almis personal blog

The dances I’ve had

Heute habe ich jemand sprechen hören, er hat mehr oder weniger dieselben Worte verwendet, die jeder Mensch benützt. Worte, die er in einer anderen Reihenfolge, in einem anderem Zusammenhang auch manchmal nur zu mir gesagt hat, nicht zu allen, in einem gemütlichen Zimmer.

Ich hatte ein bisschen Angst davor, ihn zu hören und auch zu sehen, weil ich weiß, dass mein Herz dann ganz schnell klopft und ich kaum atmen kann, weil alles irgendwie ein bisschen fremd und doch so vertraut ist, weil es gleichzeitig vergangen ist, aber doch immer auch so nah bei mir. Jeden Tag aufs neue, so ist es eben.

Es war aber gut, auch wenn es den einen sensiblen Punkt berührt, aber direkt daneben ist dieser Ort mit den Erinnerungen und den guten Gefühlen, der mich überallhin begleitet.

No matter what, nobody can take away the dances you’ve already had. (Gabriel García Márquez)

Zurück

Das Kind ist zurück.

Ein süßes Barcelona Souvenier musste erstanden werden. Es ist mega-weich und kuschelig.

Nachdem ich fünf Tage den Herd nicht mal eingeschalten habe und auch nur einmal kurz beim Billa war, weil ich auf cool dauernd auswärts gegessen habe, habe ich am Samstag einen Großeinkauf gemacht und gleich drei verschiedenen Sachen gekocht, so wie Wäsche gewaschen. So beeilen hätte ich mich aber gar nicht müssen, weil das Kind erst um 17 Uhr aufgestanden ist. Harhar. Dann hat er drei Teller unterschiedliche Speisen gegessen, ich habe alle Fotos und Videos der Reise gezeigt bekommen und alle (naja…) Stories gehört. Die Begeisterung ist groß, das finde ich schön.

Heute sind wir dann vor sieben wegen des Formel 1 Rennens aufgestanden, das allerdings so fad war, dass das Kind gleich wieder eingeschlafen ist. Moderator Ernst Hausleitner: Um 13 Uhr haben wir noch eine Sendung, wo wir das Rennen analysieren. Sofern uns irgendwas zu analysieren einfällt. Harhar. Es ist halt wirklich absolut gar nichts passiert. Dann habe ich gebügelt und schon für morgen etwas vorgearbeitet.

Spazieren war ich auch, aber es war so schiach und kalt, dass ich kaum glauben konnte, dass ich am Freitag den ganzen Nachmittag mit meinem Laptop in der Sonne gesessen bin. Frühling in Wien…. Beim Heimkommen habe ich den Nachbarn getroffen, den ich oft im Kino sehe, und eine Weile über The Brutalist geredet. Ich angebermäßig: Ich hab den schon auf der Viennale gesehen harhar. Er war eh zurecht begeistert davon.

Und so klingt das unspektakuläre, aber cosy Wochenende aus, wie es meist ausklingt, mit noch etwas Lesen, einen Podcast hören und an jemand denken.

Urlaubstag

Wie angekündigt, hatte ich gestern einen richtigen Urlaubstag, den ich mit lang schlafen – 8.30(!), einem Croissantfrühstück und längerem Lesen begann. Alles weiter unbezahlte Werbung.

Dann bin ich zum Ikea Westbahnhof gefahren und war gleich Mittagessen. Man bestellt übrigens dort mittlerweile auch an einem Terminal, was ich nach kurzem planlos Herumstehen auch begriffen habe. Ich musste an die Spitalsmensa in Bozen denken, wo wir Mütter immer Gutscheine fürs Essen bekamen. Und das Essen in italienischen Krankenhäuser ist wirklich sehr gut! Ich ging also mit meiner Bettnachbarin, die auch ein Frühchen hatte hin, wir kannten uns überhaupt nicht aus, sie fragte einfach an “Schalter” eine Mitarbeiterin: “Wia geat’n sell?” Südtirolerisch für: Wie funktioniert das hier? Harhar. Das fand ich so cool, weil ich damals noch viel zu unsicher gewesen und sicher erstmal fünf Minuten überlegt hätte, was ich tun muss.

Super Kottbullar Menü mit Holundersaft (warum er leicht rosa ist, bleibt das Ikea Selbstbedienungsautomaten-Geheimnis) und einer Mandeltorte mhmmm.

