almis personal blog

Der ESC im Parlament

In Großbritannien beschäftigt sich jetzt das Parlament mit dem schlechten Abschneiden von UK beim Songcontest. Finde ich ja super, endlich kümmert man sich mal um wirklich wichtige Dinge, harhar. Aber ich kann dem Parlament die Arbeit erleichtern und erklären, wie die schlechten Platzierungen nicht aller, aber vieler Songs der letzten naja, 15 bis 20 Jahre zustande gekommen sind.

Weil ich muss da immer an den Film Walk the Line denken, das Johnny Cash Biopic. Da gibt es relativ am Anfang eine Szene, wo Cash erstmals im Studio ist und einen Song aufnimmt. Und der Song ist schon recht okay und ganz nett, aber der Produzent sagt ihm, so werde ich keinen Erfolg haben. Weil es ginge nicht darum, irgendeinen mittelmäßigen Song zu singen, der niemand weh tut und aufregt sondern er, Cash, müsse wirklich etwas zu sagen haben, er müsse etwas transportieren, was nur er so kann. Jeder Song brauche Dringlichkeit und Relevanz, so als würde Cash blutend auf der Straße liegen, wissend, er hat noch Zeit für einen einzigen Song und in den müsse er alles reinlegen, was er der Welt noch mitgeben will. Das hat sich mir so stark eingeprägt, weil ich denke, man sieht in der Kunst tatsächlich, wenn jemand wirklich etwas auf der Seele brennt und wenn etwas raus muss, und wann vielleicht ein bisschen weniger.

Und die meisten Songs aus Großbritannien waren halt eher solche okaye Songs, die irgendwie nebenbei im Radio laufen können, während man arbeitet, die einen nicht aus der Konzentration reißen, die man aber meistens auch sonst nicht wirklich bemerkt, weil man sie so oder so ähnlich schon tausendmal gehört hat. Und wie will man sich mit einem solchen Song gegen 25 andere Songs durchsetzen, von denen zwar auch nicht jeder super ist, aber die meisten zumindest versuchen, irgendwie die Bühne abzureißen.

Tatsächlich hatte UK auch einmal so einen Song, der so herausgestochen ist, das ist noch nicht mal so lange her, 2022 und Sam Ryder hätte, wie ich nicht müde werde zu betonen, mit Space Man auf jedenfall in diesem Jahr den Bewerb gewonnen, wenn nicht die Ukraine im Krieg gewesen wäre. Ich weiß noch wie jemand in der tollen Sendung ESC Songcheck meinte: “Ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals sage, aber mein Lieblingsbeitrag dieses Jahr kommt aus Großbritannien.” Harhar. Sam Ryder hat einfach um sein Leben gesungen und zwar so Zeilen wie: ‘Ive searched around the universe, been down some black holes. There’s nothing but space, man. And I wanna go home” Klingt fast so, als würde er das Erlebnis des Schauspielers William Shatner reflektieren, der im Jahr zuvor zehn Minuten im All verbrachte und danach meinte, er sei so froh, wieder auf der Welt zu sein, weil da oben gäbe es nur Leere.

Wie auch immer, liebes United Kingdom, findet wieder so einen Song, findet so eine Sängerin oder einen Sänger und alles wird gut, versprochen.

Deutungshoheit

Am Mittwochabend ist der Fall des Kabarettisten P. öffentlich geworden und seitdem gibt es kaum noch ein anderes Thema.

Florian Klenk, Chefredakteur des Falter, hat seine Ansichten dazu geteilt, wie man solche und ähnliche Fälle in Zukunft vermeiden kann. Er spricht sehr viel von Prävention und bringt das Beispiel eines Mannes namens Lukas, der im Zuge des Falles T. vor einigen Jahren Hilfe in Form von Therapie, Hilfe auch bei seinen Freunden gesucht, der aktiv daran gearbeitet hat, seine Trigger zu umgehen. Und wie dieser Lukas deshalb nicht zum Täter geworden ist. Das ist absolut anzuerkennen und Prävention ist sicher sehr wichtig, wer würde das auch bestreiten. Aber für Prävention braucht es halt auch Voraussetzungen, vor allem Selbstreflexion und Unrechtsbewusstsein.

