almis personal blog

Caché

Schon wieder habe ich einen Film von Michael Haneke gesehen. Mein zweiter heuer und auch insgesamt, harhar. Langsam komme ich aber auf den Geschmack. Nachdem die Theaterversion von Caché derzeit am Volkstheater aufgeführt wird, läuft der Film gerade für eine Woche auch im Votivkino, in französischer Originalsprache mit englischen Untertiteln (warum auch immer).

In Caché, was so etwas wie “verborgen” heißt, für alle, die wie ich kein französisch sprechen, geht es um den erfolgreichen TV-Moderator Georges Laurent (Daniel Auteuil), der mit seiner Frau Anne (Juliette Binoche), einer Verlegerin, und dem 12 jährigen Sohn Pierrot ein nach außen hin angepasstes und gutbürgerliches Leben führt. Bis eines Tages eine Videokassette auf der Türschwelle liegt. Auf dem zwei Stunden Video sieht man ausschließlich die Außensicht auf das Haus der Familie. Zuerst denkt das Paar an einen irren Fan oder Stalker, doch dann kommen weitere Videos an, die den Anschein erwecken, dass etwas mehr hinter der Sache steckt…

ACHTUNG ORDENTLICHE SPOILER !!

Was ich bei diesem Film von Anfang sehr interessant fand, an mir zu beobachten: Ich hatte irgendwie kaum Empathie für Georges und seine Familie. Normalerweise würde man ja annehmen, dass man als Zuseherin irgendwie sofort auf der Seite der Protagonisten ist. Es ist ja ein unheimliches Szenario, jemand, der das eigene Haus beobachtet, der das eigene Leben ausspioniert, man kann es nachempfinden. Aber dieses Gefühl wurde bei mir sofort (Dank Hanekes Erzählweise? Dank der Darsteller?) von einem anderen überlagert, nämlich dem, dass ich die Familie wirklich sehr unangenehm fand. Das Ehepaar geht bestensfalls kühl miteinander um, auch zum Sohn herrscht kaum eine emotionale Bindung, alles ist total, ja kalt, in diesem Haus. Deshalb fällt es irgendwie auch schwer, etwas für die beiden zu empfinden.

Mit Fortschreiten der Handlung kommt man dahinter, dass der Sender der Videos möglicherweise ein Bekannter von Georges ist. Georges wuchs in einer wohlhabenden Gutbesitzer-Familie auf, die Angestellte mit einem kleinen Sohn, Majid, in Georges’ Alter hatten. Nachdem Majids Eltern tragisch ums Leben gekommen waren, haben Georges Eltern mit dem Gedanken gespielt, Majid zu adoptieren. Georges wollte das nicht und dachte sich etwas wirklich furchtbares aus, um die Eltern (mit Erfolg) davon abzubringen. Majid kam in ein Waisenhaus und wir erfahren, dass er in der Gegenwart des Filmes ein Mann (sehr beeindruckend dargestellt von Maurice Bénichou) geworden ist, der in ärmlichen Verhältnissen lebt, gebrochen durch seine Erfahrungen in der Kindheit, nachdem er den Gutshof verlassen musste. Er hat sozusagen ein Motiv.

Und hier wirft Haneke eine enorm interessante Frage auf, so finde ich, nämlich: Inwieweit kann ein sechsjähriges Kind “böse” sein? Dass es nicht schuldfähig in einem rechtlichen Sinn ist, ist klar, aber kann es “Schuld” auf sich laden? Kann es für das Schicksal eines anderen Menschen verantwortlich gemacht werden? Gebrochen sind letztendlich beide Männer, meiner Meinung nach. Georges wirkt trotz seines Erfolgs nicht glücklich, nicht einmal zufrieden. Einmal besucht er seine Mutter und es klingt an, dass die beiden eine sehr distanzierte Beziehung zueinander haben. Was irgendwie extrem ernüchternd ist, wenn man bedenkt, dass er seine Eltern “für sich haben wollte” und später das Interesse an ihnen verloren hat, polemisch formuliert. Es gibt dann noch weitere Plottwists und ein weitgehend offenes Ende, das viel Raum zu Spekulation bietet. Aber im Prinzip will Haneke uns weniger davon erzählen, als wieder mal von der Schlechtigkeit des Menschens an sich, harhar.

Caché erinnert mich ein bisschen an Lost Highway von David Lynch, wenngleich Caché wesentlich konventioneller erzählt ist ist, was im Vergleich zu einem Lynch Film auf der Hand liegt, harhar. Es ist für mich insgesamt ein sehr gut gemachter, auch sehr aufwühlender Film, über den ich noch länger nachdenken muss.

