almis personal blog

Ya Ya Ya

So, wie lange hat Almi es jetzt ausgehalten, ohne ESC Content, naja doch immerhin 13 Tage harhar, bin stolz auf mich.

Ich muss jetzt nämlich was für mich peinliches, aber auch lustiges erzählen; ich habe mich sehr über mich selbst amüsiert. Am ESC Abend wurde ja von Andi Knoll behauptet, dass der norwegische Teilnehmer Jonas Lovv mit seinem Song Ya Ya Ya an die italienische Rockband Maneskin erinnert. Für alle, die es nicht wissen, Maneskin waren ESC Sieger 2021, dann Weltkarriere. Ich mag ja Knoll und ich habe diesen norwegischen Song ehrlicherweise, euphemistisch ausgedrückt, nie auf Heavy Rotation gehabt. Weil es gibt immer ein paar Lieder, die ich so ein bisschen ignoriere, weil es sind einfach so viele Songs. Ich habe aber am Finalabend dennoch extrem obergescheit behauptet: “Das Einzige, was bei Jonas Lovv an Maneskin erinnert, sind die Hosen.”

Na ja und jetzt höre ich ja beim Einkaufen gehen und Schnellbahn fahren und so immer Musik über die Earpods, natürlich zu 95 Prozent im weitesten Sinn ESC-related. Wenn das Handy in meiner Tasche ist, gestaltet sich die Playlist etwas “random”, ich weiß also nicht, welche Songs hintereinander drankommen. Und da spielt es eben kürzlich einen Song, der mir im ersten Moment nur flüchtig bekannt vorkommt und ich denke mir so, ah das ist sicher einer dieser englischen Maneskin-Songs.

Ratet. Harhar.

P.S. Sorry Andi!

Semifinale 2, ESC 26

Heute habe ich mich mit sehr lieben Menschen zum Mittagessen getroffen, die extra aus dem Süden Österreichs angereist sind, um gestern die Semi 2 Nachmittagsshow zu sehen. Ich habe mir natürlich alle Details erzählen lassen. Super nett wars!

Ansonsten war das Semi gestern nicht wahnsinnig überraschend – die zehn Songs, die laut Quoten weiterkommen sollten, sind auch weiter gekommen. Ich finde es ja immer faszinierend, dass ich selbst am Ende jedes ESC Jahres sage, Schluss, aus, ich werde mich nicht mehr an den Quoten orientieren und jedes Jahr tue ich es dann doch aufs neue, harhar. Naja, gestern hat es jedenfalls gestimmt.

Interessanter – oder vielmehr ärgerlicher, zumindest meines Erachtens – war die Erstellung der tatsächlichen Startreihenfolge morgen. Die Musiker ziehen ja an sich, wo sie starten werden, allerdings nur eingeteilt in “First Half”, “Second Half” und “Producers Choice” (aka “Deliberate Fraud” harhar, Witz bevor mich wer klagt) Ja, mir ist schon klar, dass man nicht drei Balladen hintereinander platzieren will oder vier Banger aus showtechnischen Gründen, aber es ist auch klar, dass die Songs, die in der ersten Hälfte drankommen, einen Nachteil haben und je früher, umso größer ist dieser. Und in diesem Zusammenhang dann Dänemark auf Startplatz 1 zu setzen, ist schon, wie Jugendliche sagen würden, Ragebait.

Ich verstehe es auch showtechnisch nicht wirklich, weil das für mich auch kein klassischer Eröffnungssong ist. Jedenfalls dürften damit Dänemarks kleine Siegeschancen dahin sein. Fakt ist außerdem, dass von Startplatz 2 aus noch nie ein ESC gewonnen wurde. Diesen undankbaren Platz hat dieses Jahr Deutschland zugewiesen bekommen. Dafür hat Australien gerade ein gewisses Momentum, kommt mir vor. Gestern hat man gesehen, dass Goodrem ein absoluter Profi ist, mir ist es trotzdem zu glatt. Cosmo startet übrigens als Letzter, quasi als Comic Relief nach Rumäniens Choke me, harhar.

Schön fand ich gestern, wie sich die Künstler verschiedenener Nationen gegenseitig gratuliert haben und sich miteinander freuen. Das ist genau der ESC-Spirit, den wir sehen wollen. Und nicht die ganze Cancel-Boykott Kacke, harhar. Sorry, aber ist ja so.