P. hat monatelang sein Programm vorbereitet, das am Mittwoch Premiere gehabt hätte. Er hat sein Leben in den letzten Wochen so weitergelebt, als wäre gar nichts passiert. Er hat noch vor ein paar Tagen ein Interview im Falter anlässlich dieser Premiere gegeben, in dem er uns ein bisschen gönnerhaft die Welt erklärt und sogar über “gut” und “böse” reflektiert, ich habe das Interview damals gelesen. Ja, P. hat sich selbst angezeigt, allerdings nicht aus dem Gefühl heraus, etwas falsch gemacht zu haben, sondern weil er erpresst wurde. P. hat ein Video auf Facebook gestellt, nachdem sein Name der Öffentlichkeit genannt wurde, weil er jetzt angeklagt wird. Und in dem Video erklärt er unter anderem, was wir tun sollen, wenn wir solche Neigungen in uns spüren.

Nur weil man in der Öffentlichkeit steht, mehr oder weniger berühmt ist, und eine Plattform bekommt, das alles macht die eigene Person nicht zu einer moralischen Instanz, das wird einem dieser Tage wieder bewusst. Und auch wenn mir natürlich klar ist, dass P. ein spezieller Fall ist, finde ich doch, dass niemand die Deutungshoheit hat oder sie für sich reklamieren sollte. Macht euer Ding, eure Programme, drückt euch über die Kunst aus, gebt uns was zum Nachdenken, inspiriert uns, fordert uns heraus, seid provokant und eckt ruhig an. Sagt uns was ihr denkt, aber sagt uns nicht, was wir denken sollen, das wär super, danke.

Four great albums

Folgende Frage habe ich auf Facebook reingespült bekommen. Und ich beschäftige mich ja gerne mit solchen Sachen, wo es um nichts geht, es aber trotzdem spannend ist, darüber nachzudenken.

Also ich habe von allen vier Bands Songs in meiner Indie Playliste. Aber keinen vom Album Parklife. Blur ist damit gleichmal raus. Abgesehen davon hatte ich bei Damon Albarn irgendwie das Gefühl, er macht sich über sich selbst, uns und vielleicht sogar das Leben an sich lustig. Ist okay, holt mich aber nicht hundertprozentig ab.

Definitely Maybe fand ich im Jahr 1994 einfach einen extrem super Albumtitel. Und ich habe Live Forever rauf und runter gehört, weil in diesem Jahr habe ich meine Nachprüfung nicht geschafft und bin quasi das erste Mal im großen Stil gescheitert. Es sollte nicht das letzte Mal sein. Jedenfalls kamen mir die Zeilen: “Maybe I will never be/ All the things that I wanna be/ Now is not the time to cry/ Now’s the time to find out why” sehr gelegen. Auch wenn ich damals natürlich wusste warum, wegen Mathe nämlich harhar. Generell waren mir die Gallaghers und zwar beide aber ein bisschen zu nonchalant-arrogant und ein bisschen zu gelangweilt, bei fast allem was sie taten.

Bleiben Pulp und Suede. Mein Freund hat damals Suede entdeckt und ich etwas später Pulp. Was soll ich sagen, Jarvis Cocker war einfach der beste Frontman für mich. Diese Attitüde der Kauzigkeit, der zelebrierten Peinlichkeit, aber auch der Intellektualität, die irgendwie nicht genau wusste, wo sie hinsoll im England der Working Class, das er ja auch gerne besang, das war genau meines. Und Do You Remember The First Time ist immer noch einer meiner Lieblingssongs.

Aber wenn ich ganz ehrlich bin, und ich weiß nicht, ob ich das damals war, weil ich wollte ja “meine” Band verteidigen harhar, dann muss ich zugeben, dass Suede insgesamt die bessere Band war und vor allem ist Dog Man Star das beste Album.

Diesen epischen Songs, die Zivilisationskritik übten – “Let the nuclear wind blow away my sins”, die Einsamkeit in Satellitenstädten adressierten und (auch illegale) Formen des Eskapismus thematisierten, denen kann man sich kaum entziehen. Ich meine alleine die Dualität eines Songs wie Heroine – spricht Sänger Brett Anderson hier über seine Heldin oder vielleicht doch die Droge – hat mich komplett in den Bann gezogen und dabei habe ich nicht mal geraucht. Aber ich bin der Meinung, darüber müssen Bands erzählen, über die großen Themen, über alles Düstere, das, was uns Angst macht und alles, was wehtut. Solche Zeilen wie: “I belong to a world that is gone, it’s the english disease” Großes Kino.

Heute ist mir vieles zwar zu schwer, Musik kann mich sehr runterziehen, aber trotzdem habe ich es sowohl Pulp als auch Suede ziemlich übelgenommen, dass sie später Alben mit Titeln wie We Love Life und A New Morning herausgebracht haben, weil in den Park gehen kann ich selber auch, harhar.

Ja, erstaunlicherweise war das jetzt ein Musik-Posting ohne ESC Content. Und das obwohl morgen offiziell die neue ESC Saison startet.

Chandlers Zitate

Zum heutigen Geburtstag von Matthew Perry, unvergessen als Chandler Bing in Friends, ein paar seiner Zitate. Diese wurden heute auf Social Media zusammengetragen. Am besten natürlich, wenn man sich den Habitus und Tonfall dazu vorstellen kann, weil man alle Folgen mehrfach gesehen hat.

Aber auch so einfach Chandler-esk.


Als Rachel Chandler um einen Ratschlag zu ihrem Liebesleben bittet:

“I’m not great at the advice. Can I interest you in a sarcastic comment?”


Als Ross ihm erzählt, dass er sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden kann:

“Oh, no! Two women love me. They are both gorgeous and sexy. My wallet is too small for my fifties, and my diamond shoes are too tight”


Als Ross viel zu stark gebräunt vorbeikommt und vorwurfsvoll zu Chandler sagt: “I went to the tanning place your wife suggested”

Chandler: “Was that place…the sun?”


Als Joey zu ihm kommt und meint: “I kinda had a dream”

“What if Martin Luther King had said that..? I.. kinda had a dream?”


Als Phoebe darüber spricht, wie man um die Hand einer Frau anhält und Chandler draufhin:

“Well if I were a guy… did I just say if I were a guy?


Als Monica ein Video aus der Zeit zeigt, in der sie übergewichtig war und anmerkt: “Don’t forget, the camera adds ten pounds”

“Right and how many camera are actually on you right now?”


Und mein Lieblingszitat. Als Phoebe ihren enthusiastischen neuen Freund auf eine Feier mitgebracht hat und dieser in seiner überschwänglichen Art zu allen sagt, er möchte den Moment festhalten und tut so, als würde er eine Kamera bedienen: “It’s like, I want to take a mental picture of you all. Click!”

“I don’t think the flash went off.”

Causa prima

Es wurde ja schon alles zu Stockers Aussage über die Kinderbetreuung gesagt, nur noch nicht von allen. In diesem Sinn, meine Ansicht.

Ja, da war vielleicht keine sehr geglückte Formulierung von unserem Bundeskanzler, von mir aus. Allerdings finde ich es schon interessant, dass jetzt Protest auch von der Seite kommt, die sonst schnell von “Herdprämie” spricht, wenn es finanzielle Erleichertungen für Mütter geben soll. Wenn es Frauen also ermöglicht werden soll, länger in Karenz zu gehen und bei den Kindern zu bleiben. Wie oft habe ich gelesen, dass Frauen dann im Kinderzimmer bzw. in der Küche “versauern” würden. Klingt das wirklich danach, als ob Kinderbetreuung gleichermaßen respektiert und wertgeschätzt wird wie “Lohnarbeit”?

