Ich habe circa 40 Seiten gebraucht, bis ich draufgekommen bin, dass der Roman Long Island von Colm Tóibín die Fortsetzung seines Romans Brooklyn ist.
SPOILER FÜR BEIDE ROMANE
Brooklyn habe ich nicht gelesen, aber ich habe den Film mit Saoirse Ronan gesehen, der mir entgegen meiner Erwartungen sehr gut gefallen hat. In Brooklyn geht die Irin Ellis nach ja, wer hätte das gedacht, eben New York, um dort eine Zukunft zu haben. Einen guten Beruf, eine neue Perspektive auf das Leben und letztendlich auch einen Mann, den (etwas einfach gestrickten) Italiener Tony. Um es kurz zu machen, aufgrund eines Trauerfalls muss sie dann zurück nach Irland reisen und trifft dort eine Jugendbekanntschaft Jim, der viel besser zu ihr zu passen scheint. Sie schwankt – entscheidet sich aber dann letztendlich doch zur Rückkehr. Ich habe mir damals gedacht, so wie Ronan das gespielt hat, eigentlich hat sich Eilis sich weniger für den Mann entschieden als viel mehr für das Leben in den USA. Die wirkliche Liebe hat sie Amerika entgegengebracht.
Long Island heißt so, weil Eilis mit Tony, den zwei jugendlichen Kindern und dem Rest der italienischen Sippe mittlerweile dorthin gezogen ist. Aber sie steht wieder an einem Wendepunkt. Tony hat sie betrogen und die andere Frau bekommt ein Kind von ihm, das – zu allem Überfluss – auch noch in der italienischen Großfamilie aufwachsen soll. Natürlich inakzeptabel. Eilis reist erneut zurück nach Irland, um auch nach 20 Jahren ihre Mutter wiederzusehen und sie trifft natürlich wieder auf Jim, der einfach 20 Jahre Single geblieben ist, der genau jetzt im Begriff ist zu heiraten, und zwar Nancy, die verwitwete Freundin von Eilis, die er seit ein paar Monaten (natürlich) heimlich trifft.
Und ich mag einiges an diesem Roman, die detailreiche Charakterzeichnung, die Spannung, die Tóibín aufbaut, und natürlich auch die Frage, was Heimat überhaupt ist, wo sie liegt. Wenn sie ein Ort ist, verliert man diese irgendwann, wenn man lange genug weg ist? Findet man eine neue ebenbürtige? Eilis ist in die USA aufgebrochen, sie liebt dieses Land. Aber die Familie, in die sie hineingeheiratet hat, ist keine (rein) amerikanische, sondern eine italienische, die ihr fremd bleibt, zu der sie sich nicht richtig zugehörig fühlt. Die alte Familie hingegen ist zu weit weg, und zwar bekannt, aber auch fremd, anders fremd. Hier beobachtet Tóibín sehr genau und scharf.
Aber diese Unentschlossenheit bei allen Beteiligten, die mag ich nicht. Jim ist der Notnagel für Eilis, weil es gerade orsch ist daheim. Nancy ist Jims Notnagel, weil Eilis unerreichbar ist. Nancy selbst hat den Tod ihres Mannes noch nicht wirklich verarbeitet. Entscheidungen werden nicht da getroffen, wo sie notwendig wären, sondern anderorts als Ersatzhandlungen, oft im Alleingang, ohne Absprache, als Trotzreaktion, um jemand in eine Falle zu locken und diesem seine Optionen zu nehmen, um Menschen vor (offenbar) vollendete Tatsachen zu stellen. Und da denke ich mir dann: Oh Leute, ihr seid alle bald 50, geht das nicht ein bisschen reflektierter? Könnt ihr nicht ein bisschen mehr Verantwortung für euch selbst übernehmen? Das ist alles so unentschlossen und “irgendwas”, das hat mich dann auch wieder geärgert.
Deswegen ist Long Island für mich auch keine Liebesgeschichte, sondern eher eine Warnung, was passiert, wenn man sein Leben nur halb lebt.

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