Feiertag

Obwohl Feiertag ist, habe ich heute erstmal was gearbeitet und dann schon ein bisschen die Wohnung aufgeräumt und geputzt. Am Samstag gibt es eine kleine Patchwork ESC-Party und wie ich heute erfahren habe: sogar mit einem Stargast, einer kleinen Katze. Freue mich sehr, natürlich auch auf die anderen Gäste harhar.

Am Nachmittag bin ich ins Filmhaus am Spittelberg gefahren und habe mir Un Poeta angeschaut. Es geht hier um einen alternden eher erfolglosen Dichter in Kolumbien – habe sofort connected harhar – der eine junge Frau aus armen Verhältnissen als Talent entdeckt. Aber ich habe mir das alles ein bisschen mehr “uplifting” und positiv vorgestellt. Der Film hat zwar sogar witzige Momente, aber der Vibe ist mir generell zu düster gewesen, das war alles so schwer und desolat, das passiert mir selten, dass ich mir sowas ansehe und es nicht im Vorfeld schon ahne und auslasse.

Also direkt vom Filmhaus zu Fuß zum Rathausplatz gegangen.

Das Wetter in dieser ESC Woche ist übrigens genauso beschissen bescheiden wie es das 2015 auch war

Wegen dem Eurovillage Feeling, ich wollt zumindest mal in der Nähe sein. Es war gerade ein ESC Quiz und ich konnte die Fragen ohne Auswahlmöglichkeiten beantworten, ich glaube, das ist irgendwie bedenklich harhar. Ausserdem habe ich Miriana Conte aus Malta vom letzten Jahr performen gehört.

Dann wieder daheim natürlich das zweite ESC Semifinale geschaut – ein garantierter Stimmungsaufheller. Und zum Einschlafen an jemand denken. Das sowieso.

Semifinale 1, ESC 26

Nächste Obsession: ESC.

Also gestern war ja das erste Semifinale und was soll man sagen, die Bühne der Stadthalle war schon mal ganz cool, finde ich:

Mir gefällt diese Bühne ehrlich gesagt besser als die von 2015, wo ich live vor Ort war

Die Moderatoren hm. Wie sang Jendrick, der deutsche ESC Kandidat von 2021: “I don’t feel hate, I just feel sorry”. Nein, ich habe irgendwie keine richtige Meinung dazu und das ist ja auch mal ganz angenehm.

Zu den Songs. Ich persönlich habe mich sehr gefreut, dass Litauen dann doch weitergekommen ist und ich weiß, Lion Ceccah mit Sólo quiero más ist ein Minderheitenprogramm oder wie jemand in den ESC Reactions meinte: Litauen bringt heuer den Beitrag, der am lautesten Kunsthochschule schreit. Dafür ist normalerweise eher Portugal zuständig. Aber mir gefällt das wirklich gut, ich fand auch das Staging interessant. Apropos Staging: In unserer ESC Gruppe wurde der Abend zusammengefasst als: Grusel, Hexen, Monster & Zauberer und das stimmt auch, es war ziemlich düster, ziemlich viel rot und schwarz, natürlich das übliche Feuer, stellenweise sehr martialisch.

Lion Ceccah nachdem er zwei Minuten vor allem litauisch gesungen hat, harhar.

Kontrastprogramm dazu Akylas aus Griechenland mit Ferto, ein Mitfavorit und ich habe es leider bis jetzt nicht geschafft, mir den Song schönzuhören, ich habe es wirklich versucht. Mir ist das irgendwie zu anstrengend und die Bühnenshow (nix für Epileptiker) verstärkt das noch. Da hat man den Eindruck, nachdem man sich Akylas drei Minuten angesehen hat, jetzt würde man sich gern mal ein halbes Stündchen hinlegen, harhar. Aber natürlich ist Griechenland weiter. Nicht weiter ist hingegen San Marino, wo die ESC Veteranin Senhit diesmal Boy George im Schlepptau hatte und ich finde es erstaunlich, dass sie immer noch nicht zu wissen scheint, wie dieser Bewerb funktioniert. Dass nämlich große Stars außerhalb des ESC nicht unbedingt ein Erfolgsgarant sind, zumindest wenn der Song nix kann.

Die EBU hat sich heuer dafür entschieden, die Geräusche in der Halle, sprich den Unmut gegen Israel, nicht herauszufiltern und dann passierte das:

Wirklich so, so laut selbst im TV zu hören, sehr unangenehm, glücklicherweise eine singuläre Erscheinung.

