almis personal blog

Loving Highsmith

Nachdem ich mich gerade durch das Gesamtwerk von Patricia Highsmith lese, eine vorläufige Zwischenbilanz.

Patricia Highsmiths biografische Verortung ist ziemlich skurill. Sie wurde nämlich in Texas geboren und ist in der Schweiz gestorben. Das kam dadurch zustande, dass sie einen Großteil ihres Lebens in Europa verbrachte, das ihr mehr entsprach als die USA. Sie lebte längere Zeit in Italien, Frankreich, Großbritannien und eben der Schweiz. Sehr früh begann sie, sich für die menschliche Psyche zu interessieren. Vielleicht auch deshalb, weil ihre Mutter ihr erzählt hatte, dass sie ursprünglich versucht hatte, sie – Highsmith – abzutreiben, weil sie eben kein gewünschtes Kind war. Und sowas ist ja wirklich Grund genug. Sie las “The Human Mind”, das populärwissenschaftliche Werk des deutsch-amerikanischen Psychiaters Karl Menninger, der unter anderem über Kleptomanen, Pyromanen und Serienmörder dozierte. Highsmith war davon fasziniert.

Ihren Durchbruch schaffte Highsmith dadurch, dass gleich ihr erster Roman Strangers on a train von Alfred Hitchcock (!) verfilmt wurde. Nun sind ihre Werke aber keine Kriminalromane im eigentlichen Sinn. Bzw. befinden sie sich in einer Art Zwischenwelt. Für Literaten erscheinen ihre Texte zu “poppig” erzählt, für Fans von Kriminalromanen wiederum ist sind sie zu literarisch. Ich persönlich liebe ihre Art zu schreiben. Tatsächlich schreibt sie aber keine Whodunit’s sondern Whydunits, weil sie sich eben dafür interessiert, warum Menschen zu Tätern werden. Moralische Aspekte beschäftigen Highsmith dabei maximal peripher.

Manchmal passiert aber auch nichts dergleichen in den Romanen. Das bedeutet, wenn man ein Buch von Highsmith liest, kann es auch sein, dass überhaupt kein Mord geschieht oder nur nebenbei, als Andeutung. Oder als Unfall. Und das ist das eigentlich spannende. Wenn “nichts” passiert, ist es auch egal, es ist trotzdem ein Lesevergnügen, denn sicher ist, dass der Leser viel über den Charakter einer Figur erfahren wird und auch viel darüber, welche Kleidung sie trägt, was sie liest, welche Musik sie hört, was isst und trinkt, und wohin sie reist. Highsmiths’ Romane spielen häufig an den Orten, wo sie tatsächlich auch lebte oder wo sie hinreiste, und haben sehr viel Lokalkolorit. Selbst Salzburg ist dabei (Ripley Under Ground).

Ihr berühmtester Protagonist ist sicher Tom Ripley, über den ich in der letzten Zeit aus aktuellem Anlass öfters geschrieben habe. Nach The talented Mr. Ripley gab es noch vier weitere Romane mit ihm. Ich bin gerade beim dritten Roman und muss sagen, da braucht man schon eine ordentliche Suspension of Disbelieve dafür – ein Fachausdruck, den ich erst vor kurzem gelernt habe. Er besagt, dass man quasi seine eigene Logik außer Kraft setzen muss, um Dinge zu glauben, die dem rationalen Denken normalerweise widersprechen würde. Wenn man das nicht tut, dann kann man das Buch quasi nicht weiterlesen, weil es einem zu absurd erscheint. Das ist bei Ripley wirklich vonnöten, das muss ich schon sagen. Die Ripley Romane sind auch wesentlich “actionreicher” als viele andere ihrer Bücher. Aber er ist tatsächlich eine sehr faszinierende Figur.

Karl Kraus Ausstellung

In weiser Voraussicht habe ich keine Freundin gefragt ob sie mit mir in die Karl Kraus Ausstellung im Rathaus gehen möchte, weil ich mir nicht sicher war, wie groß diese “Ausstellung” tatsächlich ist. Ich dachte, da schaue ich mal lieber einfach so vorbei, wenn ich in der Nähe bin. Und wie sich herausgestellt hat, hatte ich den richtigen Riecher. Ich spreche von der “Ausstellung” über Karl Kraus und seine Familie, die sich Das Familienleben ist ein Eingriff in das Privatleben nennt.

