So jetzt wirds anspruchsvoll, es folgt eine Textanalyse.
Zur Geschichte Rumäniens beim ESC muss man jetzt nicht so viel sagen. Die Sängerin Alexandra Căpitănescu tritt jedenfalls dieses Jahr mit einem Songs namens Choke Me an. Wie man sich denken kann, hat dieser Titel für Aufregung und Zensurwünsche (das aktuelle non plus ultra der Diskurskultur) gesorgt. Căpitănescu hat betont, sie meine die Sache im übertragenen Sinn und mit kritischem Unterton. Trotzdem haben Gegner des Beitrags wieder von toxischer Männlichkeit gesprochen und sorry, aber wie kommt jetzt der toxische Mann sofort ins Spiel, wenn eine Frau irgendwelche Unterwerfungsfantasien hat? Ja, man könnte halt meinen, der Mann “an sich” nimmt sich ein Beispiel an dem Text, Reflexionsfähigkeit wird ihm offensichtlich nicht zugetraut. Außerdem: Wenn ich einen dementsprechenden Kink habe, ist das jetzt “erlaubt” oder müssen meine persönlichen sexuellen Präferenzen erst durch einen Wertekatalog überprüft werden? Und abgesehen davon: Es gab auch schon Todesfälle von Männern, in diesem Zusammenhang.
Im Gegensatz dazu gibt es viel Lob für die Schweiz, ein Land, das in den letzten Jahren zahlreiche ambitionierte Songs zum Bewerb beigesteuert hat, nicht nur Nemo als Sieger ist in Erinnerung, für mich vor allem auch Gjon’s Tears. Veronica Fusano besingt heuer in Alice ein Verbrechen an einer Frau aus der Perspektive eines Mannes. Und rein inhaltlich ist das jetzt nicht so sonderlich weit von Choke me entfernt, ich finde den Text sogar um einiges schockierender. Hier wird aber insistiert, dass es sich um einen Song mit gesellschaftskritischem Anspruch beziehungsweise um Kritik an Gewalt handelt und deshalb wäre das nicht nur okay, es ist sogar vorbildlich.
Ich verstehe nur persönlich den Gedankengang nicht. Bei Choke me traut man einem männlichen Hörer nicht zu, den Text quasi auf eine Metaebene zu heben und von dieser aus zu betrachten, bei Alice funktioniert das dann aber ohne betreute Interpretation? Obwohl man da viel mehr um die Ecke denken muss? I doubt it.
Generell finde ich ja beide Songs an sich ganz gut und wie ich auch schon öfters geschrieben habe, Texte über den politisch korrekten Menschen und die tadellose Lebensführungs sind halt in erster Linie ein bisschen fad. Ob jetzt das Thema Gewalt, egal ob “affirmativ” oder kritisch, das passende in einem ESC Rahmen, das kann jeder finden wie er will.
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