Finnland als überdrüber Favorit ist natürlich auch weiter, dazu gab es ja eine kleine Kontroverse, da dem Wunsch der Geigerin Linda Lampenius stattgegeben wurde, die Geige live zu spielen. Das war eine Sensation, denn es war tatsächlich das erste Mal seit … vorigem Jahr. Okay, hear me out: Natürlich hat der Italiener Lucio Corsi letztes Jahr auch seine Mundharmonika spielen dürfen, aber es dauerte ungefähr 15 Sekunden, bis Corsi das angesabberte Instrument (hab ich mir immer gedacht harhar) seinem Co-Musiker wieder zurückgibt. Und davor war das letzte live Instrument tatsächlich 1998 (!) im Einsatz. Weil es eben da verboten wurde.

Morgen dann schon das zweite Semi, mit meinen beiden Lieblingssongs aus Tschechien und Dänemark.

ESC Dänemark 26

Dänemark hat beim ESC bisher, so wie ich Österreich, dreimal gewonnen.

Der Song von 1963 sagt mir, ehrlicher Weise, nichts, aber die Olsen Brother 2000 mit Fly on the Wings of Love waren so ein bisschen ein Guilty Pleasure von mir, trotz des Schunkelfaktors und auch Emmelie de Forest, die 2013 barfuß und naturverbunden Only Teardrops performte höre ich immer noch sehr gern. In den letzten Jahren war Dänemark dann weniger erfolgreich und lief ein bisschen unter dem Radar.

Dieses Jahr performt Søren Torpegaard Lund den Song Før vi går hjem – habe gestern auf Social Media gesehen, dass Andi Knoll schon die Aussprache übt harhar. Das Lied ist tatsächlich ausschließlich dänisch und der Titel bedeutet so viel wir “Bis wir nach Hause gehen”, handelt von einem gebrochenen Herzen und so etwas holt mich immer ab. Es erinnert mich thematisch an meinen Lieblingsbetrag vom ESC 2024, der Belgier Musti mit Before the party is over. Der Song war soo toll und Mitfavorit, bis Musti ihn dann erstmals live gesungen hat, ähm. Er ist dann tatsächlich im Semifinale ausgeschieden und ich find es ewig schade, konnte die Entscheidung aber leider verstehen.

Wie auch immer, Lund wird das hoffentlich nicht passieren, weil ich mag auch diesen Song sehr. Er ist in Prinzip recht unspektakulär, irgendwas zwischen Club und Kunstperformance mit diesem Aquarium, das Lund für das Staging benutzt. Das ist sehr reduziert und dennoch ziemlich wirkungsvoll. Bei den ESC Reactions meinte Marcel Stober, man hätte das Aquarium vielleicht vorher noch sauber machen können (harhar), aber mit den Kameraeinstellungen, dem Licht und den Moves von Lund und Konsorten ist es einfach irgendwie lowkey bezaubernd. Ein Trickshirt hat Lund auch an, unter dem sich ein Netzleiberl verbirgt, was ihm gut steht.

Das ist der bescheidenste Song, der heuer aus Skandinavien kommt, aber ich hätte nichts dagegen, wenn der ziemlich weit oben landet.

ESC Australien 26

Australien, unser Lieblingsland in Europa, ist seit 2015 beim ESC dabei, also seit dem Songcontest aus der Wiener Stadthalle. Sie haben mit sehr gefälligem Pop begonnen und gleich einmal den fünften Platz belegt, sicher auch ein bisschen als “warm welcome” gemeint. Nach einigen Jahren hat das Land dann aber festgestellt, dass mit eingängigem Pop alleine kein Staat zu machen ist. Die Popera Künstlerin – jemand nannte sie ESC Prinzessin – Kate Miller-Heinke (plus Backgroundsängerinnen) wurde daraufhin auf einer meterhohen, herumschwingenden Stange platziert und dabei hat sie postnatale Depressionen besungen. Ja! will man Australien da zurufen, jetzt nähern wir uns der Sache an, harhar Erstaunlicherweise holte diese ikonische Performance “nur” den 9. Platz.

Danach wurde es etwas experimentell. Die Sängerin Montaigne konnte wegen den Reisebeschränkungen 2021 nicht nach Rotterdam und schickte ein Video, das nicht nachbearbeitet werden durfte. Sie bewies leider eindrucksvoll, dass dem tatsächlich so war, denn es klang ziemlich schief. Australien schied erstmals im Semifinale aus. 2022 hatten wir mit Sheldon Riley und Not the same die überfällige Selbstermächtigungshymne, während 2023 mit Voyager echt Spaß machte, inklusive Toyota M2 aus den 1980er Jahren auf der Bühne. Im Jahr darauf erinnerte sich Australien an seine Aborigines-Wurzeln und schickte das Lied One Milkali (One Blood) dessen Vibe war: Wir haben uns alle ur lieb, wir sind sind nonbinär und naturverbunden. Ja von mir aus, aber ein interessanter Song wäre mir lieber gewesen, harhar. Über letztes Jahr können wir gern den Mantel des Schweigens breiten.