Mein Jahr der Ruhe & Entspannung

Wenn man die Autorin Ottessa Moshfegh kennt, vielleicht das Buch Eileen gelesen oder den gleichnamigen Film gesehen hat, dann ahnt man natürlich, wenn “Ruhe und Entspannung” draufsteht, dann geht es wahrscheinlich um das genaue Gegenteil. Die Ausgangslage ist zwar diese, dass die Protagonistin für ein Jahr (2000-2001) in einen Dauerschlafzustand begeben will, um sich zu regenerieren und quasi “neu geboren” zu werden. Aber nachdem wir keine Bären, Murmeltiere oder Igel sind, schaffen wir das nicht auf eine physiologisch gesunde Art und Weise. Und wer, wie gesagt, Moshfegh kennt, ahnt, was kommt.

Das Cover ist super, weil es – wie der Titel – den Inhalt komplett konterkariert

Die Protagonistin von Mein Jahr der Ruhe und Entspannung schießt sich – nachdem sie eine “Therapeutin” gefunden hat, die sich ausschließlich der Medikamentenmedizin verschrieben hat – regelmäßig mit verschreibungspflichtigen Psychopharmaka, die teilweise auch noch kontraindiziert sind, ab. Natürlich nicht “einfach so”, es liegt eine schwere Depression dahinter; sie hatte eine lieblose Kindheit, dann sind die Eltern gestorben, der Lover war er Arsch, die Nebenjobs zum Studium bedeutungslos und der Sinn des eigenen Lebens will sich nicht einstellen.

Nun ist ja die Prämisse jemand will ein Jahr schlafen – fast das Gegenteil von Schlafes Bruder übrigens – vielleicht theoretisch interessant als Idee, aber funktioniert das als Roman, der ja eigentlich davon lebt, dass irgendwie doch auch erzählenswerte Dinge passieren? Meine Antwort: Nicht wirklich. Es sei denn, man hat einen Medikamentenfetisch, dann werden einen die seitenlangen Schilderungen der Wirkweise von Schmerzmittel und Barbituraten bezaubern. Sehr oft liest man auch detailiert, wie weggetreten und psychotisch die Protagonistin wird und ich fand das einerseits höchst unangenehm, weil ich selber Kontrollverlust durch Substanzen recht fürchte; andererseits aber auch ziemlich redundant und, ja, langweilig, obwohl Moshfegh gut schreibt.

Ein bisschen Abwechslung entsteht dadurch, dass es Rückblenden gibt, die Schilderungen der vereinzelten Besuche von der besten Freundin der Protagonistin und einmal verlässt sie das Haus länger, um ein Begräbnis zu besuchen. Die meiste Zeit aber versumpert sie in ihrer Wohnung, wird immer dünner und ungepflegter (bisschen Charlotte Roche Vibes hier) und man fragt sich, wie hält der menschliche Körper das aus? Gleichzeitig vermisst man aber jegliche Form von Tiefe oder “Analyse”. Ja, vermutlich ist das Absicht, weil die Protagonistin sich ja eben nicht mit ihren Problemen beschäftigen will, sondern diese ganz bewusst “wegschläft”. Konsequent, aber man bleibt als Leserin dann eben irgendwie ebenso leer zurück wie die Protagonistin.

Materialists, davor

Es wäre ja anzustreben, dass man vor einem Film überhaupt keine Meinung zu irgendwas (Darsteller, Regie) hat, aber das geht halt oft nicht wirklich. Bei Materialists hatte ich aber besonders viel davon, fast schon Vorurteile. Harhar. Und so werde ich das transparent machen, bevor ich den Film sehe.

Zuerst mal Dakota Johnson, Tochter von Don Johnson. Sie hat jetzt vielleicht kein extrem gutes Händchen, was die Wahl ihrer Projekte angeht oder es ist ihr einfach wurscht. Jedenfalls kennt man sie aus Fifty Shades of Grey und Madame Web, beides nicht gerade Sternstunden des zeitgenössischen Kinos. Das finde ich ein bisschen schade, weil sie durchaus so einen Indie-Appeal hat, wie man etwa in The Lost Daughter sehen konnte oder auch in A Bigger Splash – wobei das der Film von Luca Guadagnino ist, den ich am wenigsten mag.

