Primetime erzählt die Geschichte von Chris Hansen (Robert Pattinson), dem erfolgreichen Moderator der Show To catch a Predator, die tatsächlich ab 2004 einige Jahre auf NBC lief und es sich zur Aufgabe gemacht hat, Pädophile und erwachsene Menschen, die mit Minderjährigen chatten und sich für Sex verabreden, vor laufender Kamera zur Rechenschaft zu ziehen. Mit seiner Produzentin Andie (Merritt Wever) und dem neuen Lockvogel Dan (Skyler Gisondo, was für ein Name!) schickt sich Hansen an, nicht nur zu einer Art moralischen Instanz zu werden – der Zweck heiligt quasi die Mitteln – sondern selbst auch weltberühmt zu werden…
Die große Zeit der Sitcoms ist vorbei. Seinfeld ist zu Ende gegangen, ebenso Friends, wie es im Film heißt. Auch die tollen Dramaserien sehen langsam einem Ablaufdatum entgegen. Es ist der Zeit der Realityshows mit all ihren Ambivalenzen und Kontroversen. To Catch a Predator soll gegen einen der letzten Publikumsmagneten programmiert werden, nämlich gegen Lost. Und die Show soll Chris Hansen reich, vor allem aber richtig berühmt machen. Denn er ist, sagen wir wie es ist, eine richtige Rampensau.
Der Titel des Films deutet schon darauf hin, dass der Aspekt der Pädokriminalität zwar auch eine Rolle spielt, es aber nicht wirklich um Kinderschutz und Recht geht bzw. nur als Nebenprodukt. Der Plan ist vielmehr, richtig erfolgreich zu werden. Und was es am Set von To Catch a Predator tatsächlich nicht gibt, ist so etwas wie die Stimme der Vernunft. Hier sagt niemand: Hey Moment einmal, was machen wir eigentlich und was sind unsere Motive? Was wollen wir erreichen? Ist hier irgendwas nachhaltig, ändern wir wirklich etwas? Haben wir Qualitätsmaßstäbe an unser Handeln, wenn wir als vierte Gewalt praktisch die Aufnahmen von zweiter und dritter übernehmen wollen? Der NBC Boss sagt zwar deutlich: Ich mag eure Show nicht. Was er aber mag ist den Erfolg, den diese in der Selbstjusitz-affinen USA hat. Die Produzentin Andie will sich in einer männerdominierenden Branche als Frau durchsetzen und Hansen wirkt sowieso vom Ehrgeiz zerfressen. Dan will einfach nur einen Job als Schauspieler – und somit eine Existenzsicherung.
Dieser Film lebt vor allem von seiner ästhetischen Extravaganz. Ich behaupte mal, man hat noch nicht viele Filme gesehen, die so aussehen und zwar fast durchgebend. Die Farbgebung, die Bildgestaltung, der teilweise körnige und raue Look, das alles ist so düster und auch angsteinflößend, man hat teilweise sogar den Eindruck, in einen Experimentalfilm geraten zu sein, was Primetime für mich extrem aufwertet. Parallel dazu wird Hansen bzw. Pattison im Film immer dämonischer. Während er anfangs nur aalglatt und unnahbar wirkt, wird er mit Fortschreiten der Handlung immer unheimlicher, bis er selbst fast den Verstand verliert. Dan hingegen ist im Kontrast dazu die tragische Figur. Er hat eine Musicalausbildung und singt wunderschön, muss sich aber hier als Schauspieler mehr oder weniger als Mittel zum Zweck verdingen. Darüberhinaus funktioniert sein moralischer Kompass noch am besten, was bedeutet, dass er bald große Probleme mit seiner “Rolle” bekommt.
Was ich immer schwierig finde ist, auch hier, wenn tatsächliche Menschen in einer semi-fiktionalen Geschichte vorkommen. Oder wie Pia Reiser im fm4 Filmpodcast sagte: “Niemand möchte gerne als karrieregeiles Arschloch porträtiert werden.” Das gilt auch für den wirklichen Chris Hansen, der über den Film natürlich nicht begeistert ist und ich kann es ihm nicht verdenken.
Als Kunstprodukt ist dieser Film aber auf jedenfall sehenswert.

Leave a Reply