almis personal blog

Gentle Monster

Worum geht es also genau? Die Musikerin Lucy (Lea Seydoux) ist mit ihrem Mann Philipp (Laurence Rupp) und Sohn Johnny kürzlich aufs Land, in ein Dorf in der Nähe von München gezogen. Philipp, der in der Filmbranche arbeitet, erholt sich von einem Burnout, doch das idyllische, naturnahe Leben wird je von einem Polizeieinsatz unterbrochen. Philipp muss den Beamten aufs Kommissariat folgen. Die entgeisterte Lucy versteht die Welt nicht mehr, als sie erfährt, wieso Philipp verhaftet wurde…

ACHTUNG MÖGLICHE SPOILER

Es tut mir leid, aber ich war von so vielen Dingen in diesem Film so enorm irritiert, die im Grunde gar nichts mit der Haupthandlung zu tun haben, dass es mir schwerfiel, wirklich in Gentle Monster einzutauchen.

Lucy ist Pianistin und Sängerin, aber ihr Fach ist nicht die Klassik, nein, sie tritt mit Popsongs der 1980er und frühen 90er Jahre in Konzertsälen auf und die konservativ gekleideten Menschen jubeln ihr zu. Ich mein, ich liebe Popmusik dieser Zeit, aber: Wie? Warum? Der Song, mit dem der Film eröffnet wird, ist Would I Lie to You von Charles und Eddie, den ich überhaupt nicht liebe, der mir schon 1992 extrem auf die Nerven gegangen ist und der hier irgendwie für mich die Funktion hat, uns darauf zu stoßen, dass in diesem Film hier irgendwer lügt, das aber bestreitet. Später singt sie Boys Don’t Cry, einen wesentlich bessern Song von The Cure. Und Pia Reiser sagte im fm4 Filmpodcast, über the Cure wurden circa 800 Feuilletontexte geschrieben und über Charles und Eddie keiner – ja, das hat auch einen Grund, harhar.

Zweitens hat mich dieses Sprachgemisch sehr gestört. Lucy ist Französin und spricht fast nur französisch, versteht aber recht viel auf deutsch, antwortet aber dann in der Muttersprache. Dazwischen sprechen die Leute auch noch englisch. Drittens sagt Philipps Mutter einmal über ihren Sohn: “Er arbeitet zuviel”. Lucy: “Er baut sich etwas auf.” Wir sehen Philipp im Film aber praktisch nie irgendwas arbeiten. Viertens: Lucy zieht mit Johnny vorübergehend zu ihrer Mutter (übrigens Catherine Deneuve). Eines Abends sitzen sie auf dem Sofa und Lucy legt sich der Mutter auf den Schoß und weint und die Mutter sagt: “Ich habe das Gefühl, hier stimmt etwas nicht.” Was? Nur weil die circa 40 jährige Tochter mit dem kleinen Enkelsohn auf einmal bei dir einzieht, wortkarg ist und irgendwann anfängt zu weinen, ist gleich was nicht in Ordnung? No shit, Sherlock. Fünftens: Wieso heißt der Sohn einer Französin und eines Altausseers ausgerechnet Johnny.

Ich weiß, das klingt alles total kleinkariert, aber ich habe mir hier mit ganz viel Details einfach schwer getan. Der Film an sich war für mich wie eine überlange Tatort-Folge, vermutlich kann man einen Film über so ein Thema auch nicht gänzlich anders drehen. Weil das alles auch irgendwie zu ernst ist, für irgendwelche Experimente. Gegen Ende wurde Gentle Monster für mich aber zugegebenermaßen doch noch interessanter, weil es gab eine Rückblende, die ein bisschen diesen Ermittlungs-Duktus unterbrach und der Moment, als Lucy herausfindet, dass Philipp sie angelogen hat, war wirklich spannend inszeniert.

Im fm4 Film Podcast haben mir zwei Aussagen von Marie Kreutzer sehr gut gefallen. 1.) Sie hat Laurence Rupp besetzt, weil er als Schauspieler und Mann nichts mysteriöses hat, man kann in ihn nichts Dunkles hineinlesen. Das wollte sie vermitteln, dass er eben nicht wie ein “Verbrecher” wirkt. 2.) Bei Lucy ist mir das besonders aufgefallen, dass sie im Film ein Kleid trägt, das eine Spur zu klein und kurz ist. Kreutzer meinte, die Kostümbildner wollen das ja immer vermeiden und eine Nummer größer kaufen, aber: “Wir tragen alle mal Sachen, die uns ein bisschen zu klein oder ein bisschen zu groß sind. Oder wir tragen auch einmal etwas, was uns eine Stylistin vermutlich nicht angezogen hätte. Das ist das Leben.” Das fand ich sehr sympathisch.

