almis personal blog

Sex and Death at Camp Miasma

So. Wie fang ich da an. Teenage Sex and Death at Camp Miasma ist der dritte Film der nonbinären Person Jane Schoenbrun und der erste, den ich bisher gesehen habe.

Es geht um Kris (Hannah Einbinder), eine Filmregisseurin, die damit beauftragt wird, die legendäre (fiktive) Camp Miasma Horroflm-Franchise wiederzubeleben. In dieser Filmreihe geht es darum, dass Jugendliche, die ein Sommercamp besuchen, vom sogenannten “kleinen Tod”, der selbst als (trans) Kind ertränkt wurde und seitdem im See lebt und Rache nehmen will, abgeschlachtet werden. Kris soll die Franchise für die woke Gegenwart adaptieren, das heißt vor allem queerfreundlich neu denken. Für einen kreativen Gedankenaustausch trifft sie sich mit dem sogenannten final girl1 des ersten Camp Miasma Films, Billy (Gillian Anderson), die sich von der Schauspielerei zurückgezogen hat und alleine im Wald am Drehort der Filme (!) lebt….

ACHTUNG ORDENTLICHE SPOILER

Ich würde diesen Film als sehr intellektuellen Meta-Horrorfilm mit atemberaubenden Bildern bezeichnen.

Der Wald, in dem Billy wohnt, ist nämlich tatsächlich gemalt. Und zwar auf Glas, wie früher bei den Stummfilmen und verschmilzt dann vor der Kameralinse mit Aufnahmen echter Bäume. Und es sieht einfach wunderschön aus, vor allem, weil Kris diesen Wald erstmals betritt, als dieser tiefverschneit ist, was den traumhaften Eindruck noch betont. Auch darüber hinaus gelingt Schoenbrun eine Ästhetik zwischen 1980er Jahren Grobkörnigkeit und im wahrsten Sinn des Wortes leuchtendem Surrealismus. In einer Szene essen Kris und Billy Hühnchen und tunken diese in die typischen Fast Food Saucen ein, und alles wirkt hyperreal und übersexualisiert, ich mein, es ist immer noch Hühnchen harhar. In einer anderen Szene liegen die beiden vor dem Kamin, eingebettet in knallbunte Chips und Saure Drops Sackerl. Diese Bildwelt ist für mich ganz neu und kaum mit etwas anderem vergleichbar, ich fand das sehr faszinierend.

Der Film hat auch viel Mut: Die Figur der Kris – Schoenbrun sagt, sie selbst sei quasi Kris – lebt in einer polyamorösen Beziehung, erzählt Billy aber, dass dieses Partnerschaftsform sie nicht glücklich macht, dass der andere Partner ihrer Frau ihr extrem auf den Senkel geht und, dass sie an Sex selbst auch wenig Gefallen findet bzw. an dem, was sie als für sich “erlaubte” Fantasien definiert. Und hier ist schon sehr amüsant, wie Schoenbrun die woken Standards des politisch korrekten als extrem lustfeindlich dekonstruiert, wenn die primäre sexuelle Wunschvorstellung von Kris ausgerechnet die ist, dass der “kleine Tod” wie im Film auf sie lauert und sie “slashen” will, also eine absolut unkorrekte Gewaltfantasie. Und Billy bestärkt sie darin, diese Fantasie zuzulassen.

Die beiden Darstellerinnen haben mir ebenfalls sehr gut gefallen. Wobei ich sagen muss, dass mir Hannah Einbinder bisher vor allem durch alle möglichen politischen Aussagen negativ aufgefallen ist – dieser Drang von Hollywood-Schauspielern, permanent wenig komplexe Statements zu sehr komplexen Themen zu tätigen, das geht mir auf den Senkel. Ich versuche aber, die tatsächliche schauspielerische Leistung davon zu trennen (und das ist weiß Gott nicht leicht) und in diesem Film hat mich Einbinder als verkopfte, zurückhaltend-kreative Frau tatsächlich voll überzeugt.

Das Manko, das dieser Film mit seinen dutzenden Eastereggs, Referenzen (von denen ich als kaum Horror-affine Person sicher wenig erkannt habe) und Metaebenen hat: Er befindet sich, ähnlich wie Kris, ein bisschen zu viel in seinem Kopf. Als Zuseher fühlt man sich ästhetisch eingelullt und intellektuell gefordert und das ist super spannend, aber man fühlt dabei relativ wenig. Es ist eher ein sehr schön bebildertes Thesenpapier als ein tatsächlich Film-Film. Und was den Horrofaktor betrifft: Natürlich ist dieser Film blutig, aber so überzeichnet und artifiziell, dass er weniger Grauen verbreitet, als herkömmliche Horrorfilme. Ich finde Camp Miasma ingesamt auf jedenfall sehenswert, weil es gäbe dazu noch ganz viel zu sagen. Und ich denke immer noch darüber nach.

  1. “Final Girl” nennt man in einem Horrofilm, vor allem in einem Slasher, die Frau, die am Ende überbleibt und überlebt ↩︎