, aber nicht die leichteste Lektüre in mehrfacher Hinsicht.

Work/Life Balance

Ein Auftraggeber hat mir geschrieben, für den ich seit 20 Jahren immer wieder arbeite. Er schreibt: “Es kommt demnächst viel, ich glaube, so viel wie vermutlich noch nie von mir.” Ach wie freue ich mich, wie freut sich jeder Selbstständige über solche Ankündigungen. Ich weiß jetzt, dass ich bis nächsten März oder April damit beschäftigt sein werde, es ist noch dazu thematisch interessant, ich liebe alles daran. Ich liebe es, mir meine Zeit einteilen zu können, und frühmorgens (gestern hab ich ab 5 Uhr gearbeitet, weil ich nicht schlafen konnte) und abends zu schreiben, auch am Wochenende wenn ich Lust habe. Dafür gehe ich halt mal werktags auch auswärts essen oder mache einen Ausflug.

Ich überlege mir beispielsweise, dieses Jahr einen Tag auf die Buch Wien zu gehen. Das wollte ich schon voriges Jahr machen, aber ganz ehrlich, ich zahle nicht gut 20 Euro, damit ich mir dort (woke) Propaganda reinziehe, (unbezahlte Werbung harhar), dafür müsste man eher mir was zahlen. Dieses Jahr sieht es besser aus im Programm und ich würde gern die Lesungen von Doris Knecht besuchen, ihr letzter Roman Ja Nein Vielleicht hat mich ja begeisert, und vielleicht noch Milena Michiko Flašar, ihre Japanischen Geschichten; die Autorin habe ich schon mal im Museumsquartier gehört und sie liest so angenehm, dass man ewig zuhören könnte. Außerdem klingt Florian Illies Roman Wenn die Sonne untergeht über die Familie Mann interessant. Dann gibt es noch einen Vortrag über “Binge Watching als Kunstform” und einen namens “Hinter der Kulisse der Wiener Ringstraße”. Das alles ist am Freitag ziemlich hintereinander, also das würde sich anbieten.

Und vielleicht kauf ich mir ja noch ein, zwei Bücher dort, harhar.

Knausgård

Ich werde sicher noch einiges über One Battle After Another schreiben, wenn ich mich durch die “Sekundärliteratur” gearbeitet habe. Derweil war ich aber auch auf der Suche nach einem neuen Roman den ich lesen kann.

Eigentlich hab ich das Buch Lieben von Emilia Roig gesucht, aber dann hat mir die Büchereienwebseite zuerst ein anderes Werk gleichen Titels angezeigt, nämlich von Karl Ove Knausgård, einem der wichtigsten norwegischen Autoren der Gegenwart, wie ich jetzt weiß. Und nachdem ich weiter recherchiert habe, habe ich zusätzlich noch erfahren, dass Knausgårds Roman ein Teil seines autobiographischen Projekts ist. In Lieben geht es um die Zeit in seiner Ehe, als die Kinder klein waren, was immer eine ziemliche Herausforderung für Paarbeziehungen ist, so auch für seine. Solche Themen interessieren mich ungemein. Ich habe die ersten Seiten probegelesen und dann beschlossen, ich fahre in die Bücherei Billrothstraße, weil dort ist es vorrätig.

Nachdem ich aber schon wieder so schlecht schlafe und wirklich manchmal ein bisschen neben mir stehe, gehe ich also in die Bücherei und denke mir, hm, das schaut aus, als gäbe es da nur Kinderbücher. Und nachdem ich minutenlang alles absuche, muss ich feststellen: Ja, hier gibt es tatsächlich nur Kinderbücher, harhar. Ich kann mir doch nicht eingebildet haben, dass diese Buch in der Billrothstraße zu finden ist. Ich google die Büchereien-Webseite um nochmal nachzusehen, bzw ich versuche es, die Seite ist aber gerade down. Hmpf. Fragen will ich auch nicht. Na gut, denke ich, kann man nichts machen. Ich verlasse, die Bücherei, gehe ein paar Schritte weiter und siehe da, im Nebenhaus ist noch eine Bücherei. Harhar. Und zwar eine mit Erwachsenenliteratur und noch dazu sehr gut kuratiert, generell sehr viel Biografisches: Kafka und Karl Kraus und Astrid Lindgren, ich hätte am liebsten alles mitgenommen.

