So. Der Film Digger handelt vom schwerreichen Ölmagnaten Digger Rockwell (Tom Cruise), den seine Profite selbstverständlich mehr interessieren als irgendwelche Umweltaspekte oder auch andere Menschen. Er ignoriert Warnungen von diversen Wissenschaftern, unter anderem dem ökologischen Berater Ganesh (Riz Ahmet) und entschließt sich zu einer sehr gefährlichen Bohrung in Grönland, die eine Katastrophe globalen Ausmaßes anzurichten droht. In einer eilig einberufenen Konferenz mit US Präsident Compson (John Goodman) und anderen Entscheidungsträgern versucht er, die Eskalation einzufangen und sogar zu seinen Gunsten zu nutzen…
MÖGLICHE SPOILER ABER KEINE SUBSTANTIELLEN

Ich hatte bei diesem Umweltkatastrophe Szenario ehrlicherweise Angst, dass uns Innarritu seine “Haltung” um die Ohren haut, belehrend und moralisierend auf uns einwirken wird, wie es derzeit ja in Hollywood ärgerlicherweise öfters der Fall ist. Obwohl das, meines Erachtens, auch überhaupt nicht die Aufgabe eines Regisseurs wäre. Ich finde, Kunst sollte immer zum Reflektieren einladen und verschiedene Sichtweisen vermitteln, aber ich mag von Kunst nicht erzogen oder in eine Richtung gedrängt werden. Und in Digger ist tatsächlich so, dass Innaritu das nicht tut. Es ist ein sehr offener Film, der verschiedene Perspektiven gegenüberstellt, aber nicht sagt, übrigens, die richtige Ansicht ist diese. Ich persönlich feiere das, ich habe aber schon in einigen Kritiken gelesen, dass das manche gar nicht gut finden, die wären lieber an der Hand genommen worden und möchten alles “eingeordnet” haben. Meiner Meinung nach der Tod von Kunst.
Digger hat einige tolle Momente und drei, vier große, wirklich witzige, beeindruckende auch verstörende Szenen, in denen die Arbeit von Innaritus Stamm-Kameramanns Emmanuel Lubezki enorme Wirkung hat. In einer dieser Szenen sitzt Digger mit dem US Präsidenten und sonst einigen (tatsächlich nur) mächtigen Männern an einem Verhandlungstisch . Jemand eröffnet die Sitzung und sagt “Ladies und Gentlemen” und alle schauen sich um, es gibt keine Ladies; das wird nicht kommentiert, muss es auch nicht. Die Männer beraten, wie sie zwar nicht die Realität ändern könnten, aber die Worte, die Medien verwenden oder nicht verwerden. Also gewisse Begriffe sollten quasi nicht fallen bzw. umformuliert werden. Das ist so wie aktuell die SPÖ Führungsdebatte, da sieht man das eine und hört das andere. In Digger ist zum Beispiel “Al Gore” ein solcher no-go Begriff; Gore, der mit seinem Film An Inconveniant Truth 2006 für Diskussionen um Umwelt und Klima gesorgt hat. Sehr schön ist auch ein Auftritt Diggers in einem, so scheint es, EU Gremium, wo er eine ziemliche Brandrede hält – für mich auch der Cruise-Moment von: Ich möchte gerne einen Oscar harhar – und alle europäischen Politikerinnen (hier gibt es sie) und Politiker sind komplett in grau und beige gekleidet. So als wollte uns Innaritu die Sichtweise der US Politik auf die Europäer geben: ein Haufen von unbedeutenden, quackenden und lästigen Stimmen, quasi auf den billigen Plätzen.
Nachdem ich nicht zu viel spoilen will, denn hier ist es wirklich wichtig, dass man ohne zuviel Vorab-Info in den Film geht, noch etwas zu Tom Cruise. Egal wie man den Film jetzt insgesamt findet, seine Leistung ist beachtlich. Natürlich kann man sich fragen, wieso hat Innaritu nicht einfach einen 65 jährigen genommen, der auch so aussieht, die Antwort ist vermutlich einfach: weil es so mehr Spaß macht. Cruise trägt einen naja, nicht fat suit, er ist als Digger nicht fett, er trägt einen Durchschnitts-Mitte-60 Körperbau Suit und gleich am Anfang ist er nur mit einer Boxershort bekleidet, die ihm so halb runtergerutscht ist, und es sieht so unvorteilhaft aus und deswegen so lustig. Das zeigt schon die mangelnde Eitelkeit und Fähigkeit zur Selbstironie, die Cruise ja auch in sich hat. Und das ist sehr sympathisch. Herrlich fand ich auch den wie immer wunderbaren Michael Stuhlbarg in einer kleinen, aber skurillen Rolle als Vize-Präsident. Aber ich bin generell ein Stuhlbarg Fan seit Call me by Your Name.
Also zusammengefasst: Der Film ist auf seine Art schon sperrig und fordert einen auch heraus, es ist kein Film, wo man sich entspannt zurücklehnt und einfach nur genießt. Aber ich bleibe dabei: Ich mag den Film.
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