almis personal blog

Sam’s Town

Unlängst habe ich ein Video auf Social Media von Brandon Flowers, dem Sänger der Band The Killers, gesehen, in dem er darüber spricht, dass das zweite Album der Band namens Sam’s Town jetzt dieser Tage 20 Jahre alt wird. Also es ist ein Jahr nachdem ich selbst in Vegas war entstanden.

Bei den Killers ging es mir so wie mit Pulp. Sie waren eine zeitlang meine Lieblingsband, während zeitgleich Muse die Lieblingsband meines Freundes war. Die Killers werden ja immer so ein bisschen belächelt, ich weiß gar nicht genau wieso, ich habe sie sehr geliebt und die Platte Sam’s Town besonders. Weil beim ersten Album Hot Fuss dachte man noch, ah das ist wieder eine Brit Pop/Rock Band, und da gabs diesen großen Hit Mr. Brightside. Aber die Killers waren gar nicht aus England, sie kamen aus Las Vegas. Man hörte es aber eben nicht. Das hat sich bei Sam’s Town geändert und Flowers sagt in dem aktuellen Video auch: “We didn’t know how american we were until we left America” Und “Speaking for myself, I wanted to represent, where I was from. We did the best to take in the desert and the way our parents talked and the lessons we learned.” Finde ich ur schön formuliert und sehr interessant.

Ich mein, es ist eh irgendwie komplett surreal, wie man in Las Vegas aufwachsen kann, wie man zum Beispiel von der Volksschule nach Hause geht und in der Ferne sieht man den Strip, irgendwie so ein artifiziell-kapitalistischer feuchter Traum von Investoren und Konzernen ist – bzw. noch früher der Mafia. Aber ich muss auch ehrlich sagen, die Stadt ist so gaga und drüber, dass es schon wieder spannend ist. Und generell war ich persönlich auf meiner USA/Kanada Reise am meisten fasziniert von den Städten, die am wenigsten mit Europa zu tun hatten und das waren Los Angeles und Las Vegas. Da hab ich mir immer gedacht: Wie kann man hier überhaupt leben.

Ok, zum Song Sam’s Town – der übrigens nach einem Casinokomplex benannt ist, der allerdings abseits des Strips liegt, in der Gegend, in der Flowers aufgewachsen ist. Der Song ist bombastisch-glamurös, mit Synthesizer, aber auch mit Indie-Gitarren und er hat einige Tempowechsel, was ich sehr gern mag. Ich finde es nämlich super, wenn Songs anders funktionieren als das sonst der Fall ist, wenn man sich nicht so ganz auskennt in einem Song. Und natürlich ist er, wie praktisch alle Killers Songs, irgendwie melancholisch, auf eine Art und Weise, die mich nicht übermäßig deprimiert. Flowers besingt das Vegas abseits der Touristenpfade und Klischees ebenso wie den Druck, den er nach einer Welttournee spürt: “I am sick of all my judges, so scared of what they find”. Am Ende schlägt er eine symbolische Brücke zwischen seinen Welten: “I see London, I see Sam’s Town now.”

Marsupio

Am Montag gab es folgende Frage bei Wer wird Millionär:

Mein Favorit: Thunfisching!

Das ist natürlich easy für mich. Auch wenn es in Bozen nicht so genannt wurde, sondern Marsupio, italienisch für Beutel, klingt ein bisschen sachlicher.

Und damit man weiß, wie lange es dauern kann bis ein extrem frühgeborenes Kind sein erstes “Känguruing” machen kann: Es ist ungefähr nach der 420. SMS-Frage von Menschen aus Wien: “Wann darfst du ihn endlich halten?”. Oder anders gesagt: Sechs Wochen nach der Geburt. Und es war irrsinnig umständlich, mit den vielen Kabeln und Sensoren, die ja am Baby dranhängen, und auf der anderen Seite am Überwachungsmonitor. Man legt sich dabei das Baby nur mit Windel bekleidet auf den nackten Oberkörper und eine warme Drecke drüber. Ich kann mich noch erinnern, als die Schwester beim ersten Mal meinte: “Leider hab ich gerade nur noch eine rosa Decke.” Und ich so: “Es wird ihm wurscht sein.” Heutzutage könnte man ja so einen Dialog aus ideologischen Gründen gar nicht mehr so führen, harhar.

Jedenfalls war die Känguruh-Therapie wirklich super, hat auch messbar (Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung) gute Ergebnisse gebracht.