Der ESC im Parlament

In Großbritannien beschäftigt sich jetzt das Parlament mit dem schlechten Abschneiden von UK beim Songcontest. Finde ich ja super, endlich kümmert man sich mal um wirklich wichtige Dinge, harhar. Aber ich kann dem Parlament die Arbeit erleichtern und erklären, wie die schlechten Platzierungen nicht aller, aber vieler Songs der letzten naja, 15 bis 20 Jahre zustande gekommen sind.

Weil ich muss da immer an den Film Walk the Line denken, das Johnny Cash Biopic. Da gibt es relativ am Anfang eine Szene, wo Cash erstmals im Studio ist und einen Song aufnimmt. Und der Song ist schon recht okay und ganz nett, aber der Produzent sagt ihm, so werde ich keinen Erfolg haben. Weil es ginge nicht darum, irgendeinen mittelmäßigen Song zu singen, der niemand weh tut und aufregt sondern er, Cash, müsse wirklich etwas zu sagen haben, er müsse etwas transportieren, was nur er so kann. Jeder Song brauche Dringlichkeit und Relevanz, so als würde Cash blutend auf der Straße liegen, wissend, er hat noch Zeit für einen einzigen Song und in den müsse er alles reinlegen, was er der Welt noch mitgeben will. Das hat sich mir so stark eingeprägt, weil ich denke, man sieht in der Kunst tatsächlich, wenn jemand wirklich etwas auf der Seele brennt und wenn etwas raus muss, und wann vielleicht ein bisschen weniger.

Und die meisten Songs aus Großbritannien waren halt eher solche okaye Songs, die irgendwie nebenbei im Radio laufen können, während man arbeitet, die einen nicht aus der Konzentration reißen, die man aber meistens auch sonst nicht wirklich bemerkt, weil man sie so oder so ähnlich schon tausendmal gehört hat. Und wie will man sich mit einem solchen Song gegen 25 andere Songs durchsetzen, von denen zwar auch nicht jeder super ist, aber die meisten zumindest versuchen, irgendwie die Bühne abzureißen.

Tatsächlich hatte UK auch einmal so einen Song, der so herausgestochen ist, das ist noch nicht mal so lange her, 2022 und Sam Ryder hätte, wie ich nicht müde werde zu betonen, mit Space Man auf jedenfall in diesem Jahr den Bewerb gewonnen, wenn nicht die Ukraine im Krieg gewesen wäre. Ich weiß noch wie jemand in der tollen Sendung ESC Songcheck meinte: “Ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals sage, aber mein Lieblingsbeitrag dieses Jahr kommt aus Großbritannien.” Harhar. Sam Ryder hat einfach um sein Leben gesungen und zwar so Zeilen wie: ‘Ive searched around the universe, been down some black holes. There’s nothing but space, man. And I wanna go home” Klingt fast so, als würde er das Erlebnis des Schauspielers William Shatner reflektieren, der im Jahr zuvor zehn Minuten im All verbrachte und danach meinte, er sei so froh, wieder auf der Welt zu sein, weil da oben gäbe es nur Leere.

Wie auch immer, liebes United Kingdom, findet wieder so einen Song, findet so eine Sängerin oder einen Sänger und alles wird gut, versprochen.

Rabbit Hole

Letztens bin ich mal wieder das Rabbit Hole tragische Liebeslieder hinabgestiegen.

Direkter Anlass war, ich schreibe in meinem Langtext über den Song Smile like you mean it von den Killers. Dieser Song ist aus dem Jahr 2004 und Brandon Flowers hat ihn im Alter von 22 Jahren verfasst. Er verbreitet diese typische Killers Melancholie, die ich komischerweise liebe, dieses satte Las Vegas Gefühl, die kuriose Depression, kaum dass man erwachsen geworden ist, wenn man erkennt, dass man selbst auch einmal würde sterben müssen. Aber vor allem singt Flowers hier vom Abschied von der ersten Liebe: “And someone will drive her around, down the same streets that I did.” Und dann die Wiederholung des vermeintlich immer gleichen mit anderen, neuen Menschen, die vielleicht besser zu einem passen, vielleicht aber auch nicht.

