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Später Ruhm

Die Prämisse von Arthur Schnitzlers Novelle Später Ruhm, die erst 2014 einem breiten Publikum zugänglich wurde, ist so schlicht wie spannend.

Der Protagonist Eduard Saxberger, ein alleinstehender Mann an die 70 Jahre alt, der in jungen Jahren einen Lyrikband namens Die Wanderungen herausgebracht hat und nun aber schon seit über 40 Jahren als Beamter tätig ist, kommt eines Tages von einem Spaziergang nachhause und wird von einem jungen Mann erwartet. Er gibt sich als leidenschaftlicher Anhänger des Dichters zu erkennen und spricht von einem Zirkel seiner Freunde, die sich “Begeisterung” (sehr Fin de siecle!) nennen, sich als Künstler bezeichnen und ebenso große Bewunderer von Saxberger sind. Der erklärt sich daraufhin bereit, diesem Kreis einen Besuch abzustatten…

SPOILER

Der Daxberger auf dem Cover ähnelt irgendwie William Dafoe, den ich nächste Woche in der Verfilmung sehen werde

Mit dieser Prämisse ist ja sehr viel möglich. Mein erster Gedanke war: Ah, vielleicht ist das so wie in dem Film Un Poeta letztens, wo ein Mann in mittleren Jahren vor Jahren Gedichte publiziert hat, für die Literatur brennt, aber an seiner eigenen Schreibblockade quasi zerbrochen ist. Turns on: Nein absolut nicht. Harhar. Ja, Saxberger genießt die Bewunderung dieser jungen Männer – später kommt noch eine Frau dazu, die auf ihn eine besondere Wirkung hat. Er hat sogar das Bedürfnis, seinen “gewöhnlichen” Freunden, die abends im Gasthaus sitzen und Billard spielen, zu erzählen, wie berühmt er eigentlich ist. Aber als er sich hinsetzt, und versucht wieder zu “dichten” gelingt es ihm nicht nur nicht, er hat auch gar keinen Spaß daran.

Insofern empfinde ich Später Ruhm nicht als die Geschichte eines verkannten Genies, als die Geschichte von jemand, der das Schreiben liebt, aber mit den äußeren Umständen kämpft, sondern eher als Geschichte eines Menschen, der in jungen Jahren Gedichte geschrieben hat, wie andere halt einen Tenniskurs machen, aber dann kein Interesse mehr daran hatte. Der eher mit der Berühmtheit kokettiert, die damit verbunden sein könnte. Mir kommt es regelrecht absurd vor, dass ein schreibender Mensch – ob seine Werke nun publiziert werden oder nicht – einfach mal 40 Jahre keinen Drang danach verspürt, irgendetwas zu verfassen.

Wenn man sich nun die Gruppe der Dichter genauer ansieht – in manchen Überlegungen wird gemutmaßt, dass Schnitzler hier Menschen aus seinem eigenen künstlerischen Umfeld porträtiert, aber es funktioniert auch ohne diese Einschätzung – merkt man eines: Das sind eine Menge Poser und Möchtegerns harhar, die im Prinzip genau wie Saxberger vor allem nach Aufmerksamkeit suchen. So ergibt sich eine Art wechselweise (Selbst)bespieglung, in der sich alle versichern, wie bedeutend sie sind. Und später stellt sich heraus: So weit her war es mit der Bewunderung für Saxberger gar nicht, ja bei vielen liegt sein Gedichtband noch immer ungelesen auf dem Nachtkasterl. Das ist ein relativ böser Blick, den Schnitzler da auf Künstler wirft, aber auch ein ziemlich amüsanter, der Titel Später Ruhm wirkt irgendwie so ironisch wie der Titel The Mastermind, der Film, der im vorigen Jahr über einen Mann erzählt hat, der einen recht patscherten Heist durchführt.

Ab und zu schimmert aber doch ein Hauch von Melancholie durch, denn es gibt einen Moment, in dem Saxberger trotz Ambitionslosigkeit einen tiefen Schmerz erfährt. Mir hat auch die Lakonie gefallen, mit der Schnitzler seine Novelle beendet, als Saxberger sein vernachlässigtes Stammlokal betritt:

“Und es war ihm, als käme er von einer kurzen, beschwerlichen Reise nach Hause, in ein Heim, das er nie geliebt, in dem er aber die dumpfe und weiche Behaglichkeit von früher wiederfand. Er spürte, dass er nichts anderes mehr wollte, nichts anderes mehr brauchte”. 1

Ich mag diese vielen Schichten, die man von Schnitzler kennt, ich mag die Schilderung des Wiens um die Jahrhundertwende, die Stimmungen. Das ist eine schlanke Novelle, aber man denkt noch lange darüber nach.


  1. Arthur Schnitzer: Später Ruhm, Seite 135 ↩︎