almis personal blog

Unsere Seelen bei Nacht

Unsere Seelen bei Nacht ist der letzte Roman des amerikanischen Autors Kent Haruf, der erst mit über 40 Jahren als Schriftsteller debütierte. Sein Eurve ist überschaubar, sechs Romane hat er insgesamt verfasst, weil er pro Buch so sechs Jahre braucht (ich fühle es sehr, harhar) Alle seine Werke spielen in der fiktiven Stadt Holt in Colorado; in dem Bundesstaat, in dem auch er selbst ansässig war.

Unsere Seelen bei Nacht ist ein, finde ich, recht pathetischer Titel für ein Buch, das in einer extrem lakonischen ja fast sachlichen Sprache verfasst ist – vor allem auch für Art von Geschichte, die der Roman erzählen will. Es geht um Addie, eine verwitwte Pensionistin um die 70, die eines Tages die Straße entlang geht um ihren Nachbarn Louis, ebenfalls Witwer, den sie Zeit ihres Lebens, (wenn auch eher oberflächlich) kennt, einen Besuch abzustatten. Bei diesem Besuch schlägt sie ihm vor, dass er von nun abends zu ihr kommen und bei ihr übernachten könnte, um die Einsamkeit, die sie fühlt und die sie auch bei ihm antizipiert zu überwinden…

SPOILER MÖGLICH

Addie geht es bei diesem Vorschlag nicht um Sex, es geht darum, sich gegenseitig Gesellschaft zu leisten und nachts nicht alleine zu sein, es geht um tiefgründige Gespräche. Und ich weiß nicht, liegt es daran, dass Haruf selbst schon schwerkrank war und (zu) wenig Zeit für diesen Buch hatte, aber irgendwie ist mir das alles dann viel zu “en passant” erzählt. Denn tatsächlich hat vor allem Addie ein schweres Schicksal zu bewältigen. Ihre ältere Tochter ist 30 Jahre zuvor beim Spielen mit dem kleinen Bruder – er hat sie mit dem Wasserschlauch quasi aus dem Garten “gejagt” – auf der Straße tödlich verunglückt. Niemand konnte etwas dafür, aber dieser Unfall hat verständlicherweise Addies ganzes Leben verändert. Ihr Mann verstummte und ihr Sohn entwickelte einen Selbst- und in weiterer Folge auch einen Menschenhass, unter dem inzwischen auch ihr Enkel Jamie zu leiden hat.

Das wäre spannend gewesen, hier mehr zu erfahren, aber Haruf erzählt uns lieber in größtmöglicher Ausführlichkeit, wie Louis den Rasen mäht, Addie den Picknickkorb packt und viele kleine andere Alltagserlebnisse, die für sich durchaus süß geschildert werden, aber dahinter lauert eben so viel mehr, über das wir kaum etwas erfahren. So hören wir auch, dass in Louis’ Leben ebenfalls nicht alles nach “Wunsch” verlaufen ist. Er hat seine Frau betrogen, als seine Tochter noch klein war, sich letztendlich aber dann doch für die Familie und gegen die Geliebte entschieden. Aber das ist im Grunde auch nur recht halbherzig geschehen, es schwingt immer so eine Melancholie eines ungelebten Lebens mit, das er lieber geführt hätte. Er weiß, wie viel er kaputt gemacht hat, ohne selbst jemals selbst wirklich zufrieden zu sein. Auch da wäre es interessant gewesen, näher hinzuschauen.

Ein größeres Thema des Romans sind hingegen dann die Nachbarn, die sich den Mund zerreißen über die beiden – Louis nächtliche Besuche bleiben nicht unbemerkt – und die Kinder, die ebenfalls gegen die Partnerschaft sind. Und ich weiß ja nicht wie es ist, im “Bible Belt” der USA der Gegenwart, aber irgendwie kommt mir das alles ziemlich betulich und von vorgestern vor. Und irgendwie interessiert es mich auch nicht wirklich, mich wundert eher, dass das die ganze Umgebung so beschäftigt, dass dieses Element so viel Platz in diesem Roman einnimmt.

Auch wenn Unsere Seelen bei Nacht ein paar wirklich gut geschriebene Szenen hat, vor allem die Momente, als Jamie zu Besuch ist, und die beiden eine Art Großelternrolle einnehmen fand ich schön, finde ich es doch vor allem schade, dass hier die Chance leider ein bisschen verpasst worden ist, eine wirklich tiefgehende Geschichte zu erzählen.