Heuer ist Australien zurück mit der ganz großen Geste.Eclipse von dortigen Superstar Delta Goodrem, die auch, wie praktisch jeder, den man aus Australien kennt, in der Serie Neighbours mitgespielt hat, ist ohne Frage ein “perfekter” Song. Goodrem ist schön, braungebrannt, und barfuß, trägt im Video ein goldenes “Kleid” in der Wüste, singt super, sicherlich auch live. Aber obwohl Australien heuer tatsächlich zum Favoritenkreis für den Sieg gehört: Es ist schon auch ein bisschen zu poliert, zu wenig überraschend, da fehlen mir persönlich die Ecken und Kanten.

Der Song ist ein bisschen so wie ihr Kleid – da ist sie nicht nackt drunter, mit dementsprechendem Risiko, wenn der Wind geht harhar, sondern sie hat diese hautfarbene Stoffschicht eingezogen, damit nix schiefgeht. Das ist mir zu aseptisch und auf Sicherheit bedacht. Weniger wäre hier tatsächlich im doppelten Sinn besser gewesen.

ESC Italien 26

Kommen wir zu meinem Lieblingsland beim ESC: Italien.

Italien hat ja sein San Remo Festival, das den Italienern tatsächlich viel wichtiger ist als der Song Contest. San Remo ist kein ESC Vorentscheid, selbst wenn das auch Menschen, die es besser wissen müssten, immer wieder behaupten. Aber dem Sieger wird der Einfachheit halber halt angeboten, zum ESC zu fahren, was dieser allerdings nicht immer tut, zum Beispiel voriges Jahr. In diesem Fall kommt der Zweitplatzierte an die Reihe. Italien hatte von 1998 bis 2010 eine längere ESC Pause, aber seit sie zurück sind, waren sie bis auf zweimal immer in den Top 10 (diese beiden Male performten übrigens Frauen ähm) und was noch erstaunlicher ist, mit ganz unterschiedlichen Genres. Wir hatten natürlich Pop, wir hatten Popera, wir hatten Cantautore, wir hatten Jazz, wir hatten Indie, Rap und sogar Rock – Maneskin haben nach ihrem Sieg 2021 tatsächlich eine globale Karriere gemacht. Und ich war bei ihrem Konzert in der Stadthalle 2023.

Auch dieses Jahr gab es irrsinnig tolle und innovative Musik beim San Remo Festival. Gewonnen hat allerdings Sal Da Vinci, harhar.

Sein Song “Per sempre si” (Für immer ja) ist eine Ode an die lebenslange Liebe und insgesamt extrem schmalzig, schlagerig und auch schon ein bisschen angestaubt. In der ESC Facebook Gruppe schrieb die Journalistin Eva Haslinger, er hätte Heiratsschwindler-Vibes und ich finde diese Formulierung immer noch genial, weil sie so sehr ins Schwarze trifft.

Sal da Vinci selbst – ich weiß nicht, wie man den schönen Namen Salvatore tragen kann und sich dann “Sal” nennt – ist heuer einer der ältesten Teilnehmer, was ja super ist, dass auch Menschen weit jenseits der 50 langsam beim ESC sichtbar werden. Dass er in Würde altert, würde ich jetzt aber nicht unbedingt behaupten harhar, dafür ist er zu braun gebrannt, die Zähne sind zu weiß, die Haare zu schwarz bzw sind es auch viel zu viele, es ist hier alles einfach “too much”. Und das ist dann schon wieder so penetrant, dass es irgendwie doch wieder typisch italiensch ist, so nach dem Motto: Mir doch egal, ich ziehe hier mein Ding durch, ganz egal was andere davon halten. Und das finde ich ja ziemlich sympathisch.

Der Song ist natürlich total aus der Zeit gefallen, aber wie jemand beim ESC Compact Reaction sagte: “Aber schau dir doch die heutige Zeit mal an, da bin ich doch froh, wenn ich an eine andere Zeit erinnert werde.” Und auch wenn das witzig ist, hat es doch im Kern eine Wahrheit. Und insofern stehen die Chancen nicht schlecht, dass Italien auch heuer wieder recht weit vorne landen wird.