Eingang zur Ausstellung im Wiener Rathaus

Zunächst einmal: Was geboten wird, ist tatsächlich sehr interessant. Es wird die Familiengeschichte von Karl Kraus beleuchtet, der Jude war und acht Geschwister hatte, von dem nur eines früh verstarb, was in der damaligen Zeit eher ungewöhnlich war. Er selbst war der Zweitjüngste, ein eher kränkliches Kind. Aus Böhmen kam die Familie nach Wien als Karl drei Jahre war, es wurde gerade an der Ringstraße gebaut und Karl verbrachte viel Zeit mit seiner Mutter in Weidlingau, weil die Luft dort besser war. Er galt als Mama-Kind.

Zu seinem Vater hatte er ein eher ambivalentes Verhältnis. Jacob Kraus war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der unter anderem das “Plastiksackerl” erfand. Mit seinem intellektuellen Sohn hatte er wenig Berührungspunkte. Dennoch ermöglichte der relative Reichtum seiner Familie Kraus erst seine Tätigkeit als Herausgeber. Es gab also nicht die Situation, dass Kraus sich gegenüber seines Elternhaus emanzipieren und alleine bestehen musste, was Kraus sehr pointiert so ausdrückte:

Die verkommenste Existenz eines Menschen ist die, der nicht die Berechtigung hat, ein Schandfleck seiner Familie und ein Auswurf der Gesellschaft zu sein

Karl Kraus

Das engste Verhältnis hatte Kraus zu seiner Schwester Marie, die zwar heiratete, aber kinderlos blieb, wie einige der Geschwister. Ihre Wohnung wurde von Adolf Loos (!) eingerichtet. Die Brüder waren wie gesagt robuster und “praktischer” veranlagt, sie arbeiteten im Unternehmen des Vaters. Es gab zwar ab und zu Spannungen, aber keine wirklich großen Konflikte, auch wenn Kraus meinte: “Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit”. Auch Kraus selbst hatte keine Kinder und war mit der Fackel verheiratet.

Furchtbarerweise starben alle Geschwister, die zu dem Zeitpunkt des NS-Staates noch lebten, in Konzentrationslagern – nur einer Schwester (Malvine) gelang die Flucht in die USA.

Der Schauraum als “die Ausstellung”

Soviel zu den Basic Facts, es wäre interessant, noch viel mehr zu erfahren, aber die “Ausstellung” ist wirklich nur ein Schauraum, wo man alles nachlesen und ein paar Fotos ansehen kann, aber tatsächlich ist es eher mager.

Und damit es nicht so wirkt, als würde nur ich immer nörgeln (harhar): mich hat die andere Besucherin, die gerade dort und enttäuscht war darauf angesprochen, ob ich es mir auch viel größer vorgestellt habe. Naja nein, harhar. Eine wirklich große Ausstellung über Karl Kraus wäre natürlich auch mal was schönes.

Von heute

Und neben dem alten Gartenfoto ein neues Regal…

…und meine Licht-Girlande, voller schöner Impressionen, die ich nahe bei mir haben möchte. Bestehend aus Fotos, sowie Zitaten bzw. Sprüchen aus einer Phase, in der ich alles mich irgendwie bestärkende auf Polaroid-Style Abzüge drucken ließ als würde mein Leben davon abhängen

Weitere Obsessionen von mir dann ein anderes Mal. Harhar.

Sterben, zwei

KLEINE SPOILER ZUM FILM MÖGLICH

Während Tom sich also in die Kunst flieht, zieht seine Schwester Ellen, die den doch sehr seriösen Beruf der Zahnarzthelferin hat, den Alkohol vor, um die Realität auszublenden. Sie schafft es nicht, eine Beziehung nüchtern zu führen, obwohl der aktuelle Mann in ihrem Leben genau das vorschlägt. Sie meint sogar, sie wäre ohne Alkohol gar nicht sie selbst. Die Szenen, in denen sie singt (unter anderem Songs, die Regisseur Glasner selbst geschrieben hat) sind zwar stimmungsvoll, generell fand ich diesen Handlungsstrang aber zu “over the top” und auch nicht so gelungen, weil man der Figur nicht näherkommt. Mir ist schon klar, dass Glasner quasi eine andere Bewältigungsstragie zeigen wollte, nämlich die in den Rausch und da gibt es halt oft nicht viel Reflexion, deshalb betrinkt man sich ja, aber das hat mich nicht so richtig erreicht.