19 Jahre später, genießen wir gerade das Studentenleben, harhar.

Ein Windrad vom Bauhaus (unbezahlte Werbung)

Und ich werde zum Bauhaus chauffiert, danach düngen wir gemeinsam die Blumen und gehen essen, stehen eine Stunde im Tangentenstau und selbst das ist schön.

Bin immer noch sehr dankbar für Marsupio und alles andere, das geholfen hat.

Gentle Monster

Worum geht es also genau? Die Musikerin Lucy (Lea Seydoux) ist mit ihrem Mann Philipp (Laurence Rupp) und Sohn Johnny kürzlich aufs Land, in ein Dorf in der Nähe von München gezogen. Philipp, der in der Filmbranche arbeitet, erholt sich von einem Burnout, doch das idyllische, naturnahe Leben wird je von einem Polizeieinsatz unterbrochen. Philipp muss den Beamten aufs Kommissariat folgen. Die entgeisterte Lucy versteht die Welt nicht mehr, als sie erfährt, wieso Philipp verhaftet wurde…

ACHTUNG MÖGLICHE SPOILER

Es tut mir leid, aber ich war von so vielen Dingen in diesem Film so enorm irritiert, die im Grunde gar nichts mit der Haupthandlung zu tun haben, dass es mir schwerfiel, wirklich in Gentle Monster einzutauchen.

Lucy ist Pianistin und Sängerin, aber ihr Fach ist nicht die Klassik, nein, sie tritt mit Popsongs der 1980er und frühen 90er Jahre in Konzertsälen auf und die konservativ gekleideten Menschen jubeln ihr zu. Ich mein, ich liebe Popmusik dieser Zeit, aber: Wie? Warum? Der Song, mit dem der Film eröffnet wird, ist Would I Lie to You von Charles und Eddie, den ich überhaupt nicht liebe, der mir schon 1992 extrem auf die Nerven gegangen ist und der hier irgendwie für mich die Funktion hat, uns darauf zu stoßen, dass in diesem Film hier irgendwer lügt, das aber bestreitet. Später singt sie Boys Don’t Cry, einen wesentlich bessern Song von The Cure. Und Pia Reiser sagte im fm4 Filmpodcast, über the Cure wurden circa 800 Feuilletontexte geschrieben und über Charles und Eddie keiner – ja, das hat auch einen Grund, harhar.

Zweitens hat mich dieses Sprachgemisch sehr gestört. Lucy ist Französin und spricht fast nur französisch, versteht aber recht viel auf deutsch, antwortet aber dann in der Muttersprache. Dazwischen sprechen die Leute auch noch englisch. Drittens sagt Philipps Mutter einmal über ihren Sohn: “Er arbeitet zuviel”. Lucy: “Er baut sich etwas auf.” Wir sehen Philipp im Film aber praktisch nie irgendwas arbeiten. Viertens: Lucy zieht mit Johnny vorübergehend zu ihrer Mutter (übrigens Catherine Deneuve). Eines Abends sitzen sie auf dem Sofa und Lucy legt sich der Mutter auf den Schoß und weint und die Mutter sagt: “Ich habe das Gefühl, hier stimmt etwas nicht.” Was? Nur weil die circa 40 jährige Tochter mit dem kleinen Enkelsohn auf einmal bei dir einzieht, wortkarg ist und irgendwann anfängt zu weinen, ist gleich was nicht in Ordnung? No shit, Sherlock. Fünftens: Wieso heißt der Sohn einer Französin und eines Altausseers ausgerechnet Johnny.

Ich weiß, das klingt alles total kleinkariert, aber ich habe mir hier mit ganz viel Details einfach schwer getan. Der Film an sich war für mich wie eine überlange Tatort-Folge, vermutlich kann man einen Film über so ein Thema auch nicht gänzlich anders drehen. Weil das alles auch irgendwie zu ernst ist, für irgendwelche Experimente. Gegen Ende wurde Gentle Monster für mich aber zugegebenermaßen doch noch interessanter, weil es gab eine Rückblende, die ein bisschen diesen Ermittlungs-Duktus unterbrach und der Moment, als Lucy herausfindet, dass Philipp sie angelogen hat, war wirklich spannend inszeniert.

Im fm4 Film Podcast haben mir zwei Aussagen von Marie Kreutzer sehr gut gefallen. 1.) Sie hat Laurence Rupp besetzt, weil er als Schauspieler und Mann nichts mysteriöses hat, man kann in ihn nichts Dunkles hineinlesen. Das wollte sie vermitteln, dass er eben nicht wie ein “Verbrecher” wirkt. 2.) Bei Lucy ist mir das besonders aufgefallen, dass sie im Film ein Kleid trägt, das eine Spur zu klein und kurz ist. Kreutzer meinte, die Kostümbildner wollen das ja immer vermeiden und eine Nummer größer kaufen, aber: “Wir tragen alle mal Sachen, die uns ein bisschen zu klein oder ein bisschen zu groß sind. Oder wir tragen auch einmal etwas, was uns eine Stylistin vermutlich nicht angezogen hätte. Das ist das Leben.” Das fand ich sehr sympathisch.

Slow Sunday

Heute beim Frühstück schon sehr gelacht, über diesen ORF-Text aus der Rubrik: Wunderschöne Alltagsprosa:

Oder ist das eine Nachricht in einfacher Sprache?

Ansonsten einen ruhigen Sonntag gehabt.

Ein Tag, an dem die einen mit kurzen Hosen gehen, die anderen schon in leichter Daunenjacke.

Ein Tag, an dem der Pool gerade noch nicht eingewintert ist, die Heizung im Bad aber gerade schon läuft.

Ein Tag, an dem ich endlich in der prallen Sonne liegen kann (mit langer Hose) und es ist nicht mehr heiß, sondern gerade angenehm.

Ein Tag, an dem ich alle Tageszeitungen und Klatschzeitschriften der vergangenen Wochen lese, die ich noch nicht kannte. Ich weiß jetzt Bescheid über Meghan und Harry zurück in UK und Sarah Connors Beziehungsdefinitionen.

Ein Tag, an dem ich den Projektvertrag unterschreibe und mich auf die neue Arbeit freue.

Ein Tag, an dem ich generell über manche Dinge erleichtert bin.

Ein Tag, der auch Tag des Denkmals ist, das war schön früher. Heute löst es viele Erinnerungen aus, sie sind noch zu nahe. Vielleicht gehe ich irgendwann einmal wieder und sehe mir etwas an.

Ein guter Tag, gutes Wochenende.

Geburtstag

Heute wurde familienintern Geburtstag gefeiert.

Das Schöne an Patchwork jeder ist für irgendwas zuständig. Ich diesmal für die Servietten, harhar.

Zuerst gab es auf Wunsch Lasagne:

Lasagne mit Parmesankruste (mhmm) und süße Servietten harhar

Danach startete das Formel 1 Rennen in Baku (voll hübsche Altstadt!) und die Torte musste warten.

Ich so alle zehn Minuten: Jetzt vielleicht die Torte? Safety Car Phase 1: Die Torte? Saftey Car Phase 2: Äh die Tooorte? Aber es war immer zu spannend. Rote Fahne gabs auch keine, also mussten wir bis zum Ende des Rennens um 15 Uhr warten!! Und dann hätte Verstappen fast gewonnen – 0,196 Sekunden Rückstand. Da hätt er sich schon noch bisschen anstrengen können, für unsere Feier. Aber wir wollen mal nicht unbescheiden sein.

Tolle Torte, auch nicht von mir gemacht

Danach noch Bescherung, endlich mal waren meine Rubbellose (mein Signature Geschenk) recht erfolgreich – zwei Lose, Gesamtgewinn 18 Euro.

Dabei hatte ich zum Kind gesagt, dass ich mir auch ein Los für mich gekauft hätte und drei Euro gewonnen und daher wären seine Chancen jetzt geringer. Und jemand sagte daraufhin zu mir: “Wahrscheinlichkeitsrechnung ist nicht deine Stärke”. Nein natürlich nicht, aber trotzdem dachte ich irgendwie… naja egal. Harhar

So ein schöner Tag.

Mephisto

So. Ich habe jetzt Mephisto gelesen. Kurz ein paar Fakten.

Der sechste und erfolgreichste Roman von Klaus Mann wird als Schlüsselroman über den Schauspieler Gustaf Gründgens bezeichnet, der, obwohl homosexuell, kurzzeitig mit Manns Schwester Erika verheiratet war und der im Nazi-Deutschland eine große Karriere machte, unter anderem auch deshalb, weil er sich mit dem Regime “arrangierte”. Im Buch heißt Gründgens Hendrik Höfgen und der Bezug zur porträtierten Person ist ziemlich klar, wenn gleich Mann davon spricht, nur “Typen” zu beschreiben. Beide feierten ihren größten Erfolg aber etwa als Mephisto, dem Antogonist (und Teufel, Doppeldeutung!!) in Goethes Faust. Nach dem Tod von Mann und Gründgens klagte Gründgens’ Adoptivsohn auf Verbot des Buches, ihm wurde in der sogenannten Mephisto-Entscheidung 1971 recht gegeben, das Buch durfte nicht mehr gedruckt werden. Doch die DDR ignorierte das Urteil und später wurde der Roman auch in Westdeutschland neu verlegt. Da niemand mehr Einspruch erhob, wurde nicht nur das Buch selbst zum Erfolg, sondern auch der gleichnamige Film mit Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle, der auch den Oscar in der Kategorien Best Foreign Language Film für Ungarn gewann.

Mephisto ist in einem ironisch-nüchternen Ton verfasst, Mann beschäftigt sich stark mit der jeweiligen Physiognomie seiner Figuren, über die er den Charakter so intensiv darstellt, dass es mit der Zeit schon etwas ermüdend wird. Höfgen selbst hat einen “aasigen” Gesichtsausdruck – der für uns heute ungebräuliche Begriff, der so etwas wie “widerlich” bedeutet, und das kommt wirklich dutzende Male vor. Emotional kommt man den Figuren dafür kaum nahe. Mann hat sich geweigert, seine Hauptfigur wie das vermeintliche Vorbild zu einem Homosexuellen zu machen, vermutlich weil er diese damals verbotene Neigung nicht noch mit einem zweifelhaften Charakter verknüpfen wollte. So ist Höfgen stattdessen in der SM-Szene unterwegs und lässt sich von der Halb-Afrikanerin Juliette regelmäßig auspeitschen. Wie Mann Juliette beschreibt, ist allerdings auch ziemlich klischeehaft, um es vorsichtig auszudrücken (Stichwort Exotik und Wildheit), aber wahrscheinlich der Zeit der 1930er Jahre geschuldet.

Gut ist, dass Höfgen nicht als der klassische “Böse” dargestellt wird, was auch sehr langweilig wäre, sondern zwar als Opportunist und Karrierist, aber auch als jemand, der durchaus ein Gewissen hat und auch als Mensch, der sich zuweilen, in manchen Momenten, selbst sehr kritisch reflektiert. Von seinen früheren kommunistischen Ansichten rückt er ab, als es Zeit dafür ist, die Seiten zu wechseln. Und man kann aus einer moralisch überheblichen Position behaupten, dass einem das selbst nicht passiert wäre oder nie passieren würde, allerdings erleben wir ja bis heute etwa zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, die sich ohne Not auf die Seite von Systemen stellen, weil sie sich davon etwas versprechen. Dann erst recht, wenn man das Gefühl hat, etwas zu verlieren oder in Gefahr zu geraten.

Zu sagen ist zudem, dass Höfgen in seiner neuen Position nicht nur die Hoffnung hat, ehemalige Mitstreiter aus der Haft “herausreden” zu können, er versucht es bei einem Freund sogar zweimal tatsächlich und bringt sich damit selbst in Schwierigkeiten. In ehrlichen Momenten ist er durchaus auch hart zu sich selbst. Er bemerkt, dass er sich zwar als den besten Mephisto Darsteller betrachtet, am Hamlet aber nach eigenen Angaben gescheitert ist. Doch weil er schon so hoch gestiegen ist, kann er gar nicht mal mehr durchfallen: “Das neue Berliner Publikum beurteilte die Schauspieler weniger nach der Reinheit und Intensität ihrer künstlerischen Leistung als nach Beziehungen zur Macht.”1 Und das ist für einen ehrgeizigen Schauspieler, der nach Vollendung strebt und sich selbst immer wieder fordert, ungeheuer frustrierend.

Als nächstes werde ich einen verwandten Roman lesen, Bel Ami von Guy de Maupassant und mir dann natürlich auch den Film ansehen.

—

  1. Klaus Mann: Mephisto, S. 379 ↩︎

Denkwürdig

Beste Mittagspause heute mit L. im Vapiano (unbezahlte Werbung) :

Tagespasta Marry me Chicken, wir haben schon darüber gesprochen

Langsam hört sich das gemächliche vor-sich-hin Arbeiten des Sommers auf, die neuen Projekte trudeln ein und zwar natürlich gleich mehrere auf einmal und sehr dringend. Deshalb umso wichtiger dazwischen eine kleine Pause zu machen und sich – wie immer – super zu unterhalten und auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen.

Mhmm wie gut

Zwischendurch schrieben uns manche unserer Kinder, was es denn übrigens später zu essen gäbe, harhar.

Apropos: Heute vor etlichen Jahren lag ich schon den sechsten Tag im Krankenhaus Bozen, wollte eigentlich nach Wien transferiert werden, und hatte an diesem Nachmittag Schmerzen. Ich wollte aber allen, inklusive des medizinischen Personals, weismachen, dass das keine Wehen wären, weil “die stelle ich mir anders vor”, nämlich viel schlimmer, das hier war ja nur unangenehm. Leider brachten sie dann so einen Wehenschreiber, um meine Aussage zu überprüfen und überraschenderweise hatte ich mich geirrt. Ich mein eh kompletter Realitätsverlust, immerhin befand ich mich ja wegen drohender Frühgeburt im Spital und ich hatte schon die ersten Wehen “verpasst”, die mich ja an diesen Ort gebracht hatten. Morgen vor 19 Jahren wurde das Kind geboren. Seit einiger Zeit ist das “nur” noch ein Geburtstag, an dem man froh und glücklich ist und kein traumatisches Rückerinnern mehr.

Es ist also schon etwas dran an diesem Satz: Die Zeit heilt allen Wunden.

Vaterland

Derzeit gibt es recht viel interessantes im Kino zu sehen, vorige Woche habe ich mir Vaterland, den neuen Film des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski, angesehen.

In diesem Film geht es um eine Reise des Schriftstellers Thomas Mann (Hanns Zischler) durchs Nachkriegsdeutschland des Jahres 1949, die ihn gemeinsam mit seiner Tochter Erika (Sandra Hüller) zurück in seine Heimat führt, nachdem er 15 Jahre im Exil verbracht hat. Sowohl in Frankfurt am Main, das von den Westalliierten besetzt ist, als auch ein Weimar – dort sind die Sowjets – bekommt er den Goethe-Preis verliehen und soll Reden zum 200 Geburtstag des Dichters halten, gleichzeitig aber auch Stellung zu Deutschland beziehen.

SPOILER GIBT ES HIER NICHT WIRKLICH

Das klingt ja alles ziemlich interessant, gerade für eine Germanistin und die Bildsprache von Pawlikowski ist tatsächlich meisterhaft. Meisterhaft akademisch zumindest, hier ist alles sehr korrekt, sehr reglementiert, sehr akkurat, so als wollte Pawlikowski uns zeigen, wie Deutschland nach Kriegsende fast verzweifelt versucht, wieder eine neue Art von “Ordnung” zu schaffen. Dafür wird auch Thomas Mann gerne ja man kann sagen instrumentalisiert, er soll eine Rolle spielen, als moralische Instanz, die für ein neues Deutschland steht, die dem Land wieder eine Daseinsberechtigung gibt, geläutert und sich auf ihre alten Tugenden besinnend. Gleichzeitig zeigt uns Pawlikowski die Ambivalenz von Mann, der sich gar nicht mehr heimisch fühlt in diesem Deutschland, der außerdem zwar für das Wort steht, nicht aber für die Emotion. Und dem es letztendlich nicht einmal gelingt, in seiner eigenen Familie Harmonie oder zumindest Ausgleich zu schaffen.

Pawlikowski zeigt das exemplarisch am Suizid vom ältesten Sohn Thomas Manns, Klaus (August Diehl), der eine besonders enge Beziehung zu Erika hatte. Und hier hat der Regisseur einige künstlerische Freiheit walten lassen, denn der Tod von Klaus fand im wirklichen Leben bereits einige Zeit vor der Reise statt und die Reise hat Thomas tatsächlich gar nicht mit Erika, sondern mit seiner Ehefrau Katia unternommen. Ich finde solche eigenmächtigen Entscheidungen in einem Film, der so viel Authentizität vermitteln will und der so bekannte Personen porträtiert ehrlich gesagt immer ein bisschen schwierig. Und ein wenig habe ich auch den Eindruck, dass die Entscheidungen deswegen getroffen wurde, um dem Film irgendeine Art von Dramatik und Dringlichkeit zu geben, denn es passiert quasi sonst nichts.

Ich habe an sich kein Problem mit Filmen, in denen nichts besonderes passiert, wenn sie einen anderen Mehrwert haben, wenn sie Stimmungen vermitteln, Atmosphäre, wenn sie interessante Dialoge haben oder von Details leben, mir die Charaktere der Protagonistinnen und Protagonisten vermitteln. Doch hier bleibt einem alles fremd und seltsam auf Distanz, nicht nur dieses Nachkriegsdeutschland, auch die Manns. Pawlikowski macht also zwei breite Themenbereiche auf, holt aber aus beiden für mich ziemlich wenig heraus und das finde ich ein bisschen schade. Die Schauspielerinnen (wieder einmal Sandra Hüller!) und Schauspieler sind nämlich gut, aber sie bekommen ziemlich wenig zu tun.

Ich bin aber mit diesem Befund eher alleine, ich glaube, die meisten anderen Menschen konnten mit Vaterland mehr anfangen als ich.

Damals

Oft wünsche ich mir, dass ich diesen Tag damals nochmal erleben kann.

Hätte ich etwas anders machen sollen, als noch alles möglich war. Mich anders verhalten, andere Sätze sagen. Damit ich an diesem Tag heute nichts vermissen müsste.

Aber dann denke ich, es war schon alles richtig so. Dieser Tag war wunderschön. Und viele Tage danach auch. Und das zählt.

Der ESC im Parlament

In Großbritannien beschäftigt sich jetzt das Parlament mit dem schlechten Abschneiden von UK beim Songcontest. Finde ich ja super, endlich kümmert man sich mal um wirklich wichtige Dinge, harhar. Aber ich kann dem Parlament die Arbeit erleichtern und erklären, wie die schlechten Platzierungen nicht aller, aber vieler Songs der letzten naja, 15 bis 20 Jahre zustande gekommen sind.

Weil ich muss da immer an den Film Walk the Line denken, das Johnny Cash Biopic. Da gibt es relativ am Anfang eine Szene, wo Cash erstmals im Studio ist und einen Song aufnimmt. Und der Song ist schon recht okay und ganz nett, aber der Produzent sagt ihm, so werde ich keinen Erfolg haben. Weil es ginge nicht darum, irgendeinen mittelmäßigen Song zu singen, der niemand weh tut und aufregt sondern er, Cash, müsse wirklich etwas zu sagen haben, er müsse etwas transportieren, was nur er so kann. Jeder Song brauche Dringlichkeit und Relevanz, so als würde Cash blutend auf der Straße liegen, wissend, er hat noch Zeit für einen einzigen Song und in den müsse er alles reinlegen, was er der Welt noch mitgeben will. Das hat sich mir so stark eingeprägt, weil ich denke, man sieht in der Kunst tatsächlich, wenn jemand wirklich etwas auf der Seele brennt und wenn etwas raus muss, und wann vielleicht ein bisschen weniger.

Und die meisten Songs aus Großbritannien waren halt eher solche okaye Songs, die irgendwie nebenbei im Radio laufen können, während man arbeitet, die einen nicht aus der Konzentration reißen, die man aber meistens auch sonst nicht wirklich bemerkt, weil man sie so oder so ähnlich schon tausendmal gehört hat. Und wie will man sich mit einem solchen Song gegen 25 andere Songs durchsetzen, von denen zwar auch nicht jeder super ist, aber die meisten zumindest versuchen, irgendwie die Bühne abzureißen.

Tatsächlich hatte UK auch einmal so einen Song, der so herausgestochen ist, das ist noch nicht mal so lange her, 2022 und Sam Ryder hätte, wie ich nicht müde werde zu betonen, mit Space Man auf jedenfall in diesem Jahr den Bewerb gewonnen, wenn nicht die Ukraine im Krieg gewesen wäre. Ich weiß noch wie jemand in der tollen Sendung ESC Songcheck meinte: “Ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals sage, aber mein Lieblingsbeitrag dieses Jahr kommt aus Großbritannien.” Harhar. Sam Ryder hat einfach um sein Leben gesungen und zwar so Zeilen wie: ‘Ive searched around the universe, been down some black holes. There’s nothing but space, man. And I wanna go home” Klingt fast so, als würde er das Erlebnis des Schauspielers William Shatner reflektieren, der im Jahr zuvor zehn Minuten im All verbrachte und danach meinte, er sei so froh, wieder auf der Welt zu sein, weil da oben gäbe es nur Leere.

Wie auch immer, liebes United Kingdom, findet wieder so einen Song, findet so eine Sängerin oder einen Sänger und alles wird gut, versprochen.