almis personal blog

Die Odyssee (zwei)

WEITERHIN SPOILER

Okay, wir waren bei Odysseus.

Auch wenn die Odyssee als Heldenreise gilt, ist Odysseus doch, wie schon kurz angesprochen, eher ein Antiheld. Das zeigt uns Christopher Nolan vor allem in einer Szene im brennenden Troja, die mich sehr an Oppenheimer erinnert hat. Nämlich in der Phase, als Oppenheimer sich denkt, das mit der Atombombe war vielleicht doch eine Scheißidee. Oppenheimer hat die Erfindung ja für sich so gerechtfertigt, dass die Bombe alle Kriege beenden werde. Und dann sagt ein Physikerkollege zu ihm: “Until someone builds a bigger bomb.” Ähnlich ist es hier bei Odysseus, der plötzlich im Moment seines Ruhmes denkt, was mache ich hier eigentlich, war es das wert, dass so viele Menschen sterben, was bin ich eigentlich für ein Monster. Einer der Gründe für seine lange Heimfahrt ist ja auch, dass er erst sein Kriegstrauma loswerden muss. Und Damon spielt diesen zerrissenen und verunsicherten, strauchelnden Odysseus wirklich sehr gut.

Nun zu meiner Lieblingsszene der verschiedenen Stationen, die durchlaufen werden und zwar die Szene bei den Sirenen. Da ist Odysseus noch obenauf, als ihm sein Vertrauter sagt, niemand hat sich dem Gesang der Sirenen gestellt und es überlebt, darauf Odyssseus: Sehr gut, dann werde ich der Erste sein. Der Mannschaft werden die Ohren mit Wachs verschlossen – uns als Kinopublikum übrigens auch, wenn auch ohne Wachs. Uns wird aber der Ton abgedreht und wir hören selbst nichts, sehen nur den am Schiffsmast festgebundenen Odysseus, wie er schreit und sich windet und fast wahnsinnig wird. Als er nachher von seinem Vertrauten gefragt wird, wie er die Gesänge beschreiben würde bzw. was ihre zerstörerische Wirkung ist, sagt er die Gesänge führen uns vor Augen, was wir im Leben erreichen wollten und verpasst haben. Und, noch schlimmer, was wir hatten und liebten und was wir dann für immer verloren haben. Wie Damon das erzählt, da kriegt man wirklich Gänsehaut und kann das fast zu gut nachvollziehen.

Generell ist die Odyssee, wie praktisch alle Nolan Filme, Überwältigungskino mit einem sehr großen philosophischen Kern. Es werden Fragen des Lebens erläutert und das hat ja direkten Bezug auch zu Menschen im Jahr 2026. Schon einmal die erste Szene mit dem trojanischen Pferd, in dem sich Odysseus und seine Männer verstecken. Sinon, ein Mann seiner Mannschaft, soll das Pferd den Trojanern schenken, er weiß aber selbst nicht, dass die Soldaten im Schiffsbauch versteckt sind. Er wird dabei getötet und als Odysseus bei seinem Besuch im Hades Sinon wiedertrifft, fragt ihn Sinon wieso er ihn belogen hat. Worauf Odysseus sinngemäß sagt, wenn er die Wahrheit gewusst hätte, wäre er nicht so überzeugend gewesen. Und das wirft natürlich diese “Der Zweck heiligt die Mittel” Frage auf. Ist eine Lüge gerechferigt und wann? Ist es gerechtfertigt, eine Person zu opfern, um viele zu retten? Fragen, auf die es keine einfache Antwort gibt.

Und Die Odyssee stellt uns, bei aller Bildgewalt und Action, noch einige ähnliche Fragen, nach unserem Ego, nach unserem Mitgefühl, generell nach unseren Gedanken. Weil Nolan dem Look nach Blockbuster Kino macht, allerdings old school an echten Orten, mit echten Bauten, mit ganz wenig CGI, inhaltlich aber Arthouse, er ist ein Auteur.

Die Odyssee für mich wider Erwarten ein erneut großartiger Nolan Film. Unbedingte Empfehlung.

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