Ich hätte lieber noch mehr über Tom erfahren, auch weil Lars Eidinger, den ich bisher peinlicherweise gar nicht so richtig kannte, wirklich irrsinnig gut spielt. Ich verstehe jetzt den Hype um ihn. Tom hat ja tatsächlich enorm viele Themen. Neben dem eigenen Elternthema noch die Beziehung zu seiner Ex-Freundin, die gerade ein Kind von jemanden anderem bekommen hat, aber weil dieser Vater eher abwesend ist, übernimmt Tom sehr viel Vaterrolle für sein, wie er sagt, “Achtelkind”. Außerdem gibt es Toms Arbeit im Orchester – das ist jetzt der dritte Film in 15 Monaten, in dem ein Dirigent/Dirigentin die Hauptrolle spielt, nach TAR und Maestro – er probt gerade das Stück mit dem Titel: Sterben. (sic!) Regisseur Matthias Glasner sagt dazu in seinem sehr aufschlussreichen Interview in der ZEIT: “Ich glaube, dass die meisten Künstler groß geworden sind mit dem Gefühl, ungeliebt, unrichtig, falsch zu sein. Und dass sie beweisen wollen, dass sie etwas wert sind.” Etwas, das ich mir auch sehr gut vorstellen kann.

Bevor ich noch zu einem größeren Spoiler komme, möchte ich den Film, trotz der Themenlage und der drei Stunden Laufzeit (die man wirklich nicht merkt) ausdrücklich empfehlen. Er ist nämlich tatsächlich auch durchgehend grotesk-komisch, deshalb ist er für mich nie erdrückend; weil Humor eben auch ein Mittel ist, um mit dem Leben und Herausforderungen fertig zu werden. Und wenn Tom zum Begräbnis seines Vaters zu spät kommt, weil der Akku des E-Autos leer ist, weil das halt etwas ist, was im Jahr 2020 plus passieren kann, ist das schon sehr skurill. Zum nächsten Begräbnis fährt er dann doch wieder mit dem Benziner.

ACHTUNG MASSIVER SPOILER ZUM SCHLUSS

Am Weihnachtsabend, wo wir Zuseher eh schon gebeutelt worden sind, durch Geburt, Tod, Zahnarztepisoden usw. bittet jemand Tom, zu ihm zu kommen. Es stellt sich heraus, dass jemand seinen Suizid plant, und will, dass Tom quasi draußen wartet und am Ende alles mit der Polizei regelt.

Und das ist schon sehr außergewöhnlich finde ich, dass uns der Film am Ende noch eine so große Frage stellt, die man sich wahrscheinlich noch nie gestellt hat, zumindest hab ich darüber noch nie nachgedacht: Was tut man, wenn ein enger Freund will, dass man quasi seinen Suizid “überwacht”? Versucht man, diesen Freund zu retten, zu überreden, es doch nicht zu tun, heimlich die Rettung zu rufen, weil man sich denkt, morgen überlegt er es sich vielleicht doch anders? Oder respektiert man diesen Wunsch als den freien Willen und ist es ein Zeichen des größten Respekts, dass man diesem Wunsch dann nachkommt? Denn jemand sagt, er war noch nie glücklich, er habe sich das gut überlegt, er will einfach nicht mehr?

Diese Szene fand ich so erschütternd, weil es irgendwie kein richtig und falsch zu geben scheint. Ich werde nicht verraten, was Tom tut, ich weiß nicht, ob ich genauso gehandelt hätte. Aber so wie Tom damit umgeht, scheint alles Sinn zu ergeben.

Sterben, eins

Gestern hab ich mir den Film Sterben angeschaut.

Das hatte ich eigentlich nicht vor, aber er wurde im fm4 Filmpodcast so gut besprochen und klang enorm interessant, dass ich mich doch dazu entschlossen habe. Der Regisseur Matthias Glasner hat in einem Interview gesagt, dass er nicht gedacht hätte, dass er diesen Film – der sehr autobiografisch ist – würde finanzieren können und er dachte, er muss ihm mit dem Handy drehen; und diese Ahnung war ja auch nicht unberechtigt, denn leicht kann es dieser Film beim Publikum nicht haben, denn: 1.) es ist ein deutscher Film, 2.) er ist drei (!) Stunden lang, 3.) er heißt Sterben.

Einen Film so benennen, schwierig. Da geht man an die Kinokasse und sagt: “Einmal Sterben bitte”. Oder man erzählt jemanden, dass man ins Kino geht und der fragt, was man sich anschaut, “Sterben”. Ziemlich irritierend. Ich habe mir gedacht, ich werde mir den Film anschauen und dann einen besseren Titel finden, aber tatsächlich ist es nicht so. Der Film hat so viele Protagonisten, Handlungsstränge und riesige Themen, es gibt da kaum eine passende Überschrift. Außerdem werde ich wohl mehrere Blogeinträge brauchen, weil es so viel zu sagen gibt.

Worum geht es erstmal (grob)? Es geht um die Familie Lunis, eine deutsche “Mittelklassefamilie” Der Vater ist dement, die Mutter Lizzy (Corinna Harfouch) unheilbar krank, der Sohn Tom (Lars Eidinger) ist erfolgreicher Dirigent, privat geht es bei ihm allerdings drunter und drüber und die Tochter Ellen (Lilith Stangenberg) ist Zahnarztassistentin und im Dauer-Rausch. In fünf verschiedenen Kapiteln erzählt Sterben aus dem Leben dieser Familie (und noch etlicher Nebenfiguren). Es passiert sehr viel, das erste Kernthema ist sicherlich das der Familie. Beziehungsweise die dysfunktionale Familie. Und bevor jetzt die schwierigen Themen kommen möchte ich sagen, dieser Film ist trotzdem nicht verzweifelt und deprimierend, sondern erstaunlich humorvoll.

SPOILER MÖGLICH

Die Familie Lunis ist, oberflächlich betrachtet, eine “normale”, durchschnittliche Familie (gewesen), denn langsam löst sie sich durch den nahenden Tod der Eltern als diese Kernfamilie auf. Es gibt keine gröberen (Geld) Sorgen, keine großen Streitereien oder gar Gewalt, alle gehen “normal”, wenn auch distanziert miteinander um. Erst durch den körperlichen Verfall des Vaters kommen die Themen zum Vorschein, die über Jahrzehnte unterdrückt und klein gehalten wurden. Am deutlichsten werden diese zwischen der Mutter Lizzy und Tom, die einmal in der Küche sitzen und einen so verheerenden Dialog wie nebenbei führen, dass einem ganz anders wird.

Zuerst finden die beiden kaum ein Gesprächsthema, doch dann erwähnt die Mutter, die dauernd sagt, wie froh sie wäre, dass der Sohn gekommen ist, dass sie eigentlich nie Mutter sein wollte und ihren Sohn gar nicht mag. Und sie sagt das nicht irgendwie im Subtext, sondern genau mit diesen Worten. Wie die beiden diesen Dialog spielen und wie speziell Lars Eidinger quasi verfällt und ihm klar wird, wie sehr sein ganzes Leben bisher davon bestimmt war, dass es so ist wie es ist, das ist so arg und doch komplett unsentimental gespielt.

Tom sagt über sich selbst, er sei ein kalter Mensch wie sie, seine Mutter, doch wir sehen, dass er das nicht ist, dass er das nur sein möchte oder denkt, er müsse es. Er hängt mit großer Zärtlichkeit an seinem Vater, seiner Ex-Freundin, seinem Künstlerfreund, er ist so sensibel allen gegenüber, die quasi-Distanz, die er ausstrahlen will, ist nur ein Mechanismus, den er sich zugelegt hat, um irgendwie durchs Leben zu kommen und nicht wieder und weiter verletzt zu werden. Seine Kunst, die Musik, ist sein Ventil, um mit dieser Leere, die eine gescheiterte Mutter/Kind Beziehung hinterlässt, fertig zu werden. Die Liebe ist für ihn schwierig, auch wenn er sich sehr stark danach sehnt. Jeder, der selbst ein eigenes Elternthema hat, wird das gut nachvollziehen können.

Julieta

Als ich den Almodovar Film Julieta das erste Mal gesehen habe, habe ich ihn wunderbar gefunden, aber vielleicht nicht so sehr verstanden wie vor einigen Tagen, als ich ihn nochmal angeschaut habe.