Wie auch immer, dann haben wir noch Pedro Pascal. Pedro Pascal war auf einmal da, das ganze Internet sprach von ihm und ich wusste eigentlich nicht warum. Er hat vor allem in Serien gespielt, Film habe ich noch keinen von ihm gesehen. Er hat J.D.Rowling vor kurzem als “heinous loser” bezeichnet und ich finde das ginge vielleicht ein bisschen sachlicher, wenn man anderen seinerseits beleidigendes Verhalten vorwirft. Außerdem hat er gesagt, er muss bei offiziellen Anlässen immer seine Co-Schauspielerinnen anfassen und sich an ihnen festhalten, weil er so “anxiety” hätte. Und irgendwie finden das alle bei ihm süß und ich weiß nicht wieso, es ist im Grunde ziemlich übergriffig. Also sagen wir wie es ist, ich habe einen gewissen Argwohn gegenüber Pedro Pascal, harhar.

Und schließlich Celine Song. Die Regisseurin hat erst vor zwei Jahren mit Past Lives ihren vielgelobten Debütfilm abgeliefert. Es ging um eine Art Dreiecksbeziehung, über Kontinente hinweg, wenn man so will. Ich dachte mir damals, das ist ein Film für mich. Als ich ihn dann aber gesehen habe, war ich irgendwie ernüchtert. Er war zwar “technisch” sehr gut gemacht, aber ich habe einfach nichts gespürt, obwohl es so ein emotionales Thema war. Aber das Thema – eine junge Frau aus Korea, die inzwischen in den USA lebt und mit einem Amerikaner verheiratet ist, trifft ihre Jugendliebe wieder – wurde so abgeklärt und antiseptisch behandelt, dass es mich wirklich null erreicht hat. Ich habe mir dann gedacht, ich will gerade bei einem Debütfilm merken, dass da jemand noch struggelt, dass nicht alles rund ist, aber, dass der Film voller Leidenschaft und dem Gefühl ist, sich dringend der Welt mitteilen zu wollen. Wie beispielsweise Aftersun von Charlotte Wells, der kurz vor Past Lives herauskam. Das war ein Film, bei dem ich die ganze Zeit komplett ergriffen und auch in einer unbestimmten Erwartungshaltung war, als würde gleich etwas ganz Schlimmes passieren1. Und genau das liebe ich im und am Kino, dieses hineingezogen-werden.

Dann haben wir noch Chris Evans. Und Chris Evans hat Glück, ich kenne ihn überhaupt nicht, harhar.


  1. Ob etwas Schlimmes passiert? Schaut ihn an, harhar. Empfehlung. ↩︎

What We Do in the Shadows

Gestern gab es einen Patchworkfamilienausflug ins Kino. Das Votivkino feierte nämlich den 50. Geburtstag das Schauspielers und Regisseurs/Drehbuchautors Taika Waititi unter dem Titel Hari Huritau – was auf Maori soviel wie Happy Birthday heißt. Taika Waititi ist Neuseeländer. Und deshalb sahen wir What We Do in the Shadows, zu deutsch 5 Zimmer, Küche, Sarg. Außer dem Kind haben ihn alle bereits mindestens einmal gesehen – was, glaub ich, auch für die meisten Menschen im Publikum galt.

Bei What We Do in the Shadows handelt es sich um eine Mockumentary. Ein Kamerateam, dem für die Dauer der Dreharbeiten körperliche Unversehrtheit garantiert wurde (harhar), filmt eine WG aus Wellington, die aus vier Vampiren unterschiedlichen Alters besteht. Einer davon, Viago, ist Taika Waititi selbst und in der deutschen Synchro ist er ein Wiener. Wir sahen aber das Original und da ist er aus dem deutschsprachigen Raum, jedenfalls ein etwas naiver Dandy, aber sehr wohlmeinend. Ich mag ihn am allerliebsten. Viago ist etwa 400 Jahre alt, aus Europa der Liebe wegen gekommen. Petyr ist mit über 8000 Jahre der Älteste und richtig furchterregend. Deacon ist jung, noch nicht mal 200 und gilt als Rebell, er war früher auch ein Nazi; und schließlich Vladislav, ein überkandidelter Adeliger aus dem Mittelalter.

MILDE SPOILER!!

Wer sich jetzt denkt: What the fuck?! Oh ja, WTF und es ist so lustig, obwohl mein Interesse für Vampirfilme sonst eher überschaubar ist. Die erste Szene ist schon so genial, als Viago aus seinem Sarg(=Bett) “aufsteht”, man ist sofort in den Film hineingezogen.

