Ich habe jetzt das dritte Buch der schwedischen Autorin Moa Herngren gelesen. Sie widmet sich quasi ausschließlich den zwischenmenschlichen Problemzonen. Mit Geschwister, Scheidung und jetzt, fast das ärgste Thema harhar, Schwiegermutter.
In Schwiegermutter geht es am Asa, die ihren Sohn Andreas alleine großgezogen und ein enges Verhältnis zu ihm hat, da ihr Mann sie schon bald nach der Geburt verlassen hat. Nun ist Andreas erwachsen und zieht aufgrund eines Notfalls in seiner eigenen Wohnung mit seiner Freundin Josefin kurzzeitig zu Asa. Doch Asa und Josefin finden keinen Draht zueinander, eher im Gegenteil, und Andreas beginnt eine Therapie, um seine recht vaterlose Kindheit aufzuarbeiten. Dabei wandelt sich auch das formals gute Verhältnis zu Asa völlig…
Herngren hat, das kann ich jetzt nach dem dritten Buch sagen, ein bestimmtes Schema, ihre Romane zu gestalten. Sie erzählt die Geschichte zunächst mal aus der Perspektive der Hauptperson, hier die von Asa, und später kommen noch die anderen Beteiligten mehr oder weniger (hier eher weniger) ausführlich zu Wort und schildern ihre Perspektive. Das finde ich sehr interessant, weil es unsere gewohnte Lesersicht aufbricht. Denn normalerweise fühlen wir mit der Protagonistin mit und sehen alles aus ihrem Blickwinkel, solidarisieren uns vielleicht sogar ein bisschen mit ihr. Herngren zwingt uns quasi, diesen Standpunkt zu überdenken und gibt uns mit, dass es nicht nur eine Perspektive auf die Dinge gibt. Leider kommt speziell in diesem Roman aber die Gegenseite etwas zu kurz und es ist so eher schwierig, herauszufinden, was genau Asa tatsächlich “falsch” gemacht hat. Dafür ist hier das Ende ziemlich überraschend und erinnert uns daran, dass hinter Sein oft sehr viel Schein steckt.
Auch Schwiegermutter ist ein richtiger Pageturner, es gibt immer wieder Konfliktsituationen, Kontaktabbrüche, Schweigen und auch einigen Schmerz, und als Leserin möchte man gerne wissen, wie das alles weitergeht, das hat sicher auch mit einer gewissen Sensationslust zu tun. Aber ein bisschen ist das auch ein Kritikpunkt an ihren Romanen, zumindest für mich. Weil ich manchmal mehr über die Seiten fliege, als die jeweiligen Szene zu sein und die Stimmung voll einzusaugen. Wenn man es nämlich genau betrachtet, dann ist es auch ein bisschen repetitiv, was Herngren uns präsentiert, indem Asa sich immer wieder auf ähnliche Weise reflektiert, diese Reflexionen aber nicht über einen gewissen Punkt hinausgehen, auch nicht hinausgehen können, weil sie, wie wir alle, die Dinge eben nur aus ihrem Blickwinkel sehen kann, selbst wenn sie sich hinterfragt.
Generell kommt mir vor, dass das Thema Schwiegereltern und die Beziehungen zu den “angeheirateten” Kindern ein in der Literatur noch wenig beackertes, aber durchaus spannendes Thema ist, weil es sehr viele Facetten hat. Tragische Aktualität erhält dieser Themenkreis übrigens gerade durch den Suizid des Schauspielers RJ Mitte, dem – laut Internet Gossip – von seiner Verlobten eine Art Ultimatum gestellt wurde: Deine Mutter oder ich. Natürlich ein grausames Extrembeispiel, sofern die Gerüchte stimmen.
In meinem Herngren Ranking liegt übrigens der Roman Geschwister ganz vorne, der chronologisch auch der letzte dieser drei ist. Hier hat die Autorin ihren Stil schon perfektioniert.