Julieta ist ein tieftrauriger Film, in der Almodovar kein einziges Mal versucht, uns Zuseher von dem Schmerz und der Verzweiflung abzulenken, die die Hauptdarstellerin Julieta empfindet. Diese kurios-groteske Folie, die in vielen Werken von Almodovar quasi über dem Ernst des Lebens liegt, um ihn zu entschärfen, die gibt es in Julieta nicht.

Die Handlung setzt ein, als Julieta Mitte 50 Jahre alt ist. Wir merken schnell, dass sie ein Geheimnis hat, das sie nicht einmal ihrem Lebensgefährten Lorenzo erzählt hat. Doch wir erfahren ihre Vorgeschichte in Rückblenden. Ihre Tochter Antina hat zwölf Jahre zuvor ohne nähere Angabe von Gründen den Kontakt zu ihr abgebrochen, mittlerweile ist sie eine erwachsene Frau um die 30. Durch Antinas ehemals beste Freundin wird Julieta – die jahrelang darum gekämpft hat, mit dieser Vergangenheit abschließen zu können – wieder an alles erinnert und, so Julieta, wie eine Drogensüchtige sofort wieder in die Abhängigkeit befördert. Eine Abhängigkeit, die Julieta ihr eigenes Leben kostet und wie sie selbst sagt: “Deine Abwesenheit füllt mein Leben aus und zerstört es.”

Viel kann man zu Julieta sagen, etwa die herausragenden schauspielerischen Leistungen der beiden Hauptdarstellerinnen als junge und ältere Julieta loben, über Almodovars Bildsprache reflektieren, seine Fähigkeit Stimmungen zu erzeugen. Aber an diesem Film interessiert und beeindruckt mich vor allem einfach dieses Thema des Schmerzes, wie lebt man mit diesem Schmerz, der immer präsent ist, wie lebt man vor allem weiter. Wie lernt man wieder, die Schönheit des eigenen Lebens zu sehen, wenn da doch immer etwas fehlt, wenn man auf sich selbst zurückgeworfen ist. An manchen Tagen möchte man alle Fotos zerreißen und alle Kleider aus dem Schrank zerren, überhaupt alle Dinge, die man noch besitzt, aus dem Fenster werfen, weil alles so sinnlos erscheint.

Julieta tut das alles und wir als Zuseher verstehen das, wir können es nachempfinden und doch scheint es keinen Ratschlag zu geben, keine Hilfe, keinen Ausweg. Selbst wenn man einen weiten Weg der Heilung zurückgelegt hat und glaubt, “darüber hinweg zu sein”, so ist man doch nie gefeit davor, durch irgendeinen Trigger wieder neu anfangen zu müssen loszulassen. Aber Julieta ist letztlich doch auch ein barmherziger Film, der seine Protagonistin und uns Zuseher nicht ohne den Silberstreif am Horizont entlässt, denn im Laufe der Zeit verändern sich die Fragen, verändert sich die eigene Haltung oder wie Julieta einmal zu Lorenzo sagt: “Ich brauche keine Erklärungen mehr”. Und sie sagt es nicht aus einer Bitterkeit oder Resignation heraus, sondern weil diese Phase nun beendet ist und weil eine andere Phase beginnt und sich damit ein neuer Blickwinkel und eine neue Bewertung eröffnet. Und diese Hoffnung gibt es für uns alle, jeden Tag.

Megalopolis Reviews

Bei den Filmfestspielen in Cannes ist es auf Twitter immer lustig, wenn man diversen Filmjournalisten folgt, die dann schreiben was sie an diesem Tag alles anschauen werden, dann ihren ersten Eindruck und am Ende kann man die fertige Kritik lesen.