Tatsächlich aber dann die nächste Überraschung: Das Buch von Knausgårds ist so dermaßen dick und fett, dass ich nur dieses mitnehme und noch eines aus der biografischen Reihe, das Träumen heißt. Es gibt dann noch Kämpfen, Sterben, Leben und Spielen. Ich werde vielleicht alle sechs Bücher lesen, kommt drauf an, wie mir diese beiden gefallen, aber nicht chronologisch. Die Buchreihe heißt übrigens auf Norwegisch Min kamp (Mein Kampf), aber dieser Name eignet sich für den deutschen Buchmarkt nicht so wahnsinnig gut, harhar.

Jetzt tauche ich also ein, in die Welt von Knausgård der übrigens sagte: “Im Leben ist es sehr, sehr schlecht, sensibel zu sein, aber für einen Schriftsteller ist es sehr gut.”

Permeabel

Jetzt habe ich Der Horizont von Patrick Modiano ausgeborgt, weil er dort von Jahreszeiten in Jahreszeiten schreibt, das fasziniert mich irgendwie.

Nämlich zum Beispiel:

“In welcher Jahreszeit war er bloß? (…) Wahrscheinlich Frühling im Winter, wie er die schönen Tage im Januar und Februar gerne nannte. Oder Sommer im Frühling, wenn es im April schon sehr heiß ist. Oder einfach Nachsommer, im Herbst – all diese Jahreszeiten, die miteinander verschmelzen (…)”

Patrick Modiano, Der Horizont, S. 164

Das hat mich an den Roman Der Himmel kennt keine Günstlinge (sperriger Titel) von Erich Maria Remarque erinnert, den ich in meiner Dissertation analysiert habe. Remarque schreibt da von einer jungen Frau, die unheilbar krank ist und der folgendes durch den Kopf geht:

“Sie hat keine Zeit für Wiederholungen (….)” viel mehr will sie “jetzt eine Stunde leben, aus meinem fünfzigsten Jahr – dann eine aus meinem dreißigsten, dann eine aus meinem achzigsten – alle in einem Tag, wie ich gerade Lust habe (…)”

Erich Maria Remarque, Der Himmel kennt keine Günstlinge, S. 237

Diese Stellen passen zusammen oder empfinde das nur ich so?

Und es passt auch ein bisschen dazu, was mir selbst manchmal durch den Kopf geht, wenn ich zum Beispiel mit geschlossenen Augen auf dem Sofa liege und nur auf die Geräusche von draußen höre. Kann man, so denke ich oft, nur anhand der Geräusche feststellen, in welcher Zeit man lebt? Was gerade so passiert auf der Welt? Haben sich die Geräusche draußen seit meiner Kindheit geändert? Die Motoren der Fahrzeuge, das Geschrei am Spielplatz, das Brummen der Flugzeuge, das Türenknallen, das Vogelgezwitscher? Und wenn ja, auf welche Weise?

Mein Jahr der Ruhe & Entspannung

Wenn man die Autorin Ottessa Moshfegh kennt, vielleicht das Buch Eileen gelesen oder den gleichnamigen Film gesehen hat, dann ahnt man natürlich, wenn “Ruhe und Entspannung” draufsteht, dann geht es wahrscheinlich um das genaue Gegenteil. Die Ausgangslage ist zwar diese, dass die Protagonistin für ein Jahr (2000-2001) in einen Dauerschlafzustand begeben will, um sich zu regenerieren und quasi “neu geboren” zu werden. Aber nachdem wir keine Bären, Murmeltiere oder Igel sind, schaffen wir das nicht auf eine physiologisch gesunde Art und Weise. Und wer, wie gesagt, Moshfegh kennt, ahnt, was kommt.

Das Cover ist super, weil es – wie der Titel – den Inhalt komplett konterkariert

Die Protagonistin von Mein Jahr der Ruhe und Entspannung schießt sich – nachdem sie eine “Therapeutin” gefunden hat, die sich ausschließlich der Medikamentenmedizin verschrieben hat – regelmäßig mit verschreibungspflichtigen Psychopharmaka, die teilweise auch noch kontraindiziert sind, ab. Natürlich nicht “einfach so”, es liegt eine schwere Depression dahinter; sie hatte eine lieblose Kindheit, dann sind die Eltern gestorben, der Lover war er Arsch, die Nebenjobs zum Studium bedeutungslos und der Sinn des eigenen Lebens will sich nicht einstellen.