Private Anekdote am Rand: L. und ich haben unsere Kinder immer so um 14 Uhr aus dem Kindergarten, der ein Betriebskindergarten war, abgeholt. Irgendwann haben wir von Gerüchten gehört, dass wir als “Glucken” bezeichnet werden, weil wir unseren Nachwuchs eben immer so früh abholen würden. Ich gebs zu, ich war damals ur sauer. Das haben wir dann mal einer befreundeten Mutter dort erzählt. Und eines Tages, als wir gerade mit den Kids wieder “so früh” aus der Einrichtung kommen, begegnen wir dieser Mutter und sie meinte: “Ach die zwei Glucken wieder”. Da musste ich so lachen und das Thema war für mich erledigt.

Fazit: Im besten Fall bringt uns diese Debatte dazu, andere weniger zu bewerten und vor allem unser Leben so zu führen, wie wir das möchten, egal was andere davon halten.

Was darf Kunst?

Ja Hirsch und Danzer Aufregung, dies, das. Ich hab eh schon hundertmal über Rollenprosa und Kontext geschrieben. Aber dennoch etwas zu dem, was Verena Bogner auf fm4 zur Causa geschrieben hat. Vor allem ihr letzter Satz:

“Nicht jeder menschliche Abgrund muss in Songform erfoscht und vor einem Massenpublkukum wiedergegeben werden.” Und wenn wir diesen Satz sehr kritisch betrachten, klngt das fast ein bisschen totalitär.

Denn wer soll denn bestimmen, was erforscht und einem Massenpublikum zugemutet werden kann und was nicht. Der Staat? Die Zensurbehörde? Das Wahrheitsministerium? Ich würde nämlich sagen: Erstmal darf alles Thema sein. Denn jedes “umstrittene” Thema hat Menschen, die sich davon getriggert fühlen, das ist leider so. Das fängt ja nicht bei Pädophilie an, es gibt genug Menschen, die wahrscheinlich auch nichts über Abtreibungen und Fehlgeburten, Gewaltverbrechen und Missbrauch oder auch einfach nur von solch alltäglichen Katastrophen wie Trennung und Scheidung hören wollen. Und das ist auch völlig okay so.

Es kann aber nicht die Aufgabe von Kunst sein, jeden Trigger zu vermeiden. Nein, man muss sich nicht alles anhören, man muss schon gar nicht alles gut finden. Man darf sich selbst schützen. Es muss aber in einer freien Gesellschaft möglich sein, auch kontroversielle Dinge anzusprechen, vor allem in einem künstlerischen Kontext. Kunst hat nämlich auch immer die Aufgabe, umbequem zu sein, Fragen zu stellen und den Finger in die Wunde zu legen. Das kann unangenehm und anstrengend sein, manchmal auch ärgerlich sein. Ich finde auch nicht alles ur super.

Kunst ist aber kein Safe Space und keine Komfortzone und das sollte von ihr auch nicht verlangt werden, denn sonst schafft man sie ab.

Dienstag

Gestern wurde Wien von der UNESCO roten Liste gefährdetes Weltkulturerbe gestrichen, auf der sie wegen des Projekts beim Heumarkt seit mehreren Jahren waren. Warum das vielleicht keine ausschließlich positive Nachricht ist, haben 50 Fachleute in einem offenen Brief beschrieben, der im ersten ORF- Bericht noch verlinkt war, was ich sehr wichtig fand. Im zweiten Bericht dann nicht mehr.

Auf meine dementsprechende Frage an die Redaktion, wurde mir heute zuerst mitgeteilt, dass der ORF einer gesetzlichen Längenbegrenzung unterliegt. Ähm, einen Link kann man doch einfach unter jeden Text drunterlegen, was hat das mit Länge zu tun. Und wieso werden dann andere Links ergänzt? Ich mein ehrlich, halten die uns alle für deppert?? Wollte schon pampert antworten, habe dann aber etwas später noch eine weitere Mail erhalten, in dem mir geschrieben wurde, der Link ist jetzt wieder drinnen. Noch mal die Kurve gekratzt. Falls jemand nachlesen will, hier der Artikel (mit Link zum offenen Brief).