Megalopolis scheint ein extrem polarisierender Film zu sein, was aber für die Reviews super ist, da liest man dann sowas:

Aber auch:

Zusammenfassend also:

In den Reviews liest man außerdem, Megalopolis wäre: “Sucession crossed with Batman Forever and a Lava lamp.” Das muss einem erst mal einfallen. Ein anderer Journalist erzählt, er wäre während des Films auf die Toilette gegangen und hätte dort einen Kollegen kreidebleich aufgefunden, er dachte schon, er müsste die Rettung holen, da sagte der Mann zu ihm, den Film betreffend: “It’s a nightmare”. Ach ja und mehrere Journalisten haben davon berichtet, dass während des Filmes tatsächlich ein Mann vor die Leinwand tritt und Adam Driver (im Film) eine Frage stellt, die dieser dann (im Film) beantwortet. Ist das Brecht’sches Theater oder was ist das? Harhar. Das macht schon alles ziemlich neugierig auf diesen Film.

Coppola selbst scheint zufrieden zu sein, er hat bei der Pressekonferenz zu seinem Film gesagt: “So many people when they die, they say: I wish I had done this, I wish I had done that. When I will die, (…) I will say, I got to see my daughter win an Oscar, I made wine and I got to make every movie I want.”

In Cannes

Jetzt habe ich fast vergessen, dass diese Woche die Filmfestspiele von Cannes starten, wo heuer wirklich extrem viele spannende Werke auf dem Programm stehen.

Allen voran natürlich Megalopolis von Francis Ford Coppola, den er selbst quasi als sein Opus Magnum betrachtet, was interessant ist, wenn man bedenkt, dass zwei der wichtigsten Filme der Filmgeschichte überhaupt ohnehin schon von ihm sind, nämlich der Pate 1 und 2. Und, dass man sowas wahrscheinlich nicht auf Ansage produzieren kann. Für Megalopolis hat er aber tatsächlich Teile seines Weingutes verkauft, um ihn zu realisieren. Es soll ein Science Fiction Drama sein, bei dem es darum geht, eine New York-ähnliche Stadt architektonisch wieder aufzubauen bzw. neu zu errichten, wobei sich zwei Antagonisten darüber streiten, wie das geschehen soll. Adam Driver spielt die Hauptrolle und es gibt noch einen Liebesplot. Den Trailer finde ich ein bisschen messy, muss aber natürlich nichts heißen.

Wenig weiß man noch über den Film Bird – hier gibt es noch keinen Trailer und die Inhaltsangabe ist auch ziemlich kryptisch, ich weiß zumindest nach dem Durchlesen überhaupt nicht, worum es eigentlich gehen soll. Die Besetzung ist allerdings ziemlich interessant, mit Barry Keoghan und Franz Rogowski hat Regisseurin Andrea Arnold zwei Schauspieler gefunden, die beide in der jüngeren Vergangenheit extreme Charaktere gespielt haben. Keoghan war ein geistig zurückgebliebener junger Mann in The Banshees of Inisherin und ein äußert naja, sagen wir verhaltensauffälliger Protagonist in Saltburn. Und Rogowski kenne ich aus Passages, wo er mir dermaßen unsympathisch war, dass ich hoffe, das lag nur an seiner Rolle dort, harhar.

Sehr fasziniert war ich hingegen von Jacob Elordi, der mit Keoghan in Saltburn gespielt hat – auch ihn kann man in Cannes sehen und zwar in Paul Schraders Film Oh Canada, wo er einen amerikanischen Dissidenten spielt, der nicht nach Vietnam gehen will und daher nach Kanada flüchtet. Als älterer Mann wird dieser dann von Richard Gere gespielt, der mit Schrader schon gemeinsam American Gigolo gedreht hat. Und wer sich jetzt fragt, woher man diesen Schrader kennt: er ist eng mit Martin Scorsese befreundet und hat für ihn Taxi Driver geschrieben.

Außerdem in Cannes: Der neue Film von Giorgos Lanthimos, der Kinds of Kindness heißt und wie Poor Things wieder mit (u.a.) Emma Stone und William Dafoe besetzt ist. Aber wenn ich mir den Trailer ansehe, schaut er eher wieder nach naturalistischem-depri Vibe aus, wie ihn die Filme vor Poor Things ausstrahlten und er soll 168 Minuten dauern. Ich sehe da eine große Chance, dass ich aus dem Film kippen werde, ich werde ihm aber trotzdem eine Chance geben. Spannend vielleicht auch The Apprentice, ein Biopic über Donald Trump; was doppelt schwierig ist, erstens wegen der larger than life Person Trump, zweitens weil das Genre Biopic oft dermaßen ausgelutscht daherkommt, dass man schon spezielle Ansätze oder Perspektiven braucht, um das interessant zu gestalten. Wenn das aber gelingt, kann es großartig sein.

