Der Film If I Had Legs I’d Kick You der Regisseurin Mary Bronstein handelt von Linda (Rose Byrne), einer Mutter im Zustand des quasi ganz normalen Wahnsinns.
Ihr Kind leidet an einer rätselhaften Krankheit und muss teilweise per Sonde ernährt werden, ihr Mann (Christian Slater) ist als Seefahrer permanent abwesend, im Alltag jongliert sie Haushalt, Krankenhausbesuche und nicht zuletzt ihre herausfordernde Arbeit als Psychotherapeutin. Als dann noch in der Wohnung über ihr ein Wasserschaden entsteht, der ein Loch in die Decke reißt, droht ihr ohnehin nur noch mit großer Mühe aufrechterhaltener Versuch zu funktionieren endgültig zu scheitern…
MÖGLICHE KLEINERE SPOILER
If I Had Legs I’d Kick you ist keine Geschichte einer Frau in der Opferrolle, die sich komplett selbst aufgibt, um für andere da zu sein und den Laden am Laufen zu halten. Das ist vielmehr die Geschichte davon, was passiert oder passieren kann, wenn man das tut, was einem ja manchmal so halb-jovial geraten wird, wenn man als Mutter kurz vorm Zusammenbruch steht und das irgendwie artikuliert: Ja, dann lass doch mal los, dann tu halt nichts mehr, gib doch mal die Kontrolle ab. Genau das tut Linda hier, die im Übrigen aber keine besondere Sympathieträgerin ist und für Frauen in einer ähnlichen Situation nur bedingt zur Identifikationsfigur taugt, sie lässt einfach los. Und, Überraschung, das führt geradewegs ins absolute Chaos, aber auf keine humorvolle, augenzwinkernde Art. Es ist ein Chaos, das irrsinig kräfteraubend wirkt und in weiterer Folge zunehmend bedrohlich.
Denn Lindas Tochter ist wahnsinnig nervig, ihre Kommunikation besteht in einer ewigen Litanei von: “Mama, meine Socken sind nass, ich will einen Hamster, nein, dieser Hamster ist bissig, ich will lieber einen anderen Hamster, komm her Mama, ich habe Hunger, aber ich mag keine Käse, tu den Käse da weg, Mamaaaa komm her”. Und wenn nicht die Tochter stresst, dann wird Linda in ihrer Praxis ein schreiendes Baby in die Hand gedrückt, das wirklich minutenlang brüllt, nebenbei muss Linda die Polizei rufen. Das Handy ist überhaupt ein Quell der Unerfreulichkeit, Linda bekommt permanent Nachrichten, die man als unterdrückte Vibrationen wahrnimmt, oder das Telefon läutet ohnehin in einer Tour und wenn sie abhebt, keift ihr Mann sie an. Zudem lauert ihr der Schulwart täglich auf, weil sie falsch parkt.
Die Regisseurin arbeitet zusätzlich mit Elementen aus dem Horrorfilmgenre und kreiiert mit nervöser Kameraführung, einem beunruhigenden Sounddesign und natürlich auch dem Loch in der Decke, das alles zu verschlingen droht, eine Atmosphäre der permanenten Anspannung. Dazu kommt, dass uns das Gesicht der Tochter nie gezeigt wird, man hört nur ihre Stimme und sieht mal einen Finger oder ihre Beine – ein inszenatorischen Trick, den wir erst kürzlich so ähnlich in Nickel Boys erlebt haben und den ich, ich sag es ehrlich, gehasst habe wie nur was, harhar. Hier ist es nicht ganz so schlimm, da die Tochter nicht die Hauptperson ist, aber ich mag das trotzdem nicht, auch wenn ich die Intention verstehe.
Erwähnt werden muss noch der Comedian Conan O’Brien, der hier, laut eigener Aussage, einen einmaligen Ausflug ins Schauspielfach übernimmt. Schade eigentlich, denn er spielt den Therapeutenkollegen unserer Hauptperson hier so schön schroff, unnahbar und abweisend, dass man ihn richtig gern nicht leiden kann.
Insgesamt ist das kein “schöner” Film, auch nichts, was das Herz berührt, aber eine dennoch interessante fast immersive Erfahrung, wenn es auch etwas masochistisches hat.