Von dort kam ich zu Sinead O Connor mit Nothing Compares 2 U: “It’s been seven hours and fifteen days. Since you took your love away”, stellt sie fest. Und, dass der Arzt, den sie aus Kummer aufsuchte ihr rät: “Girl you better try to have fun no matter what you do.” Eh kein so schlechter Tipp. Doch Sinead oder genaugenommen Prince schlussfolgerte über diesen Arzt: “He’s a fool.”

Danach sah ich ein Video von Roxette, wo Marie Fredriksson im weniger bekannten, aber sehr schönen Song Anyone singt: “Everything more or less appears so meaningless. Blue and cold. Walking alone through the afternoon traffic. I miss you so.” Und in dem Video geht Frederiksson ins Meer, aber nicht aus den guten Gründen und heutzutage würden solche Videos wahrscheinlich gar nicht mehr produziert, und wenn, dann nicht mehr veröffentlicht werden, nicht mal mit Triggerwarnung, weil: kritischer Content.

Ich ging weiter zu Always von Bon Jovi, auch eine sehr arge Liebesgeschichte, nur ist das Video so dermaßen gaga, dass man ganz davon abgelenkt ist. Ich mein, wirklich alles, was die Protagonisten hier tun, ergibt keinen Sinn, ich habe darüber schon mal echt gut geschrieben, finde ich (hahar). Aber die Zeilen “This Romeo ist bleeding, but you can’t see his blood” sind super und auch “I ll be there till the stars don’t shine, till the heavens burst, an the words won’t rhyme” – ja hat Bon Jovi da einen leicht ironischen Unterton, bei allem Liebeskummer?

Und schlussendlich Dido, mit White Flag, die die, finde ich, sehr weisen Worte spricht: “I know you think that I shouldn’t still love you or tell you that. But if I didn’t say it, well I’d still have felt it. Where’s the sense in that?” So ist es, Dido. Dafür habe ich ja meinen Blog, harhar.

Four great albums

Folgende Frage habe ich auf Facebook reingespült bekommen. Und ich beschäftige mich ja gerne mit solchen Sachen, wo es um nichts geht, es aber trotzdem spannend ist, darüber nachzudenken.

Also ich habe von allen vier Bands Songs in meiner Indie Playliste. Aber keinen vom Album Parklife. Blur ist damit gleichmal raus. Abgesehen davon hatte ich bei Damon Albarn irgendwie das Gefühl, er macht sich über sich selbst, uns und vielleicht sogar das Leben an sich lustig. Ist okay, holt mich aber nicht hundertprozentig ab.

Definitely Maybe fand ich im Jahr 1994 einfach einen extrem super Albumtitel. Und ich habe Live Forever rauf und runter gehört, weil in diesem Jahr habe ich meine Nachprüfung nicht geschafft und bin quasi das erste Mal im großen Stil gescheitert. Es sollte nicht das letzte Mal sein. Jedenfalls kamen mir die Zeilen: “Maybe I will never be/ All the things that I wanna be/ Now is not the time to cry/ Now’s the time to find out why” sehr gelegen. Auch wenn ich damals natürlich wusste warum, wegen Mathe nämlich harhar. Generell waren mir die Gallaghers und zwar beide aber ein bisschen zu nonchalant-arrogant und ein bisschen zu gelangweilt, bei fast allem was sie taten.

Bleiben Pulp und Suede. Mein Freund hat damals Suede entdeckt und ich etwas später Pulp. Was soll ich sagen, Jarvis Cocker war einfach der beste Frontman für mich. Diese Attitüde der Kauzigkeit, der zelebrierten Peinlichkeit, aber auch der Intellektualität, die irgendwie nicht genau wusste, wo sie hinsoll im England der Working Class, das er ja auch gerne besang, das war genau meines. Und Do You Remember The First Time ist immer noch einer meiner Lieblingssongs.

Aber wenn ich ganz ehrlich bin, und ich weiß nicht, ob ich das damals war, weil ich wollte ja “meine” Band verteidigen harhar, dann muss ich zugeben, dass Suede insgesamt die bessere Band war und vor allem ist Dog Man Star das beste Album.

Diesen epischen Songs, die Zivilisationskritik übten – “Let the nuclear wind blow away my sins”, die Einsamkeit in Satellitenstädten adressierten und (auch illegale) Formen des Eskapismus thematisierten, denen kann man sich kaum entziehen. Ich meine alleine die Dualität eines Songs wie Heroine – spricht Sänger Brett Anderson hier über seine Heldin oder vielleicht doch die Droge – hat mich komplett in den Bann gezogen und dabei habe ich nicht mal geraucht. Aber ich bin der Meinung, darüber müssen Bands erzählen, über die großen Themen, über alles Düstere, das, was uns Angst macht und alles, was wehtut. Solche Zeilen wie: “I belong to a world that is gone, it’s the english disease” Großes Kino.

Heute ist mir vieles zwar zu schwer, Musik kann mich sehr runterziehen, aber trotzdem habe ich es sowohl Pulp als auch Suede ziemlich übelgenommen, dass sie später Alben mit Titeln wie We Love Life und A New Morning herausgebracht haben, weil in den Park gehen kann ich selber auch, harhar.

Ja, erstaunlicherweise war das jetzt ein Musik-Posting ohne ESC Content. Und das obwohl morgen offiziell die neue ESC Saison startet.

Let the Sunshine In

Gestern habe ich zufällig das Ende einer Musicalübertragung aus Baden gesehen.

Ich mochte Musicals früher schon ganz gern, mag aber mittlerweile die klassischen Bühnenmusicals nicht mehr so sehr, weil sie inhaltlich oft ziemlich unterkomplex, auf der emotionalen Ebene aber oft übertrieben pathetisch sind. Für Filmmusicals habe ich dagegen immer noch eine kleine Schwäche, weil die oft das Genre ein bisschen mit Augenzwinkern kommentieren oder ganz arge Experimente machen – siehe zum Beispiel Emilia Perez, das glaub ich außer mir gar niemand mochte harhar.

Jedenfalls war der letzte Song gestern Let the Sunshine In aus dem Musical Hair.

Und da hatte ich plötzlich ganz viele Gedanken im Kopf, die ich hier ordnen will. Zum einen musste ich an meinen früheren, schon etwas älteren, schon etwas vergesslichen Musikprofessor am Gymnasium denken. Er hat mit uns jedes Jahr mehrmals denselben Stoff gemacht, das Genre Impressionismus gefiel ihm sehr gut, er ließ uns öfter diesselbe Seite im Buch aufschlagen und hat uns auch diesselben Fragen gestellt, aber weil sie niemand beantworten konnte, was angesichts der Redundanz recht peinlich war, fiel es ihm nicht auf. Sein Lieblingsmusical war offenbar Hair, weil wir sahen das Ende mehrmals. Und ganz ehrlich: Dieses Ende reißt dir dein Herz heraus und trampelt darauf herum und mir hätte das einmal auch gereicht.

Der Regisseur von Hair ist Milos Forman, der das schon schlimme Finale des Bühnenmusicals nahm und es für den Film noch grausamer machte. Danke für nichts! Harhar. Forman hat auch nette Filme gedreht, wie Valmont – ein eher satirischer “Take” des Gefährliche Liebschaften-Stoffes – ich habe mir mal die wichtigsten Verfilmungen angesehen und mit jemand wunderbare Gespräche darüber geführt. Aber Forman ist “leider” auch der Regisseur von Einer flog über das Kuckucksnest, einem der ganz wenigen Filme bisher, der die sogenannten Big Five Oscars gewonnen hat (Bester Film, Drehbuch, Regie und beide Hauptdarsteller). Und trotzdem will in diesen Film, für den übrigens auch Michael Douglas als Produzent ausgezeichnet wurde, nie wieder sehen. Der Film hat ein so bitteres Ende, das mir persönlich das Gefühl gibt, dass die Menschheit wirklich verloren ist und daran mag ich nicht glauben.

So, wo waren wir eigentlich, ah ja bei Let the Sunshine in (The Flesh Failures). Der erste Teil, The Flesh Failures nämlich, hat sehr seltsame, argen Zeilen wie: “Facing a dying nation” oder “Listening for the new told lies”, immer noch aktuell, wenn man Medien konsumiert, harhar. Aber dann wird das Böse, das Dunkle, das Grausame besiegt, durch die Liebe – eben: Let the Sunshine In! Als empowernde Botschaft. Bei Forman muss man sich da schon sehr bemühen, hier positiv zu denken, aber ansonsten macht das Lied schon was mit einem. Ist mir gestern auch wieder so gegangen.

So, das war jetzt eine kurze Assoziationskette.