Es werden die Probleme einer herkömmlichen WG geschildert – wer macht den Abwasch, vor allem blutiges Geschirr, wer beseitigt den “Müll” etcetera. Es wird gezeigt, wie die Vampire ausgehen, im Bus fahren, in traurigen Fast Food Lokalen sitzen. Die Outfits, die sich mit der tristen Umgebung spießen, sind so göttlich und das Problem bei Vampiren, über das man sich vielleicht noch wenig Gedanken gemacht hat: sie sehen sich nicht im Spiegel. Das bedeutet, sie wissen nicht, wie sie aussehen und deshalb zeichnen sie sich gegenseitig. Sie treffen auf die verfeindeten Werwölfe (wobei ich draufgekommen bin, dass ich über Werwölfe sehr wenig weiß). Außerdem erfährt man, was passiert, wenn Vampire versehentlich Pommes essen und das ist nicht schön. Generell habe ich mir noch nie so viel Gedanken über die recht schwierige Lebensweise dieser Wesen gemacht, wie bei diesem Film, was irgendwie auch interessant ist.

Der Film ist mit 83 Minuten eher kurz, was aber eine ziemlich gute Entscheidung ist, weil das Genre Mockumentary oft relativ schnell nervt, wenn man mal den Clou durchschaut hat. Waititi behilft sich damit, dass der typische Stil a la verwackelte Kamera nicht überstrapaziert wird und, dass auch eine tatsächliche Geschichte erzählt wird, die sogar richtig berührt. Das ist überhaupt das spannende bei diesem Werk, dass von Vampiren erzählt wird und Vampire tun eben, was diese tun, es ist also auch blutrünstig, aber trotzdem ist das so ein totaler Feelgood Film, das ist schon komisch, dass das überhaupt funktionieren kann.

Noch ein paar Worte zum Geburtstagskind: Ich finde ja, er sollte öfters auch schauspielen, er ist mühelos witzig. Seine Filmografie als Regisseur/Drehbuchautor ist ziemlich …eigen. Da gibt es eben diese kleinen Indie-Komödien – What We Do in the Shadows feierte seine Premiere bei Sundance. Dann dreht er aber auch viel für Marvel, Thor usw. was ihm auch einiges an Kritik von den Marvel-Fans einbrachte, weil die Filme halt eine sehr ironische Perspektive haben. Ich finde es aber cool von Marvel, dass sie, wenn sie schon einen solchen Regisseur wählen, ihm dann seine eigene Handschrift lassen. Ansonsten hat das ja keinen Sinn. Und Waititi hat für seine WW2-Groteske JoJo Rabbit den Oscar für das beste Drehbuch erhalten. Alles in allem also recht wenig konsistent, wenn man so will, aber immer mit viel Herz und Menschlichkeit. Sogar bei Vampiren!

ESC Update

So, in der quiet season doch auch wieder mal was zum ESC. Weil am 20. August wird bekannt gegeben, ob der Songcontest nächstes Jahr in Wien oder in Innsbruck stattfindet. Ich habe da weniger Gefühle dazu als vermutlich haben sollte. Meine Ticket-Connection von 2015 gibt es leider nicht mehr, daher werde ich wohl da wie dort nicht live dabei sein können. Es sei denn, jemand schenkt mir eine Karte, damit ich darüber berichte, harhar dream on.

Marco Schreuder hat jedenfalls einen sehr guten Logo-Vorschlag für den ESC nächstes Jahr gepostet:

(c) Marco Schreuder und Aston Matters

Harhar, ja so passend.

Das Motto 2015 war eben Building Bridges, es gab dazu auch den gleichnamigen Song, den ich live in der Stadthalle gehört habe. Da hieß es, diese Brücken” (…) will stand the test of time (!). We can build a bridge until it reaches out, across the borderlines.” Damals dachte ich so ja, eh catchy der Song, aber halt auch bissl abgegriffene Plattitüden, das empfinde ich jetzt anders, weil es nicht mehr selbstverständlich ist, eben auch nicht beim ESC. Ich erinnere mich, damals haben noch so viele Fans ihre israelischen Fahnen vor der Stadthalle gewachelt, das kann man sich momentan gar nicht vorstellen.