Soviel mal für heute.

ESC 24 – das war’s

Der heurige ESC war zum Ende hin für mich traurig und anstrengend, ein Tiefschlag nach dem anderen, wo sich die EBU nicht mit Ruhm bekleckert hat; und dann noch die Meldungen von Menschen, die den ESC eh nie mochten (fair enough) zu lesen, welcher Mist die ganze Veranstaltung doch generell ist. Es gibt aber viele Menschen, mich eingeschlossen, denen der Song Contest etwas bedeutet und schon großer Trost in echten Krisen war. Ich würde nie auf was hinhauen, was anderen wichtig ist, selbst wenn ich damit nichts anfangen kann. Insofern war ich dann gestern Abend irgendwie in sehr ambivalenter Stimmung.

Aber dann ging es los, ich hatte Aperol, das Sofa und die ESC WhatsApp Gruppe und die Stimmung hob sich. Zum einen sicher, weil das Niveau heuer wirklich recht hoch war, viele gute Beiträge und sehr kurzweilig, zum anderen, weil die Anspannung, das was passieren könnte in der Halle, langsam in den Hintergrund getreten ist. In der Gruppe wars lustig. Und wir haben einen würdigen Sieger, finde ich. Die Schweiz gewinnt zum dritten Mal, der letzte Sieg war im Jahr 1988 – Celine Dion!

Nemo, kurz bevor er seine Trophäe zerstört hat, harhar

Zusammenfassend kann ich sagen:

  • Wettquoten am Arsch. Ich weiß nicht, warum die Community so auf die Quoten schaut (mich eingeschlossen), wenn sie dann oft doch sehr danebenliegen. Kroatien hatte am Schluss eine 50 Prozent Quote zu gewinnen. Gut, sie wurden Zweiter, aber trotzdem. Österreich war am Ende auf Platz 10. Leider nur in den Quoten.

  • In den Top 10 sind dieses Mal gleich sieben Songs, die in Landessprache gesungen wurden.

  • Israel hat erstaunlich wenig Jurypunkte bekommen dafür, dass der Song eigentlich ein typisches Jurylied war (Verschwörungstheorien bitte hier einfügen). Dafür hat Irland erstaunlich viele Jurypunkte bekommen, was mir aufgrund der gesanglichen Leistung (eher Schreierei) relativ unerklärlich ist. No offense, aber so hohe Punkte von Jurys, die oft einen Gesangsfetisch haben?

  • Deutschland wird endlich seinen letzter-Platz-Fluch los und wird guter 12. Italien bleibt auf die Top 10 abonniert (diesmal Platz sieben), auch Schweden wieder ordentlicher Platz (9).

  • Es gibt kein Land mit null Punkten ingesamt, es gab aber bei der Publikumswertung einmal null Punkte und das ausgerechnet für UK, die mit Olly Alexander gewissermaßen einen Star am Start hatten.

Ich bin froh, dass die Schweiz gewonnen hat. Weil der Song gut ist, weil er auch super performt war und weil Nemo, soweit ich es mitbekommen habe, ein fairer Kandidat seinen Konkurrenten gegenüber war. Die Schweiz ist neutrales Land, wo der ESC auch tatsächlich stattfinden kann (wenn es auch sehr teuer wird harhar); wäre in der Ukraine und wahrscheinlich auch in Israel nicht möglich gewesen. Der Fokus liegt auf dem Gesamtpaket Song/Performance.

Erstaunt war ich, wie gerührt ich von der Inszenierung der Ukraine war. Der Song hat mir immer schon gefallen, aber das Staging war so hervorragend, am Ende hatte ich Tränen in den Augen, bei der letzten Einstellung, wo sich Alyona Alyona und Jerry Heil zu den anderen (hinprojizierten) Frauen legen.

Ich kann mir nicht erklären warum, aber es war so.

Tja und jetzt ist es 2 Uhr, das Kind ist schon schlafen gegangen (!) und ich bin aufgekratzt, werde aber wohl doch auch ins Bett gehen. Letztendlich hat es der ESC doch wieder geschafft, mich froh zu machen. Was nicht heißt, dass die EBU sich zurücklehnen kann; es wäre Zeit für etwas Selbstreflexion.