News beim ESC

In der letzten Woche gab es zwei Neuigkeiten, den ESC betreffend, die ich beide mit so eher gemischten Gefühlen aufgenommen habe.

Die erste: Ab nächstem Jahr ist Kanada dabei. Und da bin ich jetzt nicht gerade vor Freude an die Decke gesprungen. Nun muss die erste Reaktion ja nicht zwangsläufig immer die “richtige” sein oder unverändlich, aber es war eben mein spontanes Gefühl dazu und ich habe natürlich nix gegen Kanada an sich. Aber ich finde mehr ist nicht immer gleich besser und es ist auch so ein bisschen ein Jumping the shark Moment, zumindest die Gefahr eines solchen, aber Eurovision überlebt eh viel.

Habe mir dann dazu eine ESC Kompakt Folge angehört, wo erklärt wird, wie das überhaupt möglich ist, dass jetzt Kanada dabei sein. Das Land war bisher assoziiertes Mitglied beim Zusammenschluss der öffentlich rechtlichen Sender und nun ist es ein Vollmitglied. Das bedeutet tatsächlich einen anderen Status als Australien, das immer quasi als Gast eingeladen werden muss und im Fall eines Sieges den Bewerb auch nicht austragen darf. Natürlich werden hier wohl auch ökonomische Gründe vorliegen, denk ich mir. Mir persönlich wäre es halt trotzdem lieber, man holt die Länder zurück, die jetzt wegen des elenden Boykotts abgesprungen sind – Niederlande und Slowenien vor allem, aus musikalischer Sicht, mochte die Beiträge der letzten Jahre aus diesen Ländern sehr. Ich würde mich auch freuen, wenn Nationen wie Ungarn oder Bosnien wieder mitmachen. Ich persönlich finde das Euro in Eurovision nämlich nicht obsolet.

Die zweite Änderung betrifft San Remo und ist mir mindestens genauso unverständlich. San Remo war ja bisher kein ESC Vorentscheid, wie ich hier obergescheit immer wieder gepostet habe, sondern einfach das italienische Musikfestival, dessen Sieger zum ESC fahren durfte (nicht musste). Nun übernimmt Stefano De Martino als neuer (junger!) Leiter das Festival und er will am Freitag – das Festival läuft ja fünf Tage – zu einem ESC Abend machen, wo es auch um die Inszenierung der Songs geht.

Und ja, wenn Italien – das immerhin erfolgreichste ESC Land der letzten zehn Jahre – etwas nicht kann, dann ist es die Inszenierung. Im besten Fall fällt sie einfach nicht auf, wie zum Beispiel bei Lucio Corsi, der einfach zwei meterhohe Verstärker hinter sich platziert hat oder bei Il Volo, die irgendwelche Objekte aus dem Kolloseum in Rom eingeblendet haben. Marco Mengoni hat überhaupt nur ein Trampolin mitgebracht, auf dem zwei Männer relativ unmotiviert herumgesprungen sind. Das war die “Bühnenshow” harhar. Im schlechtesten Fall sind die Inszenierungen so überladen, dass sie dem Song tendenziell eher schaden – siehe Francesco Gabbani oder Mahmood (der trotzdem Zweiter wurde) oder heuer auch Sal da Vinci, der beim eigenen Staging ja nur eine Nebenrolle spielte. Wie gesagt: Platzierungsmäßig heißt “schaden” aber immer noch Top 6.

Wie sich das San Remo konkret vorstellt, 20 verschiedene Spezial-Inszenierungen auf der eher kleinen Bühne des Teatro Ariston zu präsentieren, frage ich mich schon. Und letztlich ist Italien immer gut damit gefahren, sich nicht an den Songcontest anzubiedern, was bei Schweden und seinem Melodifestivalen zu einem häufig etwas seelenlosen Einheitsbrei führt. Aber vielleicht irre ich mich ja auch, es wäre nicht das erste mal (harhar) und alles wird ur toll.

Moulin Rouge

Nachdem es gerade auf Netflix wieder läuft, habe ich mir nach langer Zeit Moulin Rouge aus dem Jahr 2001 noch einmal angeschaut. Es war mein Lieblingsfilmmusical, bevor es 2017 von La La Land abgelöst wurde. Und das, obwohl ich damals mit dem Gedanken ins Kino gegangen bin, dass dieses “Jukebox” Musical ein furchtbares Kitschfeuerwerk wird und ich ja alles andere als frankophil bin. Nun, es ist tatsächlich ein Kitschfeuerwerk und ich bin immer noch nicht frankophil, aber dennoch liebe es immer noch sehr! Es mag daran liegen, dass der Regisseur Baz Luhrmann einfach völlig durchgeknallt ist, harhar.

Worum geht es? Die Handlung spielt im Jahr 1899, als der arme Poet Christian (Ewan Mc Gregor) nach Paris geht, um dort als Schriftsteller zu arbeiten. Eben erst angekommen, schließt er sich einer Künstlertruppe um Toulouse-Lautrect (John Leguziamo) an und schreibt mit ihnen ein Musical, das im Moulin Rouge aufgeführt werden soll. Er verliebt sich in die Hauptdarstellerin, die Sängerin und Prostituierte Satine (Nicole Kidman). Der böse Duke erklärt sich bereit, die Finanzierung zu übernehmen, wenn Satine “sein” wird. Im Stück selbst muss sich Satine übrigens zwischen einem armen Poeten und dem bösen Maharadscha (Metaebene!!!) entscheiden….

Es ist kein Spoiler, wenn ich sage, die Sache geht nicht gut aus. Denn bereits in Filmminute fünf, als Christian in einer unfassbar ästhetischen Szene mit tollen Kamerafahrten über ein dann schon stilisiert-heruntergekommenes Paris gesanglich vorgestellt wird – “There was a boy, a very strange entchanted boy, a little shy and sad of eye, but very wise was he…” – eigentlich ein Song von Nate King Cole – also in Minute drei sagt Christian: “The woman I love is…dead.” Satine ist bereits als er sie kennenlernt an Tuberkulose erkrankt und wir brauchen hier eine Menge suspension of diesbelief. Nämlich, dass er es bis fast zum Schluss nicht merkt, sie nicht ihn und alle anderen ansteckt und, dass sie zwar ab und zu hustet und etwas blass ist, aber die Krankheit ihre Schönheit und Zerbrechlichkeit nur noch unterstreicht. Ich kenne jemand, der hat über so etwas eine Doktorarbeit geschrieben *hust*

Nach diesem eher düsteren Anfang wird aber erstmal voll aufgedreht. Als Christian in Paris ankommt, ist nämlich noch alles mehr als super. Es hat zwar niemand Geld, aber man macht Party und trinkt Absinth und wird dabei fröhlich (noch nicht traurig). Es ist der Sommer der Boheme – Friede, Freiheit, Liebe, alle feiern das Leben und die Musik. Und wie ginge das besser als mit Songs wie Up where we belong, All you need is love, I will always love you und so weiter. Dass das alles extrem anachronistisch ist, macht die Sache erst so richtig gut und “Camp”. Auf dem Papier liest es sich furchtbar, tatsächlich ist man als Zuschauerin aber komplett hingerissen, wenn Ewan Mc Gregor, der tatsächlich richtig gut singen kann, Elton Johns Your Song für Kidman schmachtet. Hach ja!

Und es geht rasant weiter. Die hektischen Bühnenproben wechseln sich mit intimen Momenten zwischen Christian und Satine ab; Satine, die sich erst ganz enorm gegen die Beziehung sträubt, weil sie sich ein Leben mit Christian einfach nicht “leisten” kann: “A girl has got to eat” macht sie ihm die profanen ökonomischen Bedingungen klar, während er schon auf Wolke sieben schwebt. Aber irgendwann gibt sie mit den Worten “You’re going to be bad for business. I can tell” auf. Die beiden, die ihre Liebe verstecken müssen, haben ein Lied Come what may (der eine Song, der extra für den Film komponiert wurde ), das sie singen, um sich das gegenseitig zu versichern. Und der Song ist schon so melancholisch, dass man als Zuseherin spätestens da wüsste, was es geschlagen hat, wenn man nicht eh schon seit Minute fünf im Bilde wäre. Ein weiteres Highlight ist der Tango de Roxanne (eigentlich ein Police Song), in dem ur toll getanzt wird, während in Christian die Eifersucht brodelt, es ist der Abend, als Satine den Duke zum Abendessen trifft.

Und so geht es weiter bis zum emotionalen over-the-top Finale. Wie Hitchcock sagte, ein Film muss mit einer Explosion starten und sich dann immer weiter steigern. Ist defintiv das Motto vom Regisseur. Letterboxd reviewer meinen unter anderem: Who needs drugs when Baz Luhrmann films exist? Harhar. Oder A movie set in France without any french people. Is this the perfect film?

