almis personal blog

Aller Liebe Anfang

Leute, die Judith Hermanns zwei Romane Aller Liebe Anfang von 2014 und Daheim von 2022 mögen, wären im Mittelalter wahrscheinlich auf diese typischen Märkte gegangen und hätten die Darbietungen von Menschen mit anatomischen und psychischen Besonderheiten mit Begeisterung verfolgt, harhar. Ich glaub, ich wäre keine solche Person gewesen. Der Vibe von Hermanns beiden Büchern geht für mich aber wirklich in diese Richtung, irgendwie ist sehr vieles ziemlich seltsam, archaisch, auch ein bisschen abstoßend. Als Leserin dauert es für mich etwas, bis ich damit warm werde.

Daheim hat mich kaum erreicht, aber Aller Liebe Anfang (der Titel tut IMO gar nichts zur Sache), das ich danach gelesen habe, hat mir dann wirklich gut gefallen. Deshalb möchte ich über dieses Buch ein bisschen mehr erzählen. Hier geht es um die junge Mutter Stella, die mit Mann Jason und der kleinen Tochter Ava ein stilles Leben in einer unspektakulären Vorstadtsiedlung lebt, der Ort wird nicht genannt, nicht einmal der Kontinent. Bis eines Tages ein Nachbar klingelt und über die Gegensprechanlage sagt, dass er mit ihr, Stella, sprechen möchte. Er hätte ihr viel zu sagen. Als Stella, der das merkwürdig vorkommt, ablehnt, klingelt er weiterhin täglich an ihre Tür, wirft Briefe in den Postkasten und tut alles, was einen Stalker eben so ausmacht…

SPOILER MÖGLICH

Im Prinzip ist hier immer alles möglich. Mein Gedanke war ehrlich gesagt, dass Stella, die nicht hundertprozentig glücklich mit ihrem emotional-verschlossenen und ewig abwesenden Mann ist – er arbeitet auch die meiste Zeit auswärts – sich auf ein Gespräch und vielleicht sogar mehr mit diesem Mister Pfister, wie er sich nennt einlässt; trotzdem dieser Mann wahrscheinlich in gewisser Weise gefährlich ist, das wird schon schnell klar. Gefährlich, aber auch bemitleidenswert in seiner Einsamkeit. Ich denke, auch wenn Stella ein bisschen Angst vor ihm hat, fühlt sie sich doch auch irgendwie zu ihm hingezogen oder zur Möglichkeit eines anderen Lebens. Irgendwie scheint immer durch, dass sie für das Leben, das sie hat, dankbar sein müsste, es aber nicht völlig ist. Die Situation könnte gefühlt an fast jeder Stelle in die andere Richtung kippen.

Das Buch besteht, neben der Schilderung der täglichen “Besuche” von Mr. Pfister, vor allem aus Beschreibungen von Stellas Alltag. Ihren liebevollen Umgang mit der Tochter, ihr Treffen mit Freundinen und, am interessantesten, der Arbeit mit alten, gebrechlichen Menschen – sie ist Krankenpflegerin und betreut die Patienten zuhause. Die Begegnungen mit Menschen, die ihr Leben fast hinter sich haben, bringen ebenfalls eine Perspektive auf das Leben in dieser “toten Ecke der Welt”, wie es einmal heißt. Die Menschen vermitteln ihr, was sie in deren Leben gut gelaufen ist und was nicht. “Es ist möglich, Orte zu verlassen, Versprechungen fallen zu lassen.”1 heißt es einmal. Und Esther, nicht ihre Lieblingspatientin, aber auch keine, die sie unmöglich findet, sieht Stella einmal an und sagt: “Ich habe auch einen Mann gehabt und einige Kinder, und sie sind alle weg, auf und davon. Das Leben ist grässlich, sind Sie auch schon dahintergekommen?”2 Und ja, tatsächlich gibt es Gründe, das Leben als grässlich zu bezeichnet, es gibt aber auch andere, das überhaupt nicht zu tun. Diese Ambivalenz oder Dualität oder wie immer es nennen möchte, sie bestimmt diesen traurig-poetischen Roman.

Eine große Rolle spielt – und das ist oft der Fall in der letzten Zeit, in Büchern und Filmen, manchmal misslungen, manchmal sehr geglückt3 – das Haus. Ein Haus, das da ist, nicht als Ort, an dem man halt zufällig wohnt, sondern wie eine zusätzlich Person, ein Zeuge des Lebens darin, das sich nicht verändert, wenn sich auch rundherum alles wandelt, oder, dass sich anders ändert, subtiler. Hermann schreibt: “Das ist das Haus an einem Tag im Frühjahr. Es ist niemand da.”4 Und dann schildert sie, wie niemand da ist und wie das trotzdem etwas mit dem Haus macht.

Schön. Stark.


  1. Judith Hermann: Aller Liebe Anfang, Seite 218f ↩︎
  2. Hermann, Seite 214 ↩︎
  3. Vor allem in Sentimental Value ↩︎
  4. Hermann, Seite 17 ↩︎