ESC Rumänien/Schweiz 26

So jetzt wirds anspruchsvoll, es folgt eine Textanalyse.

Zur Geschichte Rumäniens beim ESC muss man jetzt nicht so viel sagen. Die Sängerin Alexandra Căpitănescu tritt jedenfalls dieses Jahr mit einem Songs namens Choke Me an. Wie man sich denken kann, hat dieser Titel für Aufregung und Zensurwünsche (das aktuelle non plus ultra der Diskurskultur) gesorgt. Căpitănescu hat betont, sie meine die Sache im übertragenen Sinn und mit kritischem Unterton. Trotzdem haben Gegner des Beitrags wieder von toxischer Männlichkeit gesprochen und sorry, aber wie kommt jetzt der toxische Mann sofort ins Spiel, wenn eine Frau irgendwelche Unterwerfungsfantasien hat? Ja, man könnte halt meinen, der Mann “an sich” nimmt sich ein Beispiel an dem Text, Reflexionsfähigkeit wird ihm offensichtlich nicht zugetraut. Außerdem: Wenn ich einen dementsprechenden Kink habe, ist das jetzt “erlaubt” oder müssen meine persönlichen sexuellen Präferenzen erst durch einen Wertekatalog überprüft werden? Und abgesehen davon: Es gab auch schon Todesfälle von Männern, in diesem Zusammenhang.

Im Gegensatz dazu gibt es viel Lob für die Schweiz, ein Land, das in den letzten Jahren zahlreiche ambitionierte Songs zum Bewerb beigesteuert hat, nicht nur Nemo als Sieger ist in Erinnerung, für mich vor allem auch Gjon’s Tears. Veronica Fusano besingt heuer in Alice ein Verbrechen an einer Frau aus der Perspektive eines Mannes. Und rein inhaltlich ist das jetzt nicht so sonderlich weit von Choke me entfernt, ich finde den Text sogar um einiges schockierender. Hier wird aber insistiert, dass es sich um einen Song mit gesellschaftskritischem Anspruch beziehungsweise um Kritik an Gewalt handelt und deshalb wäre das nicht nur okay, es ist sogar vorbildlich.

Ich verstehe nur persönlich den Gedankengang nicht. Bei Choke me traut man einem männlichen Hörer nicht zu, den Text quasi auf eine Metaebene zu heben und von dieser aus zu betrachten, bei Alice funktioniert das dann aber ohne betreute Interpretation? Obwohl man da viel mehr um die Ecke denken muss? I doubt it.

Generell finde ich ja beide Songs an sich ganz gut und wie ich auch schon öfters geschrieben habe, Texte über den politisch korrekten Menschen und die tadellose Lebensführungs sind halt in erster Linie ein bisschen fad. Ob jetzt das Thema Gewalt, egal ob “affirmativ” oder kritisch, das passende in einem ESC Rahmen, das kann jeder finden wie er will.

ESC Finnland 26

Jetzt kommen wir zu einem diesjährigen Geheimtipp oder wie nennt man das, wenn alles sagen, das gewinnt? Ach ja, Favorit. Harhar. Finnland ist tatsächlich dieses Jahr der Favorit auf den ESC Sieg. Die Nerds wünschen sich schon lange einen ESC in Helsinki, weil Schweden kennen sie in- und auswendig, und diesmal stehen die Chancen richtig gut.

Was ist zu Finnland als ESC Nation zu sagen? Nun was für die tschechische Republik eine gewisse Subtilität, ist für Finnland der Holzhammer. Zimperlich sind die meisten finnischen Beiträge zumindest des letzten Jahrzehnts nicht gewesen, allen voran natürlich Käärijä mit Cha Cha Cha, ein richtiger Fan Favorit und sofortiger Kultsong, der sich am Ende nur Loreen geschlagen geben musste. Aber auch Blind Channel (nicht mein Geschack) mit Dark Side waren laut. The Rasmus wurden mit Jezebel aus der Versenkung geholt und vom letzten Jahr ist uns Erika Vikman noch in sehr lebhafter, brachialer Erinnerung. Der einzige finnische Siegersong bisher, Lordi mit Hard Rock Hallelujah aus dem Jahr 2006, war ebenfalls ein Kracher.

Dieses Jahr tritt Finnland mit einem, wie könnte es anders sein, Castingshow Teilnehmer namens Pete Parkkonen an, flankiert von der Stargeigerin Linda Lampenius. Zwischen den beiden liegt übrigens ein Altersunterschied von 20 Jahren und im Merci Cherie Podcast meinte jemand, das sähe man ihnen gar nicht an. Da möchte ich hinzufügen: Ja, aus zehn Metern Entfernung nicht. Wenn man etwas näher kommt, sieht die Sache ein bisschen anders aus, harhar.

Alkis meinte im Podcast auch, die Violinistin wäre etwas unterfordert, was ihre Aufgabe hier betrifft. Aber egal, denn wie wir aus Love Love, Peace, Peace, der Handlungsanleitung zum Schreiben eines ESC Siegersongs wissen: “Nothing says winner like a violin, trust me, bring a violin.” Mir fallen mindestens vier Siegertitel mit Geigenbegleitung ein. Und dazu heißt der Song übersetzt auch noch “Flammerwerfer”, also wieder mal das Element Feuer im Titel. Der für nicht-Finnen ziemlich unaussprechliche Titel ist vielleicht das stärkste Handicap dieses Beitrags.

Der Song ist jedenfalls ziemlich catchy. Ich wusste nicht, dass man so aggressiv Geige spielen kann. Dazu lange blonde Extensions (würde ich sagen), ein silbernes “Kleid”, er im existentialistischen schwarz, das Hemd nachlässig geknöpft, irgendwann fängt es auf der Bühne zu brennen an…Das ist alles mögliche, nur kein Understatement. Es ist jetzt nicht so, dass der Song nach meinem Herzen greift, aber ganz entziehen kann ich mich dem ganzen Drama auch nicht.

ESC Tschechische Republik 26

Nachdem ich wieder eine persönliche Nachricht von Marco Schreuder bekommen habe, meine Top 10 des heurigen ESC zu schicken, wurde es jetzt wirklich Zeit, mir die Songs genauer anzuhören, was für mich jedes Jahr Überwindung bedeutet. Im Gegensatz zu neue Filme anschauen ist neue Musik anhören für mich echt Arbeit. Aber ich kann jetzt sagen, einer meiner Favoriten kommt heuer einmal mehr aus der Tschechischen Republik.

Erst seit 2007 überhaupt dabei, zeichnet sich dieses Land seit einigen Jahren durch kontinuierlich ambitionierte Beiträge aus, die allesamt in Richtung Indie-Pop tendieren, was vielleicht eh mein Lieblings-Musikgenre ist. Da gabs die Band Lake Malawi mit Friend of a Friend, deren recht umständliche Lyrics unter anderem davon erzählen, wie die Nachbarn beim Sex belauscht werden; für dieses durchaus interessante Thema ist mir der Song dann fast ein bisschen zu eingängig, harhar. Dann kam We are Domi mit Lights Off, ein mystischer Song mit Elektroanklängen, mit dem Video hätte George Orwell auch seine Freude gehabt. Und den 2023er Beitrag My Sister’s Crown von der Frauenband Vesna liebe ich ohnehin sehr, weil er so strange klingt und so außergewöhnlich aufgebaut ist, ich habs ja sehr gern, wenn wild durcheinandergesungen wird, und die Band gefühlt irgendwas ganz anderes dazu spielt.

Dieses Jahr singt ein gewisser Daniel Zizka den Song CROSSROADS, und es geht da, wie ich das interpretiere, um die Struggles des Erwachsenwerdens. Eine Freundin sagte einmal bei einer Lesung zu mir, diese Themen interessieren sie nicht mehr, weil “das hab ich hinter mir”, harhar und das ist schon auch wahr. Allerdings steht man ja auch später im Leben immer wieder mal an Weggabelungen oder wird vom Schicksal gegen den eigenen Willen in Richtung solcher befördert.

CROSSROADS ist jedenfalls ein Song, der sich drei Minuten lang ziemlich erfolgreich dagegen wehrt, von so etwas wie einem herkömmlichen Refrain oder sonst einer auch nur irgendwie eingängigen Melodie vereinnahmt zu werden. Es ist gleichzeitig ein Slow Burner und ein Grower, oder wie William von den ESC Nerds wiwibloggs zutreffend feststellt: “This is very unusual for a Eurovision song”. Ob die Leute am Abend des Grand Finals (oder erstmal des Semis) die Geduld dafür haben, weiß ich nicht, ich weiß nur, Zizka hat für mich eine künstlerische Vision und ich finde das einfach schön, sehr stimmungsvoll.