Ich kann es nur nochmal sagen: Es ist ein Fiebertraum, wie die jungen Menschen heute sagen, aber ein sehr, sehr guter.

Mother Mary

Auch noch gesehen in der letzten Zeit: Mother Mary von Regisseur David Lowery.

In diesem Film geht es um einen fiktiven Popstar namens eben “Mother Mary”, dargestellt von Anne Hathaway, die das Outfit für ihre neue Tour präsentiert bekommt und zusammenbricht, weil es unglaublich schiach ist. In einer Nacht und Nebel Aktion sucht sie ihre ehemals beste Freundin, die Desigerin Sam (Michaela Cole) auf, die früher ihren Look kreiert hat, um sie um Grunde genommen nur darum zu bitten, ihr ein neues Kleid zu entwerfen, das sie zeigen soll, wie sie wirklich ist. Im Zuge der Begegnung kommt es aber zu einem Kammerspiel-artigen Dialog von gut zwei Stunden, in welchem beide die Probleme thematisieren, die sie eigentlich miteinander haben…

Was diesen Film betrifft, kann ich mich nur Pia Reiser anschließen, die meinte, er wäre etwas für sehr geduldige Menschen, die sich gerne über eine Laufzeit von 110 Minuten teilweise auch recht prätentiöses Gelaber anhören möchten, harhar. Das trifft es ziemlich genau, wenngleich der Film audiovisuell eine wirkliche Wucht ist. Denn derzeit extrem angesagte Musikerinnen und Musiker wie Charli XCX und Jack Antonoff (wir erinnern uns, der Ex von Lena Dunham) haben den Soundtrack beigesteuert und weil Mother Mary ja einen Star im Taylor Swift’schen Ausmaß verkörpert, sollten die Songs auch richtige Banger sein, die sofort ins Ohr gehen und das sind sie tatsächlich. Dazu sind die Kostüme wirklich originell und opulent und es macht Spaß, in Sams Fundus mitzustöbern und in der Schönheit der fantasievollen Stoffe zu schwelgen.

Im Kern geht es bei Mother Mary darum, was Beziehungen in unserem Leben bedeuten und durch welches Tal wir gehen, wenn eine für uns wichtige Verbindung aus welchen Gründen auch immer endet. Hier hat Mother Mary sich im Zuge dessen, dass sie sich neu erfunden hat, wie bei Popstars ja durchaus üblich, auch quasi von ihrer früheren Kostümbildnerin getrennt, die aber auch leider gleichzeitig ihre beste Freundin war. Sam schildert Mary sehr eindrücklich ihren Schmerz über diesen Verlust, wie schwer er in ihrem Körper auch gelebt hat. Und hier hat Regisseur Lowery die Entscheidung getroffen, diesen Schmerz als eine Art (roten) Geist zu symbolisieren, der eines abends, als Sam beschließt, ihn endlich loszulassen, quasi ihren Körper verlässt und über Berg und Tal fliegt, um nun von Mother Mary Besitz zu ergreifen. Das kann man jetzt interpretieren wie man möchte: Für mich stellt es sich so dar, also würde Sam mit ihrer Situation Frieden machen und ihre Gefühle gehen zu lassen, und Mother Mary kommt in genau dieser Nacht darauf was sie verloren hat und nun beginnt sie zu leiden.

Gibt es so etwas, dass die Energie des Loslassen bei einer Person bei einer anderen als Verlust ankommt? Weil sie vielleicht spürt, dass ihr nicht mehr hinterhergetrauert/gesehnt wird? Oder ist das komplett gaga? Harhar. Es ist jedenfalls ein durchaus interessantes Gedankenspiel.

Die letterboxd Kommentare waren hier, wenn wundert es, mal wieder enorm amüsant. Es gibt eine Szene, in der Sam mit einer Schneiderkreide einen großen Kreis auf den Boden zeichnet, in dem sie und Sam sitzen sollen, um den Geist auszutreiben, und jemand schrieb: “No way she free-hand drew that perfect circle on a floor made up of separated wooden planks.” Das waren ganz genau meine Gedanken, als ich das gesehen habe!!! Bzw ich dachte mir: Also ich könnte das nicht. Jemand anderer merkt an: “Phantom Thread for lesbians”. Das spielt auf den Film von Paul Thomas Anderson an, in dem Daniel Day Lewis einen Schneider spielt, der eine ziemliche toxische Beziehung zu Vicky Krieps hat.