Danach wollte ich auf die Dachterrasse, aber im Lift merkte ich, dass ich Höhenangst habe. Früher hab ich mir das nie eingestanden, weil mein Papa extreme Höhenangst hatte, der hat sich nicht mal auf die erste Stufe einer Leiter getraut, und dieser Spleen familienintern also schon von ihm besetzt war.

Ich beschloss, also erstmal zu Thalia zu gehen und meine Geburtstagsgutscheine auszugeben. Weil ich bei Büchern aber heikel bin, habe ich da lange gebraucht. Ich habe mir unzählige Klappentexte durchgelesen und die vielversprechendsten davon in die Leseecke mitgenommen und dort weiter “inspiziert”.

Was gibt es Schöneres als jede Menge wohlgeordnet und anschaulich drapierte Bücher?

Ich habe mich schließlich für Benedict Wells Die Geschichten in uns und Jan Weilers Munk entschieden. Wells berichtet in seinem Buch über seine eigene Schriftstellerbiografie und übers Schreiben an sich, da kann ich sicher noch was lernen. Jan Weiler erzählt von einem Anfang 50-jährigen, der nach einem Herzinfarkt sein Leben, vor allem seine Beziehungen reflektiert und sowas interessiert mich ja immer sehr.

Habe dann an der Selbstbedienungskasse bezahlt, weil ich schauen wollte, ob die Gutscheine auch funktionieren (das hat bei mir nämlich schon mal nicht geklappt) und das war dermaßen kompliziert und unintuitiv, dass ich das nicht mehr machen werde. Bin eh voll Team menschliche Kassenkräfte.

Danach bin ich nochmal zum Ikea gegangen und diesmal auf die Dachterrasse, ich mein hey Challenge. War wirklich ein bisschen eine Überwindung, obwohl man dort eh nicht auf irgendwelchen Glasböden gehen muss, das würde ich fix nicht schaffen.

Dafür hab ich schöne Fotos mit nicht so schöner Wetterlage gemacht – aber bei Sonnenschein kann das ja jeder harhar.

Blick auf die Marahilferstraße bei unheilschwangerem Himmel und reger Bautätigkeit

und:

Blick auf die Kirche vom Maria am Siege

Danach hab ich zuhause viel geschrieben – ich habe mir ja vorgenommen, meinen Roman zu überarbeiten – und später mit dem Kind gechattet, der am Strand von Barcelona Abendessen war und die Jungs mussten sich dann tummeln, um rechtzeitig in der Unterkunft zu sein. Übrigens die Hotels, wo heutzutage Klassen absteigen, wow!

War dann ur lang, bis Mitternacht auf, harhar. Ein sehr feiner Tag, wo ich mich ganz leicht gefühlt habe.

Samstag

Heute schon um fünf Uhr früh hungrig aufgewacht. Habe dann aber noch bis halb neun weitergeschlafen.

Noch im Bett höre ich den Regen plätschern, man muss nichts unternehmen, herrlich. Harhar.

Ein langes Frühstück mit Kaffee und Toast und weichem Ei.

Danach gearbeitet. Ich werde es schaffen, bis Montag das aktuelle Projekt fertig zu machen. Dann habe ich wohl ein paar freie Tage, an denen ich am Roman weiterschreiben und neudeutsch Selfcare betreiben werde. Das bedeutet, meine Bücher- und Vapiano Gutscheine zu nutzen und mir ein paar Filme im Kino ansehen.

Marco Schreuder schickt eine Whatsapp und bittet mich um meine ESC Top 10 Wertung bis 11. April. Wer auch mitmachen will, hier entlang.

Ich kenne noch nicht alle Songs und höre mir heute den Beitrag von Luxemburg an. Wäre der Song La poupée monte le son ein Schauspieler, so hätte er kein Smartphone Face. Im Film bedeutet das, dass man Menschen für period pieces engagiert, deren Gesicht so aussieht, als hätte es noch kein Smartphone gesehen. Harhar. Und La poupée monte le son könnte 1:1 so in den 1990er Jahren gelaufen sein, so als hätte jemand den Song vor Erfindung des Internets, des Corona-Wahnsinns, Genderdingens und Co verfasst. Bei aller contemporary irrelavance – ich mag das irgendwie.

Weiter gearbeitet, meine Arbeit lektoriert. Mit dem Kind Koffer gepackt. Fotos vom Leihhund im Garten bekommen.

Videos von Felix (GNTM!) gesehen, der sich gerade in Berlin mit den Buddys von GNTM trifft.