Ach ja und es wird diesmal einen öffentlichen Vorentscheid über den österreichischen Beitrag geben, da sind die ESC Ultras natürlich extrem begeistert, weil das in der Vergangenheit immer sehr erfolgreich war harhar, not. Aber ich nehme an, der ORF will den ESC Hype ausnutzen und denkt sich, es werden sich total viele Menschen dafür interessieren und demzufolge ORF schauen. Ich bin da nicht jetzt nicht ganz so sicher. Ich mein, ich persönlich schaue natürlich fix alles. Außerdem wollen “wir” sicher nicht zweimal hintereinander gewinnen und das werden wir so auch eher nicht.

P.S. Das Literaturmuseum

Nachdem ich darauf angesprochen wurde, noch ein bisschen Hintergrundinfo zum Literaturmuseum, weil es wirklich toll ist. Im dritten Stock ist immer die jeweils aktuelle Ausstellung zu sehen – schon dafür alleine kann man Stunden verwenden. Im ersten und zweiten Stock die Dauerausstellung zur österreichischen Literaturgeschichte. Im zweiten Stock von der Aufklärung bis 1918, im ersten Stock ab dann bis zur Gegenwart.

Wunderbare Orte in Wien, fast direkt nebeneinander, das Metro Kino und das Literaturmuseum

Sehr witzig ist, dass die Ausstellung gleich mit der Aussage von Friedrich Nicolai beginnt, einem Hauptvertreter der Aufklärung, dass die österreichische Literatur quasi nichts tauge. Gut, das war 1761. Dann gibt es eine ziemliche große Sektion über Franz Grillparzer (u.a. sein Arbeitszimmer). Hier habe ich mir angehört, was Konstanze Fliedl, bei der ich meine Diplomarbeit geschrieben habe, über Weh dem, der lügt zu erzählen hat – im ganzen Museum gibt es viele kleine Hörelemente. Weh dem, der lügt ist, wie man heute sagen würde, extrem gefloppt und Grillparzer hat danach keine Stücke mehr aufführen lassen. Das Scheitern wohnt den Schriftstellern auf die eine oder andere Weise ohnehin immer inne – auch Ferdinand Raimund, dem es ähnlich ging und der schließlich Suizid beging. Nestroy war eventuell etwas robuster.

Die Ausstellung ist in viele “Elemente” gegliedert, die sich teilweise natürlich auch überschneiden, so etwas wie “Die Ringstraße”, “Der Salon” – wo man auch dem Wiener Kreis wieder begegnen kann – “Der Börsencrash”, “Arbeiterbewegung” usw. Es gibt auch die Sektion “Ein Brief” und wenn man als Germanistin etwas von einem Brief liest, dann kann man nur an den einen denken, über den man wochenlang in irgendwelchen Seminaren gesprochen hat harhar, nämlich dem Chandos Brief von Hugo von Hoffmansthal. So lang ist dieser zwar nicht, beschäftigt sich aber mit Poetik und (der Grenze) von Sprache und kann deshalb nach Herzenslust analysiert und zerklaubt werden. Natürlich findet sich auch der Jedermann im Museum.

Der Fin de Siecle – meine Lieblingszeit in der Literatur – wird ausführlich behandelt, wobei ich mir mehr Schnitzler erwartet hätte. Immerhin gibt es eine schöne Wien-Karte, wo aufgezeichnet ist, in welchen Gegenden Leutnant Gustl herumgeirrt ist, vor seinem Duell mit dem Bäcker. Es gibt sehr viel Kafka und ich muss sagen, die Serie von David Schalko hat da echt sehr gut informiert. Ausgestellt ist der Brief an Max Brod, in dem Kafka ihn, Brod bittet, sein ganzes Werk zu vernichten. Wir wissen, wie das ausgegangen ist. Sidestep: Ich war ja immer dafür, dass Schalko jetzt eine Schnitzler Serie macht und nicht Braunschlag 2, aber mich fragt ja keiner.

Auch das Klimt-Fakultätsbild Die Medizin findet man hier, ich muss schon wieder an jemand denken.

Und sehr viel zur Kaffeehausszene und der sogenannten Kaffeehausliteratur:

Peter Altenbergs Allheilmittel für alles

Wir erfahren vom Brecht-Boykott, der unter anderem von Friedrich Torberg orchestriert wurde, ich muss mich da noch mehr in die Materie einlesen. Ein großer Teil ist dann noch Thomas Bernhard und Ingeborg Bachmann gewidmet. Auch der experimentellen Literatur wird Platz gegeben, aber mit der kann ich persönlich jetzt nicht so besonders viel anfangen. Das Ende bildet ein Überblick über die “Schreibprozess” von Schriftstellern, sammeln, notieren, anordnen, skizzieren, das fand ich sehr spannend.

