Nachdem ich die Verfilmung von Der Fremde – nach einem Roman von Albert Camus – durch Francois Ozon gesehen habe, habe ich auch gleich noch das Buch gelesen. Es ist ein recht schmaler Band, der in Frankreich offenbar Schullektüre ist. Und es ist tatsächlich erstaunlich, in welcher “einfachen”, aber sehr poetischen Sprache hier erzählt wird, wo das Werk doch als eines der Hauptwerke des Existentialismus gilt und sich jeder denkt: Oh Camus, sicher komplett unverständlich. Was ich mich persönlich beim Lesen (und schon während des Filmes) wirklich unironisch gefragt habe: Ist das noch Existentialis- oder doch schon Autismus?
Es geht in Der Fremde um den jungen Mann Mersault – ein Vorname wird nie genannt – der in den 1930er Jahren in Algier lebt. Gerade ist seine Mutter gestorben und er muss zu ihrem Begräbnis. Dabei bleibt er allerdings weitgehend emotionslos. Es wäre ihm irgendwie schon lieber, sie würde noch leben, so reflektiert er einmal, aber Trauer verspürt er auch nicht. Was sich auch im vielleicht wichtigsten (ersten) Satz des Romanes manifestiert: “Heute ist meine Mutter gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiß es nicht.”
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Mersault weiß vieles nicht, obwohl er keineswegs dumm ist. Er ist ein genauer Beobachter, er reflektiert dauernd,, aber als Leser hat man das Gefühl, er kommt zu keinen Ergebnissen, bleibt merkwürdig indifferent. So beginnt er am Tag nach dem Begräbnis ein Verhältnis mit der ihm schon flüchtig bekannten Marie. Als sie einige Zeit später fragt, ob er sie liebe, sagt er so was ähnliches wie: Das hat keine Bedeutung. Kaum eine Bedeutung hat auch, was zum zweitwichtigsten Satz des Romanes führt, nämlich sein Mord oder eher Totschlag eines Arabers: “Ich habe einen Araber getötet” Daraus haben The Cure übrigens einen Song Killing an Arab gemacht, der auch im Abspann des Ozon Films läuft.
Obwohl es sich bei besagtem Arbaber um einen Widersacher von Mersaults Nachbarn Raymond handelt, gibt es für den Mord keinen “Grund” – also es gibt sowieso nie eine Rechtferigung dafür, aber hier gibt es nicht mal einen besonderen Auslöser, wie zum Beispiel ein Affektzustand. Selbst der direkt betroffene Raymond geht einer Auseinandersetzung aus dem Weg. Im Prinzip hat Mersault nur die Sonne am Strand geblendet, als er diese Tat begeht. Der zweite Teil des Romans handelt vom Prozess gegen Mersault. Und obwohl Franzosen in Algier dieser Zeit bei einem Gerichtsprozess die ungleich besseren Karten hätten, scheint Mersault hier seine komplette Gleichgültigkeit auf den Kopf zu fallen. Aber auch das lässt ihn, man ahnt es, relativ kalt. Er bringt nicht einmal genug Energie auf, um eine kohärente Verteidigungslinie zu entwerfen.
Mein drittliebster Satz des Romans ist übrigens: “Mama sagte oft, dass man nie ganz und gar unglücklich sei.” Das hat irgendwie so etwas tröstliches, lebensbejahendes. Damit kann ich sehr viel anfangen, weil das Leben einfach schön ist, trotz allem, auch wenn es einem schlecht geht. Interessant ist, dass Mersault, der ja sowas wie Glück gar nicht zulässt, diesen Satz seiner Mutter so herausstreicht.
Die Ozon Verfilmung ist sehr werkgetreu und hat mir gut gefallen, wobei der Gerichtsprozess etwas fader in Szene gesetzt wird als im Buch. Der Fremde wurde schon zuvor verfilmt, ich hätte auch gerne vorige Woche die Visconti Verfilmung (Lo Straniero) mit Marcello Mastroianni im Filmmuseum gesehen, aber sie war tatsächlich ausverkauft. Allerdings, wie Pia Reiser in Podcast meinte, Visconti wollte damals eigentlich Alain Delon für die Rolle, weil der so aalglatt wirkt und man ihn bewundert, aber nicht mit ihm mitfühlt. Während Mastroianni, der die Rolle letztendlich spielte, eher fehl am Platz ist, weil er so ein warmer, herzlicher Typ ist, wenn natürlich auch sehr fesch (so Pia Reiser). Harhar, das stimmt, ich mag ihn auch sehr gern, muss aber zustimmen, so teilnahmslos wie Delon kann er nie wirken.
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