Vom nochmal abgewendeten Ärger über den ORF direkt zum Ärger auf die Stadt Wien

Lets agree to disagree

Ja ich weiß, Bauarbeiten sind notwendig. Aber zwei Monate? Und überall in der Stadt gleichzeitig? Den ganzen Sommer lang? Wenn man mit der U6 fährt, muss man derzeit den Weg von der Volksoper bis zum Votivkino zu Fuß zurücklegen. Das kann ich, mache ich auch sonst häufig, zumindest abwärts, aber das gilt ja nicht für alle Menschen.

Gleisbauarbeiten auf der Währingerstraße, die gleich sieben Straßenbahnlinien lahmlegen

Dann war es aber endlich soweit und ich habe Die Odyssee gesehen. Übrigens englisch mit deutschen Untertitel und quasi erstmals in der Geschichte ist die deutsche Synchro vielleicht seriöser als das Original, denn hier hört man in der Adaption von Homers Epos Sätze wie “What about your daddy” und “Get the fuck out of here” Harhar. Aber was soll ich sagen? Die Geschichte interessiert mich an sich wirklich null, (harhar) aber Nolan gelingt es ein weiteres Mal, und da war ich diesmal wirklich sehr skeptisch, dass ich nach 30 Minuten komplett fasziniert und total dabei bin.

Doch noch ein sehr schöner Tagesabschluss. Mehr zum Film dann bald.

Wertvoller Hinweis

Heute wurde mir beim Frühstück auf Facebook ein Video der Wir sind Helden Sängerin Judith Holofernes angezeigt, das ich mir beim Kaffee trinken angeschaut habe. Und ich habe mir gedacht, ich finde es gleichermaßen eigenartig, wenn Menschen immer so tun als hätten sie permanent das allerbeste Leben, aber auch gleichzeitig das Gegenteil: wenn so überreagiert wird und Dinge beklagt werden, die – let’s face it – so dramatisch auch nicht sind.

Holofernes hat ein Video aufgenommen, in dem sie beklagt, wie schwer ihr Reisen fällt. Also die Planung, alles berücksichtigen, auf jeden Teilnehmer Rücksicht nehmen, einfach an alles zu denken etcetera. Und ich verstehe das an sich eh recht gut, obwohl ich diesen Sommer auch wegfahre und mich sehr darauf freue. Aber große Reisen, wo man vielleicht auch noch in ein Flugzeug steigen muss (harhar) und sehr viel koordinieren, das finde ich auch eher anstrengend. Ich habe Menschen in meiner timeline, die gefühlt von Anfang Juli bis Ende August unterwegs sind und ich mag es zwar, deren Fotos anzusehen, aber für mich wäre es Horror pur. Oder wie Fran Lebowitz sagt: “I find real life challenging enough.”

Wenn Holofernes übers Reisen spricht, nehme ich extremen Stress und Überforderung wahr. Da denke ich mir dann wieder: Bitte reg dich ab. Du musst nicht den Nahost-Konflikt lösen. Du musst nur auf Urlaub fahren. Oder eben auch nicht, wenn du keinen Bock hast. Das soll jetzt nicht ur überheblich klingen, a la: Anderswo leben Menschen im Krieg, und du regst dich über so einen Schmarrn auf, nein (da hätten wir vergleichsweise alle keine Probleme). Aber meiner Erfahrung tut es schon gut, sein aktuelles Elend ab und zu mal einem gewissen Realitycheck zu unterziehen. Und vor allem zu schauen: Was rede ich mir vielleicht ein tun zu müssen, was mir im Grunde aber überhaupt nicht (mehr) entspricht? Und warum tue ich das dann überhaupt (noch)? Oder aber: Es stresst mich zwar voll, aber ich liebe es so sehr, dass es das wert ist. Quasi ein Perspektivenwechsel.

Das war mein wertvoller Hinweis an Judith Holofernes, um den sie mich gar nicht gebeten hat. Harhar.

News beim ESC

In der letzten Woche gab es zwei Neuigkeiten, den ESC betreffend, die ich beide mit so eher gemischten Gefühlen aufgenommen habe.

Die erste: Ab nächstem Jahr ist Kanada dabei. Und da bin ich jetzt nicht gerade vor Freude an die Decke gesprungen. Nun muss die erste Reaktion ja nicht zwangsläufig immer die “richtige” sein oder unverändlich, aber es war eben mein spontanes Gefühl dazu und ich habe natürlich nix gegen Kanada an sich. Aber ich finde mehr ist nicht immer gleich besser und es ist auch so ein bisschen ein Jumping the shark Moment, zumindest die Gefahr eines solchen, aber Eurovision überlebt eh viel.

Habe mir dann dazu eine ESC Kompakt Folge angehört, wo erklärt wird, wie das überhaupt möglich ist, dass jetzt Kanada dabei sein. Das Land war bisher assoziiertes Mitglied beim Zusammenschluss der öffentlich rechtlichen Sender und nun ist es ein Vollmitglied. Das bedeutet tatsächlich einen anderen Status als Australien, das immer quasi als Gast eingeladen werden muss und im Fall eines Sieges den Bewerb auch nicht austragen darf. Natürlich werden hier wohl auch ökonomische Gründe vorliegen, denk ich mir. Mir persönlich wäre es halt trotzdem lieber, man holt die Länder zurück, die jetzt wegen des elenden Boykotts abgesprungen sind – Niederlande und Slowenien vor allem, aus musikalischer Sicht, mochte die Beiträge der letzten Jahre aus diesen Ländern sehr. Ich würde mich auch freuen, wenn Nationen wie Ungarn oder Bosnien wieder mitmachen. Ich persönlich finde das Euro in Eurovision nämlich nicht obsolet.

Die zweite Änderung betrifft San Remo und ist mir mindestens genauso unverständlich. San Remo war ja bisher kein ESC Vorentscheid, wie ich hier obergescheit immer wieder gepostet habe, sondern einfach das italienische Musikfestival, dessen Sieger zum ESC fahren durfte (nicht musste). Nun übernimmt Stefano De Martino als neuer (junger!) Leiter das Festival und er will am Freitag – das Festival läuft ja fünf Tage – zu einem ESC Abend machen, wo es auch um die Inszenierung der Songs geht.

Und ja, wenn Italien – das immerhin erfolgreichste ESC Land der letzten zehn Jahre – etwas nicht kann, dann ist es die Inszenierung. Im besten Fall fällt sie einfach nicht auf, wie zum Beispiel bei Lucio Corsi, der einfach zwei meterhohe Verstärker hinter sich platziert hat oder bei Il Volo, die irgendwelche Objekte aus dem Kolloseum in Rom eingeblendet haben. Marco Mengoni hat überhaupt nur ein Trampolin mitgebracht, auf dem zwei Männer relativ unmotiviert herumgesprungen sind. Das war die “Bühnenshow” harhar. Im schlechtesten Fall sind die Inszenierungen so überladen, dass sie dem Song tendenziell eher schaden – siehe Francesco Gabbani oder Mahmood (der trotzdem Zweiter wurde) oder heuer auch Sal da Vinci, der beim eigenen Staging ja nur eine Nebenrolle spielte. Wie gesagt: Platzierungsmäßig heißt “schaden” aber immer noch Top 6.

Wie sich das San Remo konkret vorstellt, 20 verschiedene Spezial-Inszenierungen auf der eher kleinen Bühne des Teatro Ariston zu präsentieren, frage ich mich schon. Und letztlich ist Italien immer gut damit gefahren, sich nicht an den Songcontest anzubiedern, was bei Schweden und seinem Melodifestivalen zu einem häufig etwas seelenlosen Einheitsbrei führt. Aber vielleicht irre ich mich ja auch, es wäre nicht das erste mal (harhar) und alles wird ur toll.