Und auch wenn ich jetzt so viel geschrieben habe, so habe ich auch sehr viel vergessen. Es erfasst das Museum nur unzureichend. Wie gesagt, es ist wirklich einen Besuch wert (unbezahlte Werbung)

Ein Tag im Museum

…und zwar im Literaturmuseum. Das gemütliche Wohnzimmer, zum Chillen zwischendurch…

Stefan Zweig hat einen Punkt:

Johann Strauß auch:

Ich wusste nicht, dass Strauß damit den Börsencrash im Mai 1873 meinte, bei dem die Väter von Schnitzler, Freud und Hoffmansthall einen beträchlichten Teil ihres Vermögens verloren haben – ob ihnen diese Zeile aus der Fledermaus ein Trost war?

Auch prominent vertreten, Thomas Bernhard:

Bei den Todesarten ist natürlich auch Ingeborg Bachmann nicht weit – und der berühmte Abschlussatz von Malina: Es war Mord.

Ingeborg Bachmann im Gespräch mit Paul Celan

Und dann war da noch, zum Nachdenken:

Und:

Kafka ging sehr gerne ins Kino, das war mir auch nicht so bewusst.

Und zum Abschluss:

Reger Andrang im Museum harhar, na es waren schon noch ein paar Leute außer mir dort. Aber man steigt sich nicht auf die Füße

Superschön wars, über drei Stunden war ich dort, ohne die aktuelle Ausstellung (die kenne ich schon). Es hätte aber noch viel länger sein können. Btw habe ich heute erfahren, man kann mit dem Ticket das Museum auch verlassen und wieder kommen. Na wenn ich das gewusst hätte, hätte ich wohl in der Früh angefangen.

Große Empfehlung!

Brooklyn

Apropos Kitsch. Kürzlich habe ich Brooklyn gestreamt, einen Film unter der Regie von John Crowley, von dem ich dieses Jahr We Live in Time gesehen habe, der mir sehr gut gefallen hat.

In Brooklyn geht es um die junge Frau Eilis (Saoirse Ronan), die im Jahr 1951 aus ihrem irischen Kaff und der Perspektivlosigkeit nach New York geht. Ihre Schwester Rose, die die Intelligenz und Weltoffenheit von Eillis erkennt und merkt, dass sie in dem kleinen Dorf nicht glücklich werden wird, hat ihr einen Job in einem Kaufhaus verschafft, es ist auch geplant, dass sie dort eine Ausbildung macht. Voller Heimweh kommt Eilis in New York an und tut sich schwer, nicht überall Irland zu sehen und zu vermissen, obgleich ihr schon bewusst ist, dass das Leben hier mehr für sie zu bieten hat. Da trifft sie eines Tages den italienischstämmigen Tony (Emory Cohen)…

SPOILER, ALLERDINGS VERRATE ICH DAS ENDE NICHT

Bei diesem Plot könnte man sich denken (und das habe ich auch getan harhar), was geht mich das eigentlich an, warum eine Frau in den 1950er Jahren nach Amerika geht, es riecht außerdem nach richtig kitschiger Liebesgeschichte. Da kann ich entwarnen. Nichts an diesem FIlm ist kitschig und meiner Meinung nach ist es nicht einmal eine Liebesgeschichte, zumindest nicht eine zwischen Frau und Mann. Vielleicht eher zwischen Frau und einer Stadt oder noch besser: Einer Frau und dem Leben und seinen Möglichkeiten.

Im Grunde wird Eilis – den Namen spricht man, wie die meisten irischen Namen anders aus, als man ihn schreibt, eher so “Elisch” – laufend unter Druck gesetzt. Einerseits von Tony, der sie zwar wirklich liebt, der aber gleichzeitig nicht derjenige ist, für dessen höhere Ausbildung seine Familie Opfer bringt. Das ist sein kleiner Bruder. Tony ist Klemptner. Insofern passen Eilis und er intellektuell nicht wirklich zusammen. Außerdem ist Tony auch ziemlich unsicher und dementsprechend besitzergreifend. Und dann gibt es noch Eilis Mutter und ich denke mir da immer, nie will ich so werden als Mutter! Die Mutter will nämlich, nachdem Eilis Schwester überraschend verstirbt, dass Eilis um jeden Preis zurück nach Irland kommt und bleibt, nämlich darum, um sich um sie, die Mutter zu kümmern. Natürlich kann man verstehen, dass sie Eilis lieber in der Nähe hätte. Aber ich kann deshalb das eigene Kind nicht daran hindern, sein Leben zu leben und ihm ein schlechtes Gewissen machen, wenn es andere Pläne hat. Das ist nicht fair.

Eilis schwankt bei einem Besuch in Irland. Plötzlich wird ihr hier ein guter Job angeboten. Plötzlich gibt es einen jungen Mann, Jim (Domhnall Gleeson) der sich für sie interessiert, mit dem sie anregende Gespräche führen kann und der noch dazu ausnehmend begütert ist. Plötzlich wirkt Irland gar nicht mehr so trost- und hoffnungslos. Aber ist das nur die Wiedersehensfreude, die Verklärung, weil man längst woanders lebt? Oder ist eine Zukunft für Eilis in Irland möglich, was aber auch den Abschied von Tony bedeuten würde?

Saoirse Ronan, die ich immer sehr gerne sehe, liefert hier eine so komplett ruhige und kleine Performance ab, die gerade deswegen so eindringlich ist und den Film trägt. Denn auch wenn das ganze Ensemble gut ist und wenn der Film sehr viele interessante Szenen hat, so ist sie es, die uns die Ambivalenz von Eilis vermitteln muss, die sehr viel alleine mit Blicken, mit Mimik, transportieren muss, was in ihr vorgeht, was sie sich denkt, wünscht und erhofft. Sie erzählt uns von einer Frau, die selbstbestimmt sein möchte und einem Beruf nachgehen, in einer Zeit, in der das für Frauen nicht besonders einfach war. Ronan macht das so gut, dass sie für diese Leistung auch für den Oscar nominiert worden ist.

Jedenfalls ein Film, bei dem meine Vorurteile definitiv nicht angebracht waren und der so viel mehr bietet, als ich mir von ihm erwartet habe. Ich denke immer noch über ihn nach.

August

In meinem “Poetik-Feed” auf Social Media habe ich zum Anfang des Monats gelesen: “I expect too much of August and August expects too much of me.” Finde ich irrsinnig schön formuliert, geht mir aber gar nicht so, ich erwarte mir gerade gar nichts, na ja, einen Schatten unterm Baum und vielleicht doch noch ein paar Mal ins Wasser gehen, lesen und schreiben und ein paar lustige Tage mit dem Kind verbringen, wenn er wieder da ist. Was der August von mir will, ist mir ziemlich egal, harhar.

Meine Telefoniererei hat übrigens ein höchst erfolgreiches Ende genommen, nachdem ich mit Menschen von Wien, Innsbruck bis nach Bozen (extreme Flashbacks an meine Zeit dort!) gesprochen habe. Ich bin schon ein bisschen stolz auf mich, dass es mir gelungen ist, Menschen zu helfen. Anscheinend liegt mir das Telefonieren doch nicht so schlecht, ich bin vor Freude ein bisschen durchs Haus getanzt. Ich habe aber trotzdem keinen, ich wiederhole keinen Wiederholungsbedarf, harhar.

Hietzing am Platz und Sonne!

Zur Feier dessen bin ich nach Hietzing gefahren, bin spazieren gegangen und habe fast eine Stunde in der Buchhandlung Kral (unbezahlte Werbung) verbracht und ganz viele Bücher angelesen. Letztendlich habe ich mich, naja, nicht für das falsche, aber doch wieder für einen Roman entschieden, nämlich Verheiratete Frauen, der mich bisher nur so halb überzeugt. Die Themen – Frauen um die 40 Jahre und ihre Beziehung(skrisen), auch Affinität zum Medium Film – interessieren mich zwar total, aber ich halte so eine verkitschte Sprache gar nicht aus, wie sie leider auch die Autorin Cristina Campos verwendet. Ich bin da eher bei Ernest Hemingway, der forderte: “Write hard and clear about what hurts”. Das kann und soll poetisch sein, aber eben kein Kitsch.

Ach ja, bei meinem Text geht es gut voran, ich weiß jetzt auch endlich wie er enden wird und das erfüllt mich auch mit einer gewissen Zufriedenheit, harhar.

Ansonsten schaue ich mir die Urlaubsfotos von anderen an und freue mich mit. Ich vermisse da nichts. Das, was ich vermisse, ist eine Melodie in meinem Alltag (siehe gestriger Eintrag) – das finde ich ein so schönes Bild und tut mir gerade gut.