Und mein absoluter Liebling: “All this just to look like a Eurovision finalist.”

Ya Ya Ya

So, wie lange hat Almi es jetzt ausgehalten, ohne ESC Content, naja doch immerhin 13 Tage harhar, bin stolz auf mich.

Ich muss jetzt nämlich was für mich peinliches, aber auch lustiges erzählen; ich habe mich sehr über mich selbst amüsiert. Am ESC Abend wurde ja von Andi Knoll behauptet, dass der norwegische Teilnehmer Jonas Lovv mit seinem Song Ya Ya Ya an die italienische Rockband Maneskin erinnert. Für alle, die es nicht wissen, Maneskin waren ESC Sieger 2021, dann Weltkarriere. Ich mag ja Knoll und ich habe diesen norwegischen Song ehrlicherweise, euphemistisch ausgedrückt, nie auf Heavy Rotation gehabt. Weil es gibt immer ein paar Lieder, die ich so ein bisschen ignoriere, weil es sind einfach so viele Songs. Ich habe aber am Finalabend dennoch extrem obergescheit behauptet: “Das Einzige, was bei Jonas Lovv an Maneskin erinnert, sind die Hosen.”

Na ja und jetzt höre ich ja beim Einkaufen gehen und Schnellbahn fahren und so immer Musik über die Earpods, natürlich zu 95 Prozent im weitesten Sinn ESC-related. Wenn das Handy in meiner Tasche ist, gestaltet sich die Playlist etwas “random”, ich weiß also nicht, welche Songs hintereinander drankommen. Und da spielt es eben kürzlich einen Song, der mir im ersten Moment nur flüchtig bekannt vorkommt und ich denke mir so, ah das ist sicher einer dieser englischen Maneskin-Songs.

Ratet. Harhar.

P.S. Sorry Andi!

Semifinale 2, ESC 26

Heute habe ich mich mit sehr lieben Menschen zum Mittagessen getroffen, die extra aus dem Süden Österreichs angereist sind, um gestern die Semi 2 Nachmittagsshow zu sehen. Ich habe mir natürlich alle Details erzählen lassen. Super nett wars!

Ansonsten war das Semi gestern nicht wahnsinnig überraschend – die zehn Songs, die laut Quoten weiterkommen sollten, sind auch weiter gekommen. Ich finde es ja immer faszinierend, dass ich selbst am Ende jedes ESC Jahres sage, Schluss, aus, ich werde mich nicht mehr an den Quoten orientieren und jedes Jahr tue ich es dann doch aufs neue, harhar. Naja, gestern hat es jedenfalls gestimmt.

Interessanter – oder vielmehr ärgerlicher, zumindest meines Erachtens – war die Erstellung der tatsächlichen Startreihenfolge morgen. Die Musiker ziehen ja an sich, wo sie starten werden, allerdings nur eingeteilt in “First Half”, “Second Half” und “Producers Choice” (aka “Deliberate Fraud” harhar, Witz bevor mich wer klagt) Ja, mir ist schon klar, dass man nicht drei Balladen hintereinander platzieren will oder vier Banger aus showtechnischen Gründen, aber es ist auch klar, dass die Songs, die in der ersten Hälfte drankommen, einen Nachteil haben und je früher, umso größer ist dieser. Und in diesem Zusammenhang dann Dänemark auf Startplatz 1 zu setzen, ist schon, wie Jugendliche sagen würden, Ragebait.

Ich verstehe es auch showtechnisch nicht wirklich, weil das für mich auch kein klassischer Eröffnungssong ist. Jedenfalls dürften damit Dänemarks kleine Siegeschancen dahin sein. Fakt ist außerdem, dass von Startplatz 2 aus noch nie ein ESC gewonnen wurde. Diesen undankbaren Platz hat dieses Jahr Deutschland zugewiesen bekommen. Dafür hat Australien gerade ein gewisses Momentum, kommt mir vor. Gestern hat man gesehen, dass Goodrem ein absoluter Profi ist, mir ist es trotzdem zu glatt. Cosmo startet übrigens als Letzter, quasi als Comic Relief nach Rumäniens Choke me, harhar.

Schön fand ich gestern, wie sich die Künstler verschiedenener Nationen gegenseitig gratuliert haben und sich miteinander freuen. Das ist genau der ESC-Spirit, den wir sehen wollen. Und nicht die ganze Cancel-Boykott Kacke, harhar. Sorry, aber ist ja so.