almis personal blog

Tiefe Wasser

Es gibt ja diesen Spruch, wenn man einen Hammer hat, dann sieht jedes Problem wie ein Nagel aus. Ich würde das gerne abwandeln in: Wenn man Adrian Lyne als Regisseur hat, dann wird jeder Filmstoff zu einem Erotikthriller, harhar.

Lyne hat wirklich äußerst gute, wenn auch ziemlich unangenehme Filme gedreht wie 9 1/2 Wochen, Eine verhängnisvolle Affäre und Untreu. Wobei ich mich bei Untreu wirklich immer frage, wer lieber mit diesem nervigen Franzosen zusammen ist als mit Richard Gere, aber ok. Jedenfalls hat sich Adrian Lyne vor zwei Jahren dem Patricia Highsmith Roman Tiefe Wasser gewidmet; leider muss ich sagen, nachdem ich das Buch erst vor ein paar Wochen gelesen habe: für mich ist es einfach kein Erotikthriller und – jetzt kommt es – es ist vielleicht überhaupt nicht als Filmstoff geeignet, wie, unpopular opinion, die meisten Highsmith Romane.

Es geht um Vic Van Allen (Ben Affleck) und seine Frau Melinda (Ana de Armas), ein recht wohlhabendes Ehepaar, das mit seiner kleinen Tochter Trixie ein großes Haus bewohnt und einen bunten Freundeskreis hat, also sozusagen ein “perfektes” Leben führt. Nur freundet sich Melinda regelmäßig mit Männern an, die neu in der Gegend sind und verbringt ihre Zeit lieber mit ihnen als zuhause. Vic, der “gute Kerl” scheint das – zum Erstaunen seiner Freunde – einfach so hinzunehmen. Bis er Melindas neuem “Bekannten” erzählt, dass er den letzten “guten Bekannten” seiner Frau, der spurlos verschwunden ist, umgebracht hat….

Im Buch geht es vor allem um die Psyche von Vic, unter dessen fürsorglicher Fassade es brodelt, um seine Gedankenwelt, auch um seine möglicherweise latente Asexualität. Vic hat nämlich nicht unbedingt ein Problem mit einem Betrug an sich, weil für ihn das Thema Sexualität ohnehin weniger wichtig ist, sondern eher damit, dass Melinda sich emotional immer mehr von ihm entfernt, dass die Familie in Gefahr ist. Vic ist nämlich ein absoluter Familienmensch und kümmert sich auch vorrangig um die Tochter. Um diese Zwischentöne abzubilden, muss der Film dem Publikum etwas “zeigen”, und Lyne hat sich da eben für den ganz plakativen Weg entschieden und macht aus Ana de Armas eine Art überwutzelte Femme Fatale und Ben Affleck agiert energiemäßig genau gegensätzlich, nämlich auf kompletter Sparflamme. Oder wie ich in einem Review gelesen habe: die glaubwürdigste Figur ist die kleine Tochter und das stimmt tatsächlich.

Auch die Übertragung des Stoffes insgesamt, von den 1960er Jahren auf die Gegenwart funktioniert nicht so richtig. Der Film wirkt merkwürdig altbacken, als müsste er sich selbst die Modernität mit Gewalt aufgezwingen. Er übernimmt einen eher klassichen Kleidungs- und Kommunikationsstil aus dem Roman, ergänzt ihn aber mit bemühter Diversität und Gesprächen über Drohnen, was dann ungewollt anachronistisch erscheint.

Außerdem ist der Song Let Go von Frou Frou der quasi Signature-Song von Garden State und ich weigere mich entschieden, ihn in einem anderen Film zu akzeptieren, harhar.

Schreibmaschinen

Schreibmaschinen haben mich immer schon fasziniert, ich wollte auf ihnen dicke Bücher schreiben.

Ich kann mich daran erinnern, als mir mein Papa damals, als ich so 11 oder 12 Jahre alt war, eine aus seiner Firma mitgebracht hat, die dort nicht mehr gebraucht wurde. Sie stand bei meinen Großeltern, wo ich große Teile meiner Kindheit verbrachte, irgendeines Morgens am Frühstückstisch. Ich habe dann selbst probiert, mir das Maschinenschreiben beizubringen. Habe es allerdings erst viel später gut geschafft, als meine Freundin mit der HAK anfing und mir ihr Lehrbuch geborgt hat

Das neue Poster in meinem Gartenbüro, so hab ich quasi als Mädchen meine 1. Schreibmaschine begrüßt harhar

Heute haben wir etwas effizientieres als Schreibmaschinen, nämlich Computer, aber ich habe dafür auf meinem Computer einen Schreibmaschinen-Snoopy, der mich beim Browsen begleitet.

Übrigens wusste ich bis vor kurzem gar nicht, dass Snoopy ein leidenschaftlicher Schriftsteller ist und immer, auf seiner Hundehütte sitzend, über irgendwelchen Texten brütet.

Und jetzt eine Welt-Überleitung: Das Kind wurde im Krankenhaus in Bozen von einer Ärztin “il nostro Snoopy” (unser Snoopy) genannt. Warum weiß ich nicht oder es war lost in translation bzw. ich hab es einfach nicht verstanden harhar, jedenfalls hier noch ein Foto vom Kind mit einer Schreibmaschine aus dem Jahr 2015 bei der Christine Nöstlinger Ausstellung.

Loving Highsmith, zwei

Die Inspiration für die Figur des Tom Ripley erlangte Patricia Highsmith in Positano. Dort sah sie einen jungen Mann am Strand, den sie für einen Amerikaner hielt und das genügte, um ihre Phantasie zu beflügeln. Ripley wird teilweise als ihr Alter Ego interpretiert, zeitweise unterschrieb sie auch ihre Briefe mit diesem Namen. Tom Ripley ist völlig amoralisch und auch fast frei von schlechtem Gewissen, er hofft immer nur, dass seine Taten ihn nicht in eine unangenehme Stimmung versetzen – was tatsächlich auch kaum der Fall ist; etwas, was Highsmith immer fasziniert, wie auch der Sieg des “Bösen” über das “Gute”.

Der talentierte Mr. Ripley wurde öfters verfilmt, zunächst mit Alain Delon unter dem Titel Nur die Sonne war Zeuge (1960). Dieser Film wird allerdings der Romanvorlage überhaupt nicht gerecht und endet auch völlig anders als das Buch, was die Grundidee ad absurdum führt. Außerdem ist Delon ein denkbar schlechter Ripley, denn er war viel zu attraktiv für diese Figur. Das bekam die Verfilmung von Anthony Minghella aus dem Jahr 1999 viel besser hin, in der Matt Damon den Ripley spielte – nichts für ungut, harhar. Mit der erst kürzlich erschienenen Netflix Serie Ripley habe ich so meine Probleme, auch wenn sie sehr gut gespielt und gefilmt ist.

Die zweite “große” Protagonistin von Highsmith ist vielleicht Carol. Auch dieser Figur ist Highsmith tatsächlich begegnte, als sie in einem großen Kaufhaus arbeitete und dort eine Frau sah, die sofort ihre Aufmerksamkeit erregte – und die sie im Roman eben Carol genannt hat. Sie selbst wäre dann Therese, die Verkäuferin. Carol heißt auch der Roman selbst, zumindest aktuell. Ursprünglich hatte er nämlich The Price of Salt geheißen. Und man muss das Buch schon sehr genau lesen, um den Titel zu verstehen, es gibt nämlich nur einen einzigen Satz im ganzen Buch, der darauf Bezug nimmt, als Therese schreibt, dass das Verlieben so etwas wie das Salz des Lebens wäre (und seinen Preis hat… ). Ich meine, um solche Dinge aufzustöbern hab ich eigentlich Germanistik studiert, harhar, das sind die Freuden, die man dabei hat.