The Life of Chuck

Diese Woche hab The Life of Chuck im bis auf den letzten Platz besetzten Studio-Saal im Votiv gesehen und rückblickend bin ich echt froh, dass ich mich nicht für die Pressevorstellung für Uncut gemeldet habe, weil über den Film zu schreiben ist wirklich schwer. Während ich das schreibe, weiß ich selber noch nicht, wie ich das machen werde, also seid gespannt. Harhar.

Regie führte Mike Flanagan, vom dem ich nichts kenne und der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Stephen King, es ist aber kein Horror. Worum gehts? Irgendwie um das Leben von “Chuck”, Charles Krantz (Tom Hiddelston), das in drei Akten und rückwärts erzählt wird. Am Beginn steht Chuck vor seinem Ende und auch die Welt tut das – Naturkatastrophen scheinen der Menschheit den Garaus zu machen. Dennoch bedanken sich alle bei Chuck für 39 fabelhafte Jahre. Aber warum tun sie das und was hat Chuck mit dem drohenden Weltuntergang zu tun?

SPOILER!!!! ES GEHT NICHT ANDERS!

Ich bin ja bekannt dafür, dass ich Tanz in Filmen liebe. In meinem Haus hängt ein La La Land Poster am Stiegenaufgang. In The LIfe of Chuck tanzt Tom Hiddleston (übigens hervorragend) fast den ganzen zweiten Akt über, auch mit der mir bisher unbekannten Annalise Basso. Sonst hat Hiddleston im Film übrigens fast nichts zu tun, auch wenn er die titelgebende Figur ist, aber teilweise wird ja von Chuck als Kind und Jugendlicher erzählt, also insgesamt spielen drei oder vier andere Kinder bzw. Jugendliche ihn ebenfalls.

Ich liebe es auch, wenn in Filmen Gedichte zitiert werden und das kommt bei The Life of Chuck im ersten und im dritten Akt vor. Beide Male ist es etwas aus Walt Whitmans Gedicht Song to Myself: “Do I contradict myself? / Very well then I contradict myself, / I am large, I contain multitudes.” Ich enthalte Vielheiten. Während wir alle vielleicht ein bisschen Angst haben, vor den Widersprüchen in uns selbst, umarmt Walt Whitman sie, weil wir sind eben groß, wir verkörpern unterschiedliches. Wir dürfen auch widersprüchlich sein.

The Life of Chuck hat zwar diese durchgehende Handlung (wenn auch rückwärts erzählt) Chuck vor seinem Tod bis Chuck als Kind, aber viel mehr handelt der Film von vielen kleinen Momenten, die uns sagen, wie schön das Leben ist, wenn man auf seine Details achtet. Klingt jetzt komisch, weil ja vor allem im ersten Akt dauernd vom Weltuntergang die Rede ist, aber vielleicht auch gerade deshalb. Die Figur eines Lehres, die von Chiwitel Ejiofor dargestellt wurde, mochte ich gleich. Weil das Internet fällt aus (für immer!!!) und ein Vater kommt zu ihm, eigentlich wegen eines Elterngespräches und er sagt verzweifelt zu ihm: “Pornhub funktioniert auch nicht mehr”. Und der Lehrer könnte dann so tun als wisse er von nichts, als hätte er überhaupt noch nie von Pornhub gehört etcetera, doch er sagt so auf die Art, ja das ist mir auch schon aufgefallen, harhar. Und das fand ich irrsinnig sympathisch.

Der Film hat diese kleine Stephen King Mystik – eine Dachkammer, die man nicht besuchen soll. Das spoilere ich nicht, es ist tatsächlich ziemlich furcherregend, wenn auch nicht im Sinne von Horror. Tatsächlich aber ist meine Interpretation, dass der Film das verkörpern soll, was Chuck im Zuge seines “das Leben zieht nochmal an mir vorbei” Moments vor seinem inneren Auge sieht. Da passt nicht alles zusammen, da gibt es traumartige Sequenzen, alles ist auch ein bisschen mysteriös. Dass sich die Welt bei Chuck bedankt, interpretiere ich so, dass jeder Mensch das Zentrum seines eigenen Universums ist und, dass er sich wünscht, einen Eindruck bei anderen zu hinterlassen. Und dass die Welt untergeht? Naja, sie geht für jeden von uns in dem Moment unter, in dem wir sterben.

Soweit meine Gedanken, man kann alles aber auch anders sehen. Das ist das Schöne an diesem poetischen Film. Ach ja und am Ende hat man einen My Sharona Ohrwurm.