Nun ist ja die Prämisse jemand will ein Jahr schlafen – fast das Gegenteil von Schlafes Bruder übrigens – vielleicht theoretisch interessant als Idee, aber funktioniert das als Roman, der ja eigentlich davon lebt, dass irgendwie doch auch erzählenswerte Dinge passieren? Meine Antwort: Nicht wirklich. Es sei denn, man hat einen Medikamentenfetisch, dann werden einen die seitenlangen Schilderungen der Wirkweise von Schmerzmittel und Barbituraten bezaubern. Sehr oft liest man auch detailiert, wie weggetreten und psychotisch die Protagonistin wird und ich fand das einerseits höchst unangenehm, weil ich selber Kontrollverlust durch Substanzen recht fürchte; andererseits aber auch ziemlich redundant und, ja, langweilig, obwohl Moshfegh gut schreibt.

Ein bisschen Abwechslung entsteht dadurch, dass es Rückblenden gibt, die Schilderungen der vereinzelten Besuche von der besten Freundin der Protagonistin und einmal verlässt sie das Haus länger, um ein Begräbnis zu besuchen. Die meiste Zeit aber versumpert sie in ihrer Wohnung, wird immer dünner und ungepflegter (bisschen Charlotte Roche Vibes hier) und man fragt sich, wie hält der menschliche Körper das aus? Gleichzeitig vermisst man aber jegliche Form von Tiefe oder “Analyse”. Ja, vermutlich ist das Absicht, weil die Protagonistin sich ja eben nicht mit ihren Problemen beschäftigen will, sondern diese ganz bewusst “wegschläft”. Konsequent, aber man bleibt als Leserin dann eben irgendwie ebenso leer zurück wie die Protagonistin.

Ein wenig Leben – Epilog

Noch etwas, was ein bisschen mit Ein wenig Leben zu tun hat, aber nur im Ansatz.

Das Titelbild des Romans zeigt das Foto “Orgasmic Man” von Peter Hujar. Ich finde ja eher, dass es nach Schmerz aussieht, aber Schmerz und Lust liegt ja manchmal auch nahe beieinander. Jedenfalls lese ich so den Namen Peter Hujar und plötzlich hatte ich so ein Aha-Erlebnis.

Denn: Der Regisseur Ira Sachs bringt heuer noch einen Film names Peter Hujar’s Day heraus. Sein Film Passages hat mich vor zwei Jahren so begeistert, dass ich ihn bei unserer Uncut Filmwertung auf Platz 2 des Jahres 2023 gesetzt habe (nach Oppenheimer und im kompletten Kontrast zu diesem). Ich mag Sachs’ Themen, den Look seiner Filme und ich mag seine Art, Charaktere zu porträtieren (auch den Orsch Peter Rogowski in Passages, boah ich hab ihn so gehasst harhar) Und der Trailer von Peter Hujar’s Day hat mir ur gut gefallen. Nur dachte ich bisher, das wäre eine fiktive Person, was doch eher peinlich ist und eine Bildungslücke ausweist. Aber naja.

Eigentlich sollte Peter Hujar’s Day beim Queerfestival im Votivkino laufen, aber anscheinend hat man sich das anders überlegt. Ich hoffe sehr, dass er einen normalen Kinostart bekommt, weil er beleuchtet, Nomen est Omen, einen Tag im Leben von Hujar (dargestellt von Ben Whishaw, der auch in Passages dabei war, aber als Sympathieträger) – Peter Hujar trifft die Autorin Linda Rosenkrantz in ihrem Apartment und wird von ihr gebeten, minutiös alles zu protokollieren, was er am 18. Dezember 1974 gemacht hat.

Im Trailer sagt Whishaw als Hujar: “I often have a feeling that in my day nothing much happens and I wasted it”. Und Rosenkrantz antwortet: “That’s why I’m doing this actually, to find out how people fill up their day.”

Ich finde das so interessant, ich muss diesen Film unbedingt sehen.