Jetzt Zeitung lesen, ein paar Notizen machen, vielleicht etwas auf dem Arthouse-Channel anschauen.

Später wie jeden Abend vorm Einschlafen an jemand denken. Schlafen. Hoffen, dass sich die Uhren selbst umstellen.

Samstag Ende

Frühstück Hidden Kitchen neu

Endlich bietet das Hidden Kitchen City jetzt auch Frühstück an! Unbezahlte Werbung wie immer.

Und zwar, wie man sehen kann, Donnerstag und Freitag zwischen 8.30 und 11 Uhr. Das bzw. die neue Frühstückskarte mussten L. und ich natürlich testen. Der Andrang ist noch eher äh überschaubar, zu Unrecht, aber vielleicht hat es sich noch nicht so herumgesprochen.

Neben früheren Klassikern wie Pink Egg Florentine, gibt es jetzt einen Avocado Toast…

… und auch so etwas wie ein konventionelles Frühstück mit Bio Schlagseite, nämlich das City Frühstück, außerdem Julias Frühstück – nach der Chefin benannt – Sauerteigbrot mit geschlagener Butter und Tête de Moine (das ist ein Käse, musste ich googlen). Die Chefin hat uns heute übrigens sehr freundlich zurück beim Frühstück begrüßt. Und ich glaube mein neues Highlight ist: der Banana-Split.

Steht da, als würde es jeden Moment hinunterfallen, tat es aber nicht harhar

Sieht super gut und gesund aus, war es auch, griechischer Honig mit Müsli und den Rest erkennt man eh.

Wir haben uns jedenfalls sehr gut unterhalten, es gab Geschenke für mich (danke!) und L. hat jetzt auch 5×2 wegen meines Reviews gesehen und meinte, ich hätte zu nett über den männlichen Protagonisten geschrieben. Ok, er war ein Orsch harhar. Die Protagonistin war aber auch nicht viel besser.

Danach noch ein Bummel durch die Stadt, sehr fein wars!

Neues Jahr

Gestern haben mich schon beim Wachwerden viele ganz liebe Nachrichten von meinen Freundinnen erwartet, die ich alle noch vor dem Aufstehen gelesen habe. Das war schön. Über den Tag kamen noch einige andere dazu. Sogar Freunde des Kinds haben mir gratuliert.

Ich habe gearbeitet, war einkaufen und auch gleich länger in der Sonne spazieren, ich habe Musik gehört und ein bisschen Podcast. Es gab dann Blumen, das Buch Accidentally Wes Anderson (harhar), etwas später auch Sekt und was vom Italiener, sowie Schokoladenkuchen.

Am Abend habe ich eine Nachricht von jemand bekommen, von dem ich sehr gehofft habe, dass er mir schreibt. Ich habe etwas zurückgeschrieben, was schon viel Mut gebraucht hat, aber ich wollte es sagen.

Danach war wieder einmal Germany’s Next Topmodell mit dem Fotografen, der ein bisschen ein “pain in the ass” ist. Leider musste Felix gehen, so knapp vor L.A. Trotzdem kann er stolz auf sich sein.

Schlussendlich gabs noch ein letztes Gläschen Sekt für mich und ich habe noch ein bisschen mit dem Kind Schmäh geführt, wie mein Opa gesagt hätte.

Dieses Jahr möchte ich mein Buch fertig schreiben. Es hat schon 72.000 Wörter. Das macht mich glücklich und das lässt mich die Dinge bewahren, die mir das allerwichtigste waren und sind.

Six Feet Under Rewatch

Der Standard hat die Serie Six Feet Under (2001-2005) nach 20 Jahren noch einmal angesehen, um zu schauen, wie sie gealtert ist, Daniela Rom schreibt im Artikel “Schöner Sterben” darüber.

In Six Feet Under geht es um die Familie Fisher, deren Oberhaupt auch Bestattungsunternehmer ist, ansässig in Los Angeles. Er stirbt in der Pilotfolge bei einem Autounfall. Der Standard: “Von hier weg werden wir die Familie über fünf Staffeln begleiten, in all ihrer Dysfunktionalität und in allen ihren zum Teil erfolglosen Versuchen, sich weiterzuentwickeln. (…) Niemand ist perfekt, niemand hat wirklich einen Plan (…) wie im echten Leben.”

Bei mir haben diese 63 Folgen derart viele Triggerpunkte getroffen, dass ich echt Angst habe, sie noch einmal anzusehen. Und dabei hatte ich 2005 noch gar nicht alle Tragödien meines Lebens erlebt gehabt, harhar. Six Feet Under ist nicht nur eine Serie, es ist auch eine Qual, eine Überwindung, eine echte Herausforderung und doch das schönste Stück Seriengeschichte für mich persönlch.

Am besten ist die allerletzte Folge, über die der Standard schreibt: “Es bleibt eine großartige Familiengeschichte mit (…) wie manche meinen, genialem Ende.” Nein lieber Standard, das meinen nicht manche, das meinen ausnahmslos alle, die die fünf Staffen durchlitten haben. Die jüngste Tochter, Claire, verlässt in dieser Folge ihr Zuhause Richtung New York und will noch ein Foto von der Familie machen. Da hören wir von ihrem Bruder Nate die Worte: “You can’t take a picture of this, it’s already gone”. Das fand ich so gut, dass ich dieses Zitat auch in meinem Buch Geboren in Bozen eingebaut habe.

Die allerletzten Minuten verbringen wir mit einer derartig traurig-wunderschönen Autofahrt, mit einer Art Blick in die Zukunft, so was hat man noch nicht gesehen, untermalt von Sias Song Breathe Me. Wer da nicht weinen muss, Respekt.

Der Standard empfiehlt eine neuerliche Sichtung. Irgendwann, ja, wenn ich den Mut dazu habe.

Frohnatur

Ich erzähle dem Kind von einer Nachbarin, die eine Krise hat. Das Kind ist ganz überrascht und auch verwundert.

Ich so: Bitte, nicht jeder ist so eine Frohnatur wie du.

Das Kind: Du aber schon auch.

Das fand ich interessant. Würde ich mich selbst als Frohnatur bezeichnen? Sicher nicht auf so eine mühelose Art wie das Kind, der einfach fast immer gelassen und gut gelaunt ist. Oft denke ich mir, wäre er anders, hätte er seine Frühgeburt vielleicht gar nicht überlebt.

Es ist aber schon so, dass ich vieles mit Humor nehme, auch manches oder gerade das, was mich belastet. Das habe ich von meinem Opa. Wir haben es immer lustig gehabt. Sogar vom Krieg hat er die amüsanten Dinge erzählt. Über Leute, die sehr ernst und bitter waren, hat er immer gesagt: “Die gehen in den Keller lachen.” Wenn ich daran denke, muss ich grinsen.

Kommende Woche habe ich Geburtstag, das passt mir gerade gar nicht, weil ich merke, dass es mich verletzlich macht. Letztendlich versuche ich aber das Schöne vor Augen zu haben. Ich habe immer noch die Geburtstagsrosen von vor vier Jahren, von jemandem, der mir sehr viel bedeutet. Sie zu sehen tut mir jedesmal gut.

Also ja, wahrscheinlich bin ich doch auch eine Frohnatur, zumindest “kind of”.

Außerhalb der Zeit

Dieser Tage sind es fünf Jahre, dass Corona über uns hereingebrochen ist.

Vorige Woche hab ich Hors du temps gesehen, einen sehr kleinen französischen Film, der zu Anfang der Coronazeit spielt, zwei Paare sind in einem Landhaus gemeinsam, sie haben ziemlich unterschiedliche Ansichten zur Pandemie, aber weil es noch die Anfangszeit ist, als wir alle noch eine große Familie waren, sind es eher niedliche Streitereien Die Frau des einen Paares fragt den Mann des anderen, der einkaufen war, ob er auch beim Bäcker gewesen wäre und der entgegnete nein, er sei psychisch noch nicht bereit dazu, und sie dann so: “Ok dachte ich mir, dass die Bäckerei noch etwas zu schwierig ist” Harhar. Süß.

Irgendwie stimmt das, was Charles Dickens in einem völlig anderen Zusammenhang geschrieben hat: “Es war die beste und die schlimmste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis.” Anscheinend gab es solche Erfahrungen also immer schon.

Ich habe mich oft schrecklich gefühlt, was interessanterweise aber nie mit der Krankheit selbst zusammenhing, die ich dann erst im Juli 2022 bekam. Ich hatte einen Tag Fieber, am nächsten habe ich dann wieder langsam zu arbeiten begonnen, weil etwas dringend war, aber auch, weil es mir nicht schlecht ging. Es war die allerletzte Woche, in der man in Quarantäne gehen musste, weshalb ich auch demonstrativ viel Zeit am Sofa verbrachte und Seinfeld gebingt habe. Als ich dann wieder raus durfte, es war ein Sonntag, bin ich spazieren gegangen und habe dabei die ganze Zeit geweint, es war einfach alles zuviel. Seitdem war ich gar nicht mehr richtig krank. Ich habe mich aber oft auch außergewöhnlich glücklich gefühlt, in der Coronazeit, das hing nur indirekt mit dieser Ausnahmesituation zusammen, sondern einfach mit einem Menschen. Davon zehre ich bis heute. Wahrscheinlich sogar für immer.

Im Rückblick greift man dann immer auf so abgegriffene Phasen zurück, vieles hat sich geändert, durch diese Zeit, der Blick auf die Welt, auf die Medien, auch auf andere Menschen. Aber es ist halt so, zumindest für mich. Ich muss mich manchmal zurückhalten, nicht in einem “state of rage” zu sein, weil es irgendwie schon so ist, als wären mir die Augen geöffnet worden. Andererseits, nächste abgegriffene Phase, bin ich auch “gewachsen”. Es ist mir oft wurscht, was andere Leute von mir denken, das war früher nicht so.

Manchmal denke ich an Rilke (sowas schreiben auch nur Germanistinnen harhar): “Lass dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken. Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.”

Annie Ernaux

Ich habe jetzt bereits drei Bücher von Annie Ernaux gelesen und bin wirklich sehr begeistert von ihrer Literatur.

Ernaux wird 1940 in der Normandie als Kind von Arbeitern geboren, die später ein kleines Geschäft haben. Ihre größere Schwester ist bereits vor ihrer Geburt gestorben, was sie nur zufällig erfährt, da ist sie schon zehn Jahre alt. Ernaux studiert nach der Schule in Bordeaux und will eigentlich Journalistin werden, ist dann aber vor allem als Lehrerin und schließlich als Schriftstellerin tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute in der Nähe von Paris. 2022 erhält sie den Nobelpreis: ” (…) für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Fesseln der persönlichen Erinnerung aufdeckt”

Wobei das fast etwas zu prätentiös formuliert ist, für den Stil, den Ernaux selbst verfolgt. Sie bezeichnet ihre Arbeiten auch als “Autosoziobiografien”, was wiederum etwas zu sachlich klingt. Denn ja, ihre Bücher sind leicht lesbar, sie verzichtet darauf, ihre Gedanken zu verkomplizieren, da ist nichts maniertes oder eitles in ihren Texten. Aber da ist, für mich, doch auch eine Menge an Poesie, die immer mitschwingt.

Ernaux empfindet sich als Archäolgin ihrer selbst, was ich eine sehr spannende Beschreibung finde. Ähnlich wie der Autor Stewart O’Nan, der auf die Frage, ob er nicht manchmal davor zurückschreckt, dieses oder jenes zu schreiben, weil es zu persönlich ist, geantwortet hat: “Natürlich gibt es diesen Widerstand, aber genau der ist auch das Indiz dafür, dass man etwas Gefährliches gefunden hat, etwas, was die Leser bewegen wird”, scheint Ernauxs Maxime die absolute Ehrlichkeit sich selbst gegenüber zu sein.

Gleichzeitig versucht sie aber auch immer, ihr Erinnerungen, ihr Schreiben zu reflektieren:

Ich spüre, wie die Erzählung mich mitreißt und gegen meinen Willen einen Sinn erzeugt, den eines unaufhaltsam seinen Lauf nehmenden Unglücks. Ich zwinge mich dazu, dem Drang zu widerstehen, durch Tage und Wochen zu hasten, und versuche mit allen Mitteln (…) die endlose Langsamkeit einer Zeit wiederzugeben, die sich verdichtete, ohne voranzuschreiten (…)

Das Ereignis, S. 40

Ich weiß nicht, in welcher Reihenfolge man ihre Bücher lesen “sollte”. Ich habe mich für die unkonventionelle Vorgehensweise entschieden, das bedeutet, ich lese, was gerade in der Bücherei verfügbar ist harhar. Und so kam es, dass ich ihr letztes Buch von 2022, Der junge Mann, als erstes gelesen habe. Aber weil irgendwie eh alles mit allem verbunden ist und eines ins andere greift, ist es kein Problem.

Zu den einzelnen Werken werde ich dann in Zukunft immer wieder einmal berichten.