Auch Carol wurde verfilmt und zwar 2015 von Todd Haynes. Cate Blanchett spielt die Carol und Rooney Mara die Therese; es ist ein ganz ruhiger, unheimlich subtiler und stilvoller Film, so wie es das Buch ist. Ein bisschen ist es auch ein “Upperclass-Roadmovie”, wobei ich diese Subgenre gerade erfunden habe. Jedenfalls ist eine Liebesgeschichte zwischen den beiden ungleichen Frauen – die einzige dieser Art, die Highsmith schrieb (sie war selbst lesbisch) und die sie unter einem Pseudonym (Claire Morgan) verfasste. Weniger, weil sie sich aus Scham nicht outen wollte, sondern weil sie dachte, es würde ihrer Karriere schaden und es würde dann quasi gewünscht werden, dass sie mehr Bücher dieser Art schreiben würde; etwas, was sie tatsächlich nicht vorhatte und letztendlich blieb das tatsächlich es eben auch dabei.

Loving Highsmith

Nachdem ich mich gerade durch das Gesamtwerk von Patricia Highsmith lese, eine vorläufige Zwischenbilanz.

Patricia Highsmiths biografische Verortung ist ziemlich skurill. Sie wurde nämlich in Texas geboren und ist in der Schweiz gestorben. Das kam dadurch zustande, dass sie einen Großteil ihres Lebens in Europa verbrachte, das ihr mehr entsprach als die USA. Sie lebte längere Zeit in Italien, Frankreich, Großbritannien und eben der Schweiz. Sehr früh begann sie, sich für die menschliche Psyche zu interessieren. Vielleicht auch deshalb, weil ihre Mutter ihr erzählt hatte, dass sie ursprünglich versucht hatte, sie – Highsmith – abzutreiben, weil sie eben kein gewünschtes Kind war. Und sowas ist ja wirklich Grund genug. Sie las “The Human Mind”, das populärwissenschaftliche Werk des deutsch-amerikanischen Psychiaters Karl Menninger, der unter anderem über Kleptomanen, Pyromanen und Serienmörder dozierte. Highsmith war davon fasziniert.

Ihren Durchbruch schaffte Highsmith dadurch, dass gleich ihr erster Roman Strangers on a train von Alfred Hitchcock (!) verfilmt wurde. Nun sind ihre Werke aber keine Kriminalromane im eigentlichen Sinn. Bzw. befinden sie sich in einer Art Zwischenwelt. Für Literaten erscheinen ihre Texte zu “poppig” erzählt, für Fans von Kriminalromanen wiederum ist sind sie zu literarisch. Ich persönlich liebe ihre Art zu schreiben. Tatsächlich schreibt sie aber keine Whodunit’s sondern Whydunits, weil sie sich eben dafür interessiert, warum Menschen zu Tätern werden. Moralische Aspekte beschäftigen Highsmith dabei maximal peripher.

Manchmal passiert aber auch nichts dergleichen in den Romanen. Das bedeutet, wenn man ein Buch von Highsmith liest, kann es auch sein, dass überhaupt kein Mord geschieht oder nur nebenbei, als Andeutung. Oder als Unfall. Und das ist das eigentlich spannende. Wenn “nichts” passiert, ist es auch egal, es ist trotzdem ein Lesevergnügen, denn sicher ist, dass der Leser viel über den Charakter einer Figur erfahren wird und auch viel darüber, welche Kleidung sie trägt, was sie liest, welche Musik sie hört, was isst und trinkt, und wohin sie reist. Highsmiths’ Romane spielen häufig an den Orten, wo sie tatsächlich auch lebte oder wo sie hinreiste, und haben sehr viel Lokalkolorit. Selbst Salzburg ist dabei (Ripley Under Ground).

Ihr berühmtester Protagonist ist sicher Tom Ripley, über den ich in der letzten Zeit aus aktuellem Anlass öfters geschrieben habe. Nach The talented Mr. Ripley gab es noch vier weitere Romane mit ihm. Ich bin gerade beim dritten Roman und muss sagen, da braucht man schon eine ordentliche Suspension of Disbelieve dafür – ein Fachausdruck, den ich erst vor kurzem gelernt habe. Er besagt, dass man quasi seine eigene Logik außer Kraft setzen muss, um Dinge zu glauben, die dem rationalen Denken normalerweise widersprechen würde. Wenn man das nicht tut, dann kann man das Buch quasi nicht weiterlesen, weil es einem zu absurd erscheint. Das ist bei Ripley wirklich vonnöten, das muss ich schon sagen. Die Ripley Romane sind auch wesentlich “actionreicher” als viele andere ihrer Bücher. Aber er ist tatsächlich eine sehr faszinierende Figur.

Bücherei Hernals

Heute aus der Rubrik Büchereien in Wien, weil ich eine neue besucht habe, und zwar die Bücherei Hernals in der Hormayrgasse im 17. Bezirk (unbezahlte Werbung). Diese Bücherei hat die Besonderheit, das sie im ersten Stock eines normales Wohnhauses liegt.

Bücherei Hernals

In der Gegend bin ich so gut wie nie, aber als ich aus der Straßenbahn ausgestiegen bin, habe ich das griechische Restaurant auf der Hernalser Hauptstraße wiedergesehen, wo ich ein paarmal mit sehr lieben Menschen im sehr hübschen Garten gegessen bin und woran ich sehr schöne Erinnerungen habe. Da ist man emotional sofort wieder in einer anderen Dimension.

Die Bücherei selbst ist gemütlich und hat nette Leseplätze. Warum ich in diese Gegend überhaupt gefahren bin, liegt darin begründet, dass praktisch alle Patricia Highsmith Romane dort vorrätig waren (jetzt allerdings nicht mehr, harhar). Ich habe gerade eine gewisse Highsmith-Obsession entwickelt, weil ich draufgekommen bin, dass ihre Bücher keine Krimis sind, sondern eher psychologische Porträts von Menschen und weil Highsmith eine sehr gute Beobachterin ist und ich mir da Inspirationen holen kann.

Leseplätzchen in der Bücherei

Abgesehen davon hat diese Bücherei eine große Graphic-Novel Sektion – ein Genre, in das ich allerdings noch nicht hineingekippt bin.

Ohne Männer

Im Falter ist heute ein Interview mit der österreichischen Autorin Mareike Fallwickl, die mit ihrem Roman Die Wut, die bleibt ganz schön viele Leserinnen in meinem Umfeld begeistert hat (mich leider nicht). Da liest man über sie:

Fallwickl wurde als Schülerin also gezwungen, verstorbene männliche Autoren zu lesen, und dann auch noch solche Randfiguren der Literaturgeschichte. Ich weiß jetzt nicht, ist das Schlimme, dass die Autoren nicht mehr leben oder dass sie Männer sind oder beides?

Germanistik habe sie dann gar nicht erst studiert, sagt Fallwickl, was nur konsequent ist (noch mehr tote Männer). Sie bespricht, laut eigener Aussage, auf ihrem Instagram-Account auch nur Literatur von Frauen und queeren Menschen. Alles gut und schön, Vielfalt ist immer anzustreben, aber hier frisst Ideologie schon ein bisschen die Verhältnismäßigkeit, meines Erachtens.

Mank

Als ich über Pauline Kaels Biografie recherchiert habe, hab ich auch gelesen, dass sie ein Buch über Citizen Kane namens Raising Kane und Orson Welles geschrieben hat, in dem sie Orson Welles quasi vorwirft, dass dieser sich alle Lorbeeren für den bahnbrechenden Film selbst umgehängt hat, er war ja Hauptdarsteller und Regisseur, und auf den tatsächlichen Drehbuchautor Herman Mankiewicz (genannt Mank) “vergessen” hat.

David Fincher wiederum hat einen – durch Corona beinahe komplett untergegangen – Film über eben diesen Drehbuchautor gemacht, der Film heißt Mank und hatte 2020 kaum einen Kino Release. Er erzählt die Geschichte der Zeit als Mank Citizien Kane schrieb – von Orson Welles beauftragt, alleine mit einer Physiotherapeutin (er hatte ein gebrochenes Bein) und einer Sekretärin in einem verlassenen Haus in der Mojave Wüste. Dazu erfährt man in Rückblenden einiges über sein Leben. Mank war schwerer Alkoholiker und sollte in Klausur quasi überwacht werden, damit er sich auf das Schreiben konzentrierte. Plan war, die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines reichen Mannes aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen. Mank gehörte damals dem Freundeskreis von MGM Boss Louis Mayer und dessen engem Vertrauen, dem Millionär und Zeitungsverleger William R. Hearst, an. Aus Wut darüber, dass alle ihre (politischen) Ideale nach und nach verrieten, entschied Mank sich, Hearst als Vorbild für den Protagonisten in Citizen Kane zu nehmen…

Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal über einen Fincher Film sagen würde, aber Mank ist zwar ein guter Film, mir aber fast ein bisschen zu akademisch. Man hat das Gefühl, es bräuchte eigentlich nach jeder Szene eine Reihe von Fußnoten. Wenn man wenig über das Hollywood der 1930-er und 1940-er weiß und Citizen Kane nicht kennt (oder, wie ich, schon vor Ewigkeiten gesehen hat), ist es teilweise schwer, alles an den elaborierten Dialogen zu verstehen. Hier gilt aber wieder “form follows function” – etwas, das Mank im Film an einer Stelle auch sagt. Denn: Citizen Kane wäre damals dann fast nicht gedreht worden, weil das Drehbuch so komplex und sperrig war. Der Film war auch ein Flop an den Kassen, bis er dann Kultstatus erlangte und bis heute als einer der besten Filme überhaupt gilt.

Gary Oldman als Mank ist wie immer super, wenn er einen höchst facettenreichen und intelligenten, gleichzeitig aber dysfunktionalen bis kaputten Typ spielen muss. Amanda Seyfried, die ich bisher nur aus eher leichten Komödien kannte, ist hier erstaunlich tiefgründig als Geliebte von Hearst und sieht auch so aus, als käme sie direkt aus dieser Zeit. Ja und spannend ist natürlich, dass hier – ähnlich wie heuer bei Priscilla von Sofia Coppola – die für die Öffentlichkeit weitaus bekanntere Person (Orson Welles) kaum vorkommt. Der Film stellt sich total auf die Seite von Mank.

Mank hatte, wie gesagt, einige Mühe, sich in die Credits hineinzureklamieren, was darin gipfelte, dass beide, er und Welles, dann gemeinsam den Drehbuchoscar gewannen, aber niemand zur Verleihung erschienen ist. Als Mankiewicz einen Tag später vor die Kameras trat und den Oscar in Empfang nahm sagte er: “I am very happy to accept this award in the manner in which this screenplay was written, which is to say, in the absence of Orson Welles.” Als der Journalist ihn daraufhin fragt, wieso Welles dann als Autor genannt wurde, entgegnete Mank: “Well, that my friend, is the magic of the movies.”

Ein Beispiel jedenfalls wieder dafür, dass die Entstehung eines Werkes einen ebenso spannenden Filmstoff abgeben kann wie das Werk selbst. Aber vorher, wenn möglich, nochmal Citizen Kane ansehen.

Tarantinos zehnter Film

Quentin Tarantino hat ja schon vor einiger Zeit kundgetan, dass er nur zehn Filme drehen wird und etwas beamtenmäßig quasi mit Mitte 60 in Pension gehen will.

Vor ungefähr einem Jahr wurde bekannt, dass sein letzter Film The Film Critic heißen würde und das war für mich sehr erfreulich, denn erstens klingt das nach einem Plot, der mich sehr interessiert und zweitens danach, als könne man nicht mehr als ein vielleicht zehnminütiges Gemetzel einbauen. Jetzt werden einige sagen, da passt ja eigentlich überhaupt kein Gemetzel, aber Tarantino findet ja immer einen Vorwand. Ich meine, dass es wenige Hollywood Auteurs gibt, die bessere Monologe oder Dialoge schreiben als Tarantino, aber auf die Gewalt in seinen Filmen könnte ich persönlich sehr gut verzichten (auch wenn ich weiß, dass sie oft integraler Bestandteil der Handlung sind).

Die Filmkritikerin, die Tarantino ursprünglich porträtieren wollte, wäre Pauline Kael (1919-2001) gewesen, die bekannteste Rezensentin in den USA wahrscheinlich überhaupt, deren Kritiken als Kunstwerke für sich gelten. Ich kenne sie schon durch die Referenzen von Roger Ebert, ein ebenfalls sehr prominenter Filmkritiker, von dem ich einige Bücher gelesen habe. Als Tochter von jüdischen polnischen Einwandern schlug sich Kael später als alleinerziehende Mutter mit allen möglichen Jobs durch, um ihrem Kind eine notwendige Herzoperation zu finanzieren. Ihr Kurzzeit-Ehemann, der nicht der Vater war, übernahm dann die Kosten für die OP und machte sie außerdem zur Managerin seines Kinos. Kael schrieb 30 Jahre für den New Yorker, arbeitete auch ein Jahr direkt im Filmbusiness als Produzentin in Hollywood – wechselte dann aber wieder zurück auf die andere Seite. Ihre Fans nannten sich “the Paulettes”, Clint Eastwood bezeichnete sie als seine Nemesis, George Lucas erfand eine Filmfigur, die nach ihr benannt wurde – “General Kael”. Kael veriss seinen Film und bezeichnete die Figur als “hommage à moi”. Kael hatte die Fähigkeit, Filme “hinauf”- manchmal auch “hinunter” zu schreiben. Später erkrankte sie an Parkinson und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück.

Naja und jetzt macht Tarantino diesen Film doch nicht. Ich finde, jemand anderer sollte ihn doch noch drehen, es klingt so spannend. Nachdem ich das heute alles ein bisschen nachgelesen habe, habe ich mir gleich ein Buch mit Kaels gesammelten Rezensionen bestellt, namens 5000 Nights at the Movies. Ich werde dann sicher etwas darüber berichten können.

ESC 24 – die Texte

Ich hatte übrigens recht, der heurige ESC Beitrag aus Estland mit dem Titel (Nendest) narkootikumidest ei tea me (küll) midagi ist lang, nämlich der längste bisher beim Songcontest eingereichte. Und es wird noch besser, denn in Übersetzung heißt das “Über diese Drogen wissen wir doch nichts”. Die EBU hat diesen Titel zugelassen, während sie so manches “Shit” aus anderen Texten entfernt hat, wie zum Beispiel aus Izaaks Song Always on the run. Und da war “Shit” das Einzige, was vielleicht noch eine Spur edgy gewesen wäre. Anscheinend war es der EBU zu mühsam, die estnische Übersetzung zu googlen, und/oder sie haben sich gedacht, das versteht eh (fast) keiner. Dass der spanische Beitrag Zorra, Schlampe, heißt, war der EBU offenbar ebenso egal.

Auch sonst findet man einige ganz witzige Dinge, wenn man die heurigen Songtexte genauer ansieht – vor allem einmal, dass es doch relativ viele Beiträge gibt, die zumindest teilweise in Landessprache verfasst sind, nämlich 18. Das war schon mal anders. Von manchen Songtiteln würde man spontan ja eher abraten, weil sie sehr Kalauer-geeignet sind, wie zum Beispiel der Song Hollow für Lettland. Einen Song Unforgettable zu nennen, wie das Schweden tut, ist zwar nicht per se schlecht, allerdings sollte der Song dann auch dementsprechend eindrucksvoll sein; ob das gelingt, darüber kann man geteilter Meinung sein. Mich erinnert es ein bisschen an “Intelligent Music Project”, die bulgarische Band von vor zwei Jahren, die trotz ihres selbstbewussten Namens das Finale dann nicht erreicht haben. Dizzy für UK ist ebenfalls ein bisschen schwierig und nicht unbedingt positiv konnotiert und La Noia, die Langweile, wie Italien, hätte ich jetzt auch nicht gewählt.

Beim eher kontroversiellen irischen Beitrag Doomsday Blue wurde im Reaction-Video gesagt, das sei kein Song, sondern da würden einem nur Harry Potter Zaubersprüche wie “Avada Kedavra” entgegen geschrien. Ich kenne mich zwar bei Harry Potter nicht aus, aber Google bestätigt diese Behauptung. Die Zypriotin Silia Kapsis singt: “Waking up in the morning and I’m feeling like ooh-la-la”. Ich würde mal sagen, die wenigsten fühlen sich beim Aufwachen “oh-lala”, noch dazu, wenn sie danach gleich den Lover rausschmeißen, weil der ein Liar ist, aber ok. Der Kroate Baby Lasagna wiederum zieht von daheim aus und verabschiedet sich von den Eltern. Er hat seine Kuh verkauft und sagt zu seiner Katze: “Meow cat, please meow back” und diese Zeile fügt sich nahlos in den gleichermaßen kindlich-verspielten, wie auch sentimentalen Gesamtkontext ein.

Soviel mal für heute.

Ripley neu

Vor einigen Tagen hatte eine neue Miniserie auf Netflix Premiere – Ripley, basierend auf dem Patricia Highsmith Roman Der talentierte Mr. Ripley (unbezahlte Werbung)

Sie umfasst acht Teile, jeder Teil dauert etwa eine Stunde (mal etwas kürzer, mal etwas länger), und wenn man bedenkt, dass der Roman jetzt nicht extrem dick ist, ist das ganz schön viel. Nachdem ich sowohl den Roman erst kürzlich gelesen, als auch die Verfilmung von Anthony Minghella aus dem Jahr 1999 gesehen habe, war ich sehr gespannt, was Regisseur und Drehbuchautor Steve Zaillian daraus gemacht hat. Zudem spielt Andrew Scott (der “hot priest” aus Fleabag) die Titelrolle. Ich habe zwei Abende mit Ripley verbracht und einige Zeit in der Sonne, um darüber zu schreiben.

Viel kann ich noch nicht verraten, weil ich alles in meiner Kolumne für Uncut ausführlich besprochen habe, aber gerade die ersten Folgen waren durchaus herausfordernd. Weil die Serie ist langsam, wirklich langsam erzählt. Und das sage ich als jemand, der damit an sich kein Problem hat. Und: Sie ist komplett schwarz/weiß gedreht. Sie ist sehr düster und quasi das komplette Gegenteil zum Minghella-Film, der bunt und voller Lebensfreude war.

Einer der besten Freunde von Dickie Greenleaf (im Film Jude Law), jener Dickie, den Tom Ripley (Matt Damon) in Italien aufspüren und nach Hause bringen soll, ist Frederick Miles (Philipp Seymour Hoffmann). Miles ist ein richtig oberflächliches amerikanisches Arschloch, das sich einbildet, der bessere Italiener und überhaupt ein Geschenk Gottes an die Welt zu zu sein, komplett von sich eingenommen und total neben der Spur. Und so großartig gespielt! Auf Twitter wurde das gerade gewürdigt:

Solche Szenen sieht man in Ripley nicht. Freddie Miles wird in der neuen Version von einer nonbinären Person (Eliot Sumner, das Kind von Sting) gespielt, der/die zwar eindrucksvoll ziemlich abseitig agiert, aber quasi das komplette Gegenteil des flamboyanten Schwerenöters der Vorlage (und des Filmes) ist.

Ein User schreibt in der Internet Movie Database über Ripley: “I’m 5 episodes in and I want to jump off a tall building.” Harhar. So schlimm fand ich es jetzt nicht, aber ich habe doch einige Fragen. Bald in meiner Kolumne zu lesen, die ich hier, wie man merkt, anteasere.