almis personal blog

Victoria

Weil im fm4 Filmpodcast die Rede davon war, habe ich mir Victoria, einen Film des deutschen Regisseurs Sebastian Schipper angesehen. Victoria ist ein One Shot Film und das bringt mich ja tendenziell eher davon ab, harhar. Aber man soll sich ja aus seiner Komfortzone herauswagen.

In Victoria verfolgen wir eine Nacht in dem Leben der titelgebenden Person, eine Spanierin (dargestellt von Laia Costa, die eine Wahnsinnsausstrahlung hat), die eine Auszeit in Berlin nimmt und dabei vier junge Männer trifft, die ihr das “echte” Berlin zeigen wollen…

ACHTUNG SPOILER!!! HIER GIBT ES EINEN GROSSEN

Also erstmal folgendes: Ich betrachte, anders als vielleicht andere, jetzt nicht jeden Mann automatisch als Gefahr oder Gewalttäter. Aber als Frau Mitte 20 um ungefähr drei Uhr früh einfach mit vier mir komplett fremden Männern mitzugehen, die mich auf der Straße anquatschen und deren Sprache ich nicht verstehe und sie dann sogar auf ein Hausdach (!) zu begleiten, so wie es Victoria macht – da kam mir als erstes in den Sinn: Die hängt nicht sehr an ihrem Leben. Und wie ich eine halbe Stunde später merke, habe ich den Nagel auf den Kopf getroffen. Zu diesem Zeitpunkt erzählt Victoria, die es vom Dach herunter geschafft hat, nämlich “Sonne” (Frederick Lau), dass sie ihr ganzes bisheriges Leben damit verbracht hat, täglich sieben Stunden Klavier zu spielen. Und dann ist sie aus dem Konservatorium geflogen, nicht gut genug. So ein Urteil fühlt sich natürlich danach an, dass man auf gewisse Weise seinen Lebenssinn verloren und in Folge dessen nichts mehr zu verlieren hat.

Ich hatte bei diesem Film von Minute 1 an das Gefühl, es wird etwas Schlimmes passieren, hatte das allerdings eher in direktem Bezug auf die Männer angenommen. Ich mein Franz Rogowski (hier als “Boxer”) ist einfach in jedem Film extrem unangenehm und unsympathisch, was ist mit diesem Menschen los? Harhar. Frederic Lau wirkt zugegebenermaßen mit der Zeit sensibel, ihm nähert sich Victoria auch an – bis zu dem Zeitpunkt, als dann diese grenzenlose, “freie” Nacht tatsächlich in etwas düsteres und sehr gefährliches kippt. Die Sache ist nämlich die, dass “Boxer” als Ex-Knasti einem Unterwelt Zampano einen Gefallen schuldet. Er soll eine Privatbank ausrauben und zwar in dieser Nacht. Und weil “Fuß”, der an diesem Tag Geburtstag hat, zu betrunken ist, wird Victoria gefragt, ob sie eventuell den Fluchtwagen fahren kann, es sei eh nichts weiter dabei. Ja genau….

Ein interessanter Twist, generell eine ziemlich spannende Prämisse, aber für mich zerstört diese One Shot Herangehensweise und auch die Improvisation des Textes es irgendwie ein bisschen. Denn auch wenn ich die Technik, sowie die Fähigkeiten der Schauspielerin und der Schauspieler wirklich bewundere, hier steht halt einfach Handwerk im Mittelpunkt, das Verlangen, etwas zu probieren, ähnlich wie etwa auch in Boyhood von Richard Linklater – toller Einfall, aber inhaltlich dünn1. Und auch hier, ja, durch die Berliner Nacht zu streifen wird sehr fühlbar, aber ich mag da gar nicht so reingezogen werden, weil vier mehr oder weniger illuminierte Männer ziemlich viel Schwachsinn reden, den man sich eine halbe Stunde anhören muss. Vielleicht ist auch hier wieder der Film einfach zu lang, denn die zweite Hälfte mochte ich lieber, schon alleine deswegen, weil irgendwas passiert. Aber hier wird es dafür halt auch schnell sehr bitter.

Fazit: Ich glaube, hier ist unter dem Film ein wirklich interessanter Film versteckt, der aber #ausGründen sein Potential nicht ganz ausspielt.


  1. Das nächste große Experiment ist gerade im Entstehen. Vier Beatles- Filme, die jeweils einen aus der Band im Mittelpunkt haben. Also das werden dann vier (wahrscheinlich) zwei Stunden Filme über John, Paul, George und Ringo. Regie führt übrigens Sam Mendes. ↩︎