Die Verluste

Kürzlich habe ich Die Verluste von Florian Scheibe fertiggelesen, einen Roman, den die Buchhändlerin Petra Hartlieb auf ihrer Facebookseite empfohlen hatte. Ich mag schwierige Familiengeschichten sehr gerne und Die Verluste ist eine solche, zumindest beginnt sie so.

Griffig zusammengefasst kann ich sagen: es war durchaus unterhaltsam und kurzweilig zu lesen, dennoch habe ich ein paar Einwände. Worum geht es genau? Ausgangspunkt ist der bevorstehende 80. Geburtstags des Familien/Firmenoberhauptes Klaus Werner. Finanziell sorglos mit seiner Frau in einem großen Haus mit Garten der Schweiz lebend, überkommen ihn plötzlich diffuse Ängste. Durch eine Werbung wird auf auf das Konzept des “Luxusbunkers” aufmerksam, für den Fall des Falles (Atomkrieg oder ähnliches) und er beschließt, sein ganzes Vermögen in einen solchen zu investieren, während die beiden Söhne – ein akkurater Arzt und ein schrauchelnder Schriftsteller – bereits auf ihr Erbe warten, und die Tochter, eine Umweltaktivistin, seit geraumer Zeit alle Bücken zu ihrer Familie abgebrochen hat…

Dieser Roman hebt zu einem Epos im Jonathan Franzen’schen Sinne an – ich habe vor vielen Jahren Die Korrekturen sehr gerne gelesen – löst die Prämisse aber nicht wirklich ein. Vielleicht fehlen dem Roman die gut 200 Seiten mehr, die Franzen sich genommen hat, jedenfalls werden hier, meines Erachtens, zu viele Geschichten auf zu wenig Raum erzählt. Natürlich interessiert einen manches auch mehr als anderes. Auf den Teil mit der Tochter, die irgendwie unterwegs ist, die Welt zu retten, hätte ich persönlich sehr gut verzichten können. Weil Scheibe hier halt auch nicht wirklich mehr einfällt als das, was man von den “Weltrettern” unserer Zeit eh schon gut kennt: Das vor sich hertragen des eigenen “moralischen” Handelns wie eine Monstranz zum Beispiel; und ziemlich unterkomplexe Lösungswege. Die beiden Söhne finde ich interessanter, weil sie jeweils an einem Tiefpunkt ihres Lebens stehen und es spannend ist, dass ökonomischer Erfolg (der eine hat ihn, der andere nicht) damit gar nichts zu tun hat. Immer dann, wenn Scheibe Charaktere genauer beschreibt, ist der Roman sehr stark.

Viele große Themen des Romans entfalten sich dagegen nicht ganz so wie geplant. Der Luxusbunker vom Anfang ist eher ein Mac Guffin. Aber auch der Brief, den die Mutter von Klaus hinterlassen hat und der erst nach ihrem Tod gelesen wird, der die große Überraschung am Ende ist, hat mich eher kalt gelassen, weil er meiner Meinung nach nicht wirklich viel mit den Dynamiken innerhalb der Familie zu tun hat. Interessanter ist die Reflexion über das berühmte Tolstoi Zitat aus Anna Karenina: “Alle glücklichen Familien gleichen einander; jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.” Scheibe lässt seine Protagonisten darüber nachdenken, ob es nicht eher genau umgekehrt ist. Dass es schwierig ist herauszufinden, wie man glücklich sein kann.

Scheibe hat in einem Interview gesagt, das Ende seines Romanes entwickelte sich versöhnlicher als geplant. Für ein bisschen Hoffnung am Ende einer Geschichte bin ich immer zu haben. Aber wenn jahrezehntealte Traumata, die ja im sehr schweren Titel “Die Verluste” ganz bewusst adressiert werden, dann binnen einigen Seiten glattgebügelt bis nivelliert werden, tröstet das alle andere dysfunktionale Familien da draußen nicht wirklich.