almis personal blog

Violeta

Wenn ein Autor, eine Autorin ein großes Euvre hat und man bisher noch nichts davon gelesen, dann ist oft die Frage, womit fängt man an, um quasi die “Essenz” zu verstehen? Was Isabel Allende betrifft, wurde mir schon vor einiger der Roman Violeta geborgt und so habe ich diesen, der 2022 erschienen ist, erst kürzlich als ersten Roman von ihr gelesen, was wahrscheinlich nicht die beste Idee war. Dieses Werk hatte, wie ich jetzt im Nachhinein erfahre, sehr gemischte Reaktionen und das ist auch das, was ich am Ende empfunden hat, eine doch beträchtliche Ambivalenz, obwohl ich ihren Schreibstil an sich mochte.

In diesem Roman erzählt die bald 100 jährige Violeta del Valle, erfolgreiche Unternehmerin und selbsternannte Feministin, ihrem Enkelsohn Camillo die Geschichte ihres Lebens, das zu Zeiten der spanischen Grippe in einem unbekannten südamerikanischen Land (das Chile ähnelt) begann und quasi zu Corona endete, was ja recht charmant ist, so als dramaturgische Klammer. Diese Parallele beschreibt aber schon auch sehr gut, wie es mir beim Lesen gegangen ist. So gefährlich wie die spanische Grippe war, so mitreißend und inspiriert beginnt das Buch, so interessant finde ich die ersten, sagen wir, 150 Seiten, es geht um etwas, es ist spannend. Im Vergleich dazu ist Corona ziemlich lauwarm und so fühlte mich mich auch am Ende dieses Buches.

Spoiler!!

Denn was am Anfang interessant ist, die skurille Familie, die vielen merkwürdigen Menschen, denen Violeta begegnet, die irgendwo zwischen Idealismus und Kriminal, zwischen Kapitalismus und Esoterik stehen, die sind anfangs erfrischend. Ihr erster Mann Fabian, den sie gegen ihr Bauchgefühl heiratet, aber bald für Julian verlässt, einem windigen Piloten, von dem sie außer sexueller Erfüllung nichts erwarten kann, das läuft sich in den unendlichen Wiederholungen irgendwann tot. Violeta entgleiten gar beide Kinder – der Sohn in die Ideologie, die Tochter in die Drogensucht – letztendlich versucht sie eine Rettung, aber es ist halt alles sehr viel Drama und blinder Aktionismus, und ich finde, sie stellt immer sich selbst in den Mittelpunkt, nicht andere Menschen, auch wenn sie das vorgibt. Es findet wenig psychologische Analyse statt, wieso es soweit kam, dass sie zu den Kindern nie eine wirkliche Verbindung aufbauen konnte. Violeta generiert sich immer irgendwo zwischen Versager- und Märtyererin und auch wenn ich Antihelden mag, das nervt mich.

Bezeichnend ist dafür der Tod der Tochter Nieves, die sie während ihrer ungeplanten Schwangerschaft unterstützt. Nieves geht für ihr ungeborenes Kind durch einen Entzug und Violeta ist während dieser Zeit an ihrer Seite und betreut sie in Los Angeles (!). Violeta gibt ihr eigenes Leben eine zeitlang auf, erzählt sie doch mit einigem Stolz, um für ihre Tochter da zu sein. Aber ein Lover geht sich nebenbei doch noch aus harhar. Als das Baby schließlich als Notfall geboren wird, stellt sich heraus, dass Nieves an Eklampsie erkrankt war, sie verstirbt unmittelbar nach der Geburt. Eklampsie ist bis heute eine gefährliche Schwangerschaftskomplikation, die aber beherrschbar ist und schon in den 1960er Jahren war, wie ich recherchierte, speziell an einem Ort wie Kalifornien. Und das ist irgendwie bezeichend für die Figur der Violeta, die sich immer wieder rühmt, wie beruflich erfolgreich sie war, wie wohlhabend, wie fortschrittlich: Warum hat sie ihre Tochter nicht besser medizinisch betreuen lassen, Stichwort Vorsorgeuntersuchung? Gerade mit der Vorgeschichte als Suchtkranke. Eine Früherkennung hätte ihr vielleicht das Leben gerettet. Aber das ist typisch Violeta: “too late, too little”.

Zuweilen versorgt uns Violeta mit Paolo Coehlo-artigen Weisheiten a la “Der Weg entsteht im Gehen” oder “Wir kriegen nichts geschenkt, wir müssen es uns nehmen und gut darauf aufpassen, sonst wird es uns wieder gestohlen.” Was aber einige Rezensenten und vor allem auch -innen beklagen, dass Allende hier die Sexualität einer über 80 jährigen beschreibt, ihre hängenden Brüste, das finde ich ziemlich kleinkariert, auch wenn die Rezensenten nichts davon hören mögen: überprüft mal euer Frauenbild im Jahr 2026. Das ist nicht das Problem des Romans, dass Violeta bis ins hohe Alter sexuelle Beziehungen hat. Der Roman hat genug andere Schwächen, harhar.

Fazit: Mitreißend angefangen, leider stark nachgelassen. Vielleicht ist der Roman auch einfach nur zu lang. Der Fairness halber werde ich aber noch etwas anderes von Allende lesen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *