Belle Burden gelang, wie ich schon geschrieben habe, mit ihrem autobiografsich geprägten Roman über das Ende ihrer Ehe namens Fremde ein mega Bucherfolg in den USA, der heiß diskutiert wurde, weil Burden offen über ihr eigenes Leben schreibt. Burden entstammt selbst der berühmten (und reichen!) Vanderbilt Familie, ihre Großmutter war ein It-Girl ab den 1930-er Jahren und eng mit Truman Capote befreundet.
Die Handlung von Fremde setzt im März 2020 ein, als Burden mit ihrem Ehemann James (sein Name wurde geändert) und den zwei jugendlichen Töchtern – der ältere Sohn ist bei Freunden geblieben – vor dem New Yorker Lockdown in ihr Feriendomizil auf Marthas Vineyard flüchtet. Bereits wenige Tage später erhält sie dort den Anruf eines ihr unbekannten Mannes, der behauptet, seine Frau hätte ein Verhältnis mit James. James leugnet nicht, trennt sich sofort von Belle und reist ab. Entgegen meiner Befürchtungen ist die Pandemie hier ein Nebenschauplatz, und kommt vor allem als Faktor in Bezug auf die Isolation in dieser Ausnahmesituation vor. Eine Isolation, die gute und schlechte Seiten hat. Einerseits kann sich Belle zurückziehen und muss nicht unmittelbar Rechenschaft über die neue Situation ablegen, andererseits sind die Menschen, die sie unterstützen können, zumindest räumlich weit entfernt.
Wie schon bei Lena Dunham, der vorgeworfen wurde, in ihren Erinnerungen Adam Driver in Misskredit zu bringen, habe ich auch hier nicht den Eindruck einer Racheaktion. Und glaubt mir, ich würde es sagen, wenn es anders wäre, harhar. Es ist vielmehr der Versuch von Burden zu begreifen, wie es so weit kommen konnte. Wie ihr Mann, mit dem sie 20 Jahre glücklich verheiratet war, ein guter Mann und Vater, plötzlich ohne viel Erklärung aus ihrem Leben verschwinden konnte, als hätte sie nie eine Rolle gespielt. Diese Erkenntnis, die wahrscheinlich jeder von uns schon einmal hatte, einen anderen, besonders vertrauten Menschen plötzlich nicht mehr wiederzuerkennen, weil man seine Handlungen (oft in Bezug auf einen selbst) nicht verstehen kann. Burden gräbt in James’ Vergangenheit, versucht Traumata zu identifizieren, sucht die “Fehler” aber auch bei sich. Sie beschreibt die Reaktionen ihrer Umwelt: ihre Ärztin etwa meint, da Burden seit den Kindern nur noch ehrenamtlich als Anwältin arbeitet, dass nicht-berufstätige Frauen für Männer meist uninteressant werden. Und das ist auch so ein interessantes Phänomen, wenn man eine Trennung durchmacht, dass ganz viele Menschen einem ihre Lebensansichten und Glaubenssätze aufdrücken, die in der Regel nicht gerade hilfreich sind.
Einen beträchtlichen Teil des Romans nimmt auch das Eingehen auf finanzielle Aspekte ein. Gut, wir sind jetzt alle keine Vanderbilt Erben (harhar), aber es geht ums Prinzip. Burden hat auf Wunsch von James und gegen den Rat ihres Anwalts einen Ehevertrag unterschrieben, der besagt, dass das in der Ehe erwirtschaftete Geld im Falle der Scheidung bei der Person bleibt, die es verdient hat. Sprich: Die hohen Einkünfte von James gehören am Ende ihm allein. Burden selbst hingegen hat die gemeinsame Wohnung und das Haus großteils vom ihrem Erbe bezahlt und James trotzdem als Miteigentümer eintragen lassen, weshalb sie ihn nun auszahlen müsste, was ihren finanziellen Ruin bedeuten würde; dazu kommt es dann nicht, da James schließlich einlenkt. Trotzdem hat sie durch ihre Entscheidung große finanzielle Einbußen. Diese Entscheidungen, die aus Liebe und das Vertrauen in ein “happily ever after” getroffen wurden, das wir – sind wir uns ehrlich – an einem gewissen Punkt alle hatten, können einen im Zweifelsfall die Existenz kosten. Auch wenn es unromantisch klingt, über Geld zu sprechen, Burden erinnert uns daran, dass eine faire Einigung in den “guten Zeiten” wichtig wäre.
Fazit: Ein dicht erzählter Page-Turner, der zeigt, wie man als der Mensch, der “übrigbleibt” irgendwann in der Lage ist, das Tal der Tränen auch wieder zu verlassen. Allerdings ist es ein langer, schmerzhafter und oft schwieriger Weg, der mit sehr viel Selbsterkenntnis und Bewusstseinsarbeit einhergeht. Vor allem dem Bewusstsein, das Leben lieben zu lernen, auch wenn von